# taz.de -- Fußball in der Türkei: Wie die Stars angelockt werden
       
       > Nun spielt Portugals Rafael Leão bei Galatasaray in der Süper Lig. Vor
       > ihm kam schon Mo Salah zu Trabzonspor. Ökonomisch vernünftig ist das
       > nicht.
       
 (IMG) Bild: Angekommen: Mit Rafael Leão spielt ein weiterer Weltstar in der türkischen Süper Lig
       
       Als ich mich vor drei Monaten [1][über die Leute lustig gemacht habe], die
       Transfergerüchte schreiben und lesen, war ich vielleicht etwas zu
       leichtsinnig. Damals hielt ich die Vorstellung, dass der portugiesische
       Flügelspieler Rafael Leão in die Türkei wechseln könnte, für ziemlich
       unrealistisch.
       
       Die Tausenden Galatasaray-Fans, die am Samstag am Atatürk-Flughafen auf die
       Absperrgitter kletterten, würden mir heute ins Gesicht lachen – oder mir
       ins Gesicht spucken. Leão verließ nämlich den AC Mailand nicht wie erwartet
       in Richtung [2][Premier League], sondern wechselte zu Galatasaray.
       Gala-Fans sind euphorisch, Fenerbahçe-Fans neidisch, ich bin ratlos.
       
       Die Süper Lig war schon immer ein Ziel für alternde Stars. So spielt etwa
       der 34-jährige Premier-League-Star [3][Mohamed Salah] für Trabzonspor. Für
       ein Jahresgehalt von 17 Millionen Euro netto würde sogar ich nach Trabzon
       umziehen. Noch kurioser ist jedoch, dass sogar Spieler, die noch in den
       Topligen spielen könnten, an den Bosporus strömen. Dušan Vlahović zu
       Beşiktaş, Mason Greenwood zu Fenerbahçe und schließlich Rafael Leão zu
       Galatasaray.
       
       Das ist ein relativ neues Phänomen. Über 20 Jahre lang lag der Rekord für
       den teuersten Transfer in die Süper Lig bei 17 Millionen Euro. In den
       vergangenen drei Jahren wurde diese Marke jedoch gleich 15-mal übertroffen.
       Man könnte argumentieren, dass es andere Gründe dafür gibt, dass diese
       Spieler die Topligen verlassen. Eines ist jedoch sicher: Geld war die
       treibende Kraft. Leãos Gehalt von rund 6 Millionen Euro brutto in Mailand
       wird verdoppelt.
       
       ## Und dann klinkt sich Erdoğan in die Transfergespräche ein
       
       Die Türkei ist jedoch nicht [4][Saudi-Arabien]: Sie ist kein
       rohstoffreiches Land, das so viel Geld ausgeben könnte, um mit Klubs der
       Premier League um große Namen zu konkurrieren. Doch auch die türkische
       Regierung mischt sich, wie in Saudi-Arabien, aktiv in den Fußball ein.
       Dabei spreche ich noch nicht einmal davon, dass sich Erdoğan persönlich in
       den Transfer von Mo Salah eingeschaltet hat.
       
       Mit einer gemeinsamen Verschuldung von 1,4 Milliarden Euro vor der jüngsten
       Ausgabenorgie müssten die drei größten Klubs der Türkei eigentlich pleite
       sein. Ihre hohen Schulden im Verhältnis zu den Einnahmen haben ihnen immer
       wieder Uefa-Sanktionen wegen Verstößen gegen Financial Fairplay
       eingebracht. Wenn es also keine unbekannte Ölreserve gibt, sollten sie,
       statt astronomische Summen für Spieler mit einer großen Karriere vor sich
       zu bieten, ihre Kosten senken. Denn wessen Geld geben sie hier eigentlich
       aus?
       
       Leão bekommt von Galatasaray rund 12 Millionen Euro netto. Gala zahlt auch
       die Steuern des Spielers. Mehr noch: Galatasaray bekommt einen Teil der für
       Leão gezahlten Steuern zurück. Diese Ausgaben werden also geradezu vom
       Regime gefördert. Ein großer Teil der Schulden liegt zudem bei türkischen
       Banken.
       
       Ein weiteres Bild zeichnet der im Februar veröffentlichte
       [5][Uefa-Bericht]. Demnach stiegen die Einnahmen der Süper Lig im Jahr 2024
       um 64 Prozent mehr als in allen anderen der 20 größten Ligen. Treiber waren
       Eintrittsgelder, kommerzielle Einnahmen und „sonstige Einnahmen“. Die
       höheren Eintrittseinnahmen bei unveränderter Stadionkapazität bedeuten,
       dass die Fans deutlich mehr für ihre Mannschaften bezahlen.
       
       Bemerkenswert sind auch die kommerziellen Einnahmen. Der höchste Anteil
       entfällt ausgerechnet auf Galatasaray (57 Prozent), Fenerbahçe (55 Prozent)
       und Beşiktaş (53 Prozent). Ist dieser Anteil nur deshalb so hoch, weil
       angemessene TV-Erlöse und andere Einnahmequellen fehlen? Oder weil
       regierungsnahe Unternehmen oder andere Geschäftsinteressen Geld in ein
       eigentlich scheiterndes Geschäft pumpen?
       
       Der dritte und kurioseste Anstieg der Einnahmen betrifft die „sonstigen
       Einnahmen“: plus 267 Prozent. Zum Vergleich: In Deutschland stiegen die
       sonstigen Einnahmen um 0 Prozent. Hierbei handelt es sich um einmalige
       Subventionen, Zuschüsse und Spenden, also nicht wiederkehrende Einnahmen.
       
       Ob vom Staat oder etwas noch Illegalerem – es hinterlässt das Gefühl, dass
       den Menschen etwas geraubt wird. Vielleicht erklimmen die Fans deshalb
       Zäune am Flughafen, um die Stars zu sehen, weil dies der einzige Ort ist,
       an dem sie diese zu Gesicht bekommen.
       
       31 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ali Çelikkan
       
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