# taz.de -- Gewollte Eskalation: Flirt mit der Intifada
       
       > Im Westjordanland nehmen Angriffe auf Palästinenser:innen zu.
       > Experten warnen vor einer Eskalation – manche in der Regierung arbeiten
       > darauf hin.
       
 (IMG) Bild: Israelische Streitkräfte reißen am Montag, dem 31. August 2026, zwei Häuser in der palästinensischen Stadt Nablus im nördlichen Westjordanland ab
       
       Im Juni dieses Jahres fuhr ich mit einem palästinensischen Journalisten im
       Auto aus Ramallah zurück nach Jerusalem. Fast eine Stunde lang standen wir
       im Stau. Der Grund: ein fliegender Checkpoint der israelischen
       Sicherheitskräfte. Nachdem wir diesen endlich erreicht hatten, wurden wir –
       wie alle anderen Autos vor und nach uns auch – einfach durchgewunken. Warum
       sie das tun, diskutierten wir; Sicherheit sei ja vielleicht nicht das
       Argument, wenn wir letztlich gar nicht kontrolliert werden. „Um uns zu
       ärgern“, sagte der Journalist, und: „Sie wollen uns provozieren, bis etwas
       passiert.“
       
       Das Westjordanland ist ein Pulverfass. Viele fragen sich, wann es hochgehen
       wird. Denn viele Palästinenser fühle sich wachsendem Druck ausgesetzt.
       
       Nicht zuletzt durch [1][zunehmende Siedlerattacken] – laut Daten des
       israelischen Militärs durchschnittlich knapp drei am Tag; die Vereinten
       Nationen zählen mehr als sieben. Und von der ebenfalls zunehmenden
       Gewalttätigkeit der Angreifenden: 18 Palästinenser wurden in diesem Jahr
       bereits von Siedlern getötet, mehr als in den Vorjahren. Trotz der Gewalt
       fließt das Geld vom israelischen Staat reichlich: [2][5,3 Milliarden Euro
       gingen in den vergangenen Jahren den völkerrechtswidrigen Siedlungen und
       selbst nach israelischem Recht illegalen Außenposten zu].
       
       Drei große sogenannte Flüchtlingscamps wurden im Nordwestjordanland
       großteils geräumt, teilweise planiert. Bis heute bleiben die ehemaligen
       Bewohner vertrieben.
       
       ## Das Unrecht nimmt zu
       
       Auch die Abrissbefehle haben in den besetzten Gebieten zugenommen: Über 530
       palästinensische Wohnhäuser und Gewerbebauten wurden im ersten Halbjahr
       2026 dem Erdboden gleichgemacht. Erteilt werden sie meist, weil keine
       Baugenehmigung vorliegt. Die sind für Palästinenser in dem von Israel
       kontrollierten Teil des Westjordanlands äußerst schwer zu bekommen. Etwa 95
       Prozent der Anträge werden abgelehnt – auch wenn das Land, auf dem gebaut
       werden soll, Palästinensern gehört.
       
       Und dann ist da noch die Strafverfolgung: Siedler haben für ihre Angriffe
       selten etwas zu befürchten: 93 Prozent aller Anzeigen enden nicht einmal in
       einem Verfahren, 97 Prozent ohne Urteil.
       
       Derweil ist die Zahl der Palästinenser, die in israelische
       Administrativhaft genommen werden – also ohne Rechtsverfahren hinter
       Gittern sitzen – sprunghaft angestiegen. Laut der israelischen Organisation
       B’Tselem saßen 2022 noch knapp 800 ein, derzeit sind es über 3.000. Gegen
       einige gibt es ernst zu nehmende Vorwürfe, etwa dass sie der Hamas
       angehören. Andere wissen nicht einmal, was ihnen eigentlich angelastet
       wird.
       
       Davor, dass das Pulverfass Westjordanland in naher Zukunft explodieren
       könnte, warnt auch Avi Bluth, oberster Kommandeur des Militärs im
       Westjordanland. Zwar hätten die Angriffe von Palästinensern jüngst deutlich
       abgenommen´– von 250 Angriffen im Jahr 2024 auf 57 im Jahr 2025 –, was das
       Militär mit seinen „anhaltenden offensiven Aktivitäten“ begründet. Doch die
       sogenannte „nationalistische Kriminalität“, also die Siedlergewalt, sei ein
       Streichholz, das alles in Brand stecken könne, so Bluth.
       
       ## Intifadas töten Palästinenser
       
       Das könnte Teilen der rechtsextremen Regierung Israels entgegenkommen – so
       zitiert der Sender Kanal 12 einen anderen Militärangehörigen: „Es gibt eine
       Gruppe, die Chaos will.“ Die Unterstützung der Regierung und lokaler
       Staatsvertreter für die gewalttätigen Siedler mache „die Durchsetzung“
       gegen sie schwierig. [3][Der Economist titelte jüngst]: „Israel flirtet mit
       der nächsten Intifada“.
       
       Was würde dann aber passieren? Die erste Intifada begann 1987 mit zivilem
       Ungehorsam und Boykotten durch Palästinenser und ging dann in Gewalt von
       beiden Seiten über. Etwa achtmal so viele Palästinenser wie Israelis
       starben bis 1993, als die Unterzeichnung der Osloer Verträge die Intifada
       beendete: Dabei wurde die palästinensische Autonomiebehörde (PA)
       geschaffen, das Westjordanland in von Israel und der PA kontrollierte
       Gebiete aufgeteilt.
       
       Die zweite Intifada von 2000 bis 2005 war ungleich brutaler und
       gekennzeichnet von Selbstmordattentaten palästinensischer Terroristen in
       Israel. Über 1.000 Israelis und etwa 3.000 Palästinenser kamen um. In der
       Folge baute Israel die Sperranlage, die heute das Westjordanland an vielen
       Orten zerschneidet und seine Bewohner von Israel und Jerusalem trennt. Die
       Situation der Palästinenser hat sich durch beide gewaltsamen Aufstände
       deutlich zum Negativen verändert.
       
       31 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6203884
 (DIR) [2] /Siedlerterror-im-Westjordanland/!6166649
 (DIR) [3] https://www.economist.com/leaders/2026/08/20/israel-is-flirting-with-the-next-intifada
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lisa Schneider
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Westjordanland
 (DIR) Siedler
 (DIR) Intifada
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Palästinensergebiete
 (DIR) Palästinenser
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
 (DIR) Jüdische Siedler
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Siedlergewalt im Westjordanland: Die Belagerung geht weiter
       
       Die Odyssee dreier palästinensischer Familien im Dorf Qusra geht weiter. Am
       Donnerstag evakuierte das israelische Militär mehrere Familien – statt der
       Siedler.
       
 (DIR) Siedlergewalt im Westjordanland: Ein palästinensisches Dorf wird zur Sperrzone
       
       Der christliche Ort Taibeh im Westjordanland wird immer wieder von Siedlern
       attackiert. Nun zieht Israels Militär Konsequenzen. Wird das helfen?
       
 (DIR) Israelische Siedlungen im Westjordanland: Wenn der Hinterhof zu militärischem Sperrgebiet wird
       
       Im Dorf Umm al-Khair lassen sich israelische Siedler:innen nieder,
       direkt neben einer palästinensischen Familie. Die darf nun ihre eigene
       Toilette nicht mehr nutzen.