# taz.de -- Colonia Dignidad: „Sprecht endlich und packt aus!“
       
       > Eine Schlüsselfigur des ehemaligen Sektendorfs Colonia Dignidad lebt
       > heute in Krefeld. Angehörige von Opfern haben dort für Aufklärung
       > demonstriert.
       
 (IMG) Bild: Myriam Silva Pérez (l.), deren Mann 1981 ermordet wurde, fordert Aufklärung der Verbrechen der Colonia Dignidad
       
       „Justicia, verdad, no a la impunidad“ – „Gerechtigkeit, Wahrheit, Nein zur
       Straflosigkeit“ – rufen Teilnehmende der Kundgebung, die sich am Samstag im
       Krefelder Stadtteil Oppum versammelt haben. Es ist der internationale Tag
       gegen das Verschwindenlassen. Sie haben Fotos von verschwundenen
       politischen Gefangenen mitgebracht, das deutsch-chilenische Duo
       Contraviento spielt chilenische Lieder, viele singen mit.
       
       Die Kundgebung findet vor einem Mehrfamilienhaus statt, in dem Hartmut Hopp
       wohnt. Hopp war der Arzt und Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad,
       jener [1][1961 in Chile gegründeten deutschen Sektensiedlung], in der
       sexualisierte Gewalt und Zwangsarbeit zum Alltag vieler Bewohner:innen
       gehörten. Während der Diktatur (1973–1990) kooperierte die Sektenführung
       rund um den deutschen Laienprediger Paul Schäfer eng mit dem chilenischen
       Geheimdienst DINA, der politische Gefangene in das abgelegene Gelände am
       Fuß der Anden verschleppte, folterte, rund hundert von ihnen ermordete und
       verschwinden ließ.
       
       Hopp galt als Verbindungsmann zur DINA. Er verfüge über
       [2][Schlüsselinformationen für die Aufklärung] des Verbleibs der
       Verschwundenen, sagt Bianca Schmolze, Menschenrechtsreferentin der
       Medizinischen Flüchtlingshilfe Bochum. „Sprecht endlich und packt aus über
       das, was ihr wisst über politische Gefangene, Verschwundene, Ermordete“,
       fordert sie und richtet sich damit an Hopp und andere frühere
       Führungspersonen der Colonia Dignidad, die heute in Deutschland leben.
       
       Doch Hartmut Hopp will nicht sprechen, er will sein Wissen nicht teilen und
       nicht zur Aufklärung beitragen. Er ist zu Hause, lehnt der taz gegenüber
       jedoch zum wiederholten Male ein Interview ab. In Chile ist er
       rechtskräftig zu fünf Jahren Haft wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch
       und Vergewaltigung Minderjähriger verurteilt. Dieser Strafe und weiterer
       Ermittlungen entzog er sich durch Ausreise nach Deutschland.
       
       ## In Chile verurteilt, in Deutschland unbehelligt
       
       Seit 2011 lebt er unbehelligt in Krefeld, unweit der „Freien Volksmission
       Krefeld“, einer evangelikalen Gemeinde, der viele frühere
       Bewohner:innen der Colonia Dignidad heute anhängen.
       
       Einen Antrag auf Vollstreckung von Hopps chilenischer Strafe in Deutschland
       lehnte das OLG Düsseldorf 2018 mit juristisch umstrittenen Argumenten ab,
       eigenständige Ermittlungen der deutschen Justiz wurden daraufhin ebenso
       eingestellt. „Die Justiz in Nordrhein-Westfalen hat bei der Aufklärung
       dieser schwersten Verbrechen versagt“, sagt der Politologe Jan Stehle.
       „Über ein Dutzend strafrechtliche Ermittlungsverfahren wurden zwischen 1961
       und 2019 geführt. Alle wurden eingestellt wegen vermeintlich fehlenden
       hinreichenden Tatverdachts.“
       
       Die Verbrechen der Colonia Dignidad blieben vor der deutschen Justiz
       straflos, obwohl deutsche Behörden von sexualisierter Gewalt, Zwangsarbeit,
       Folter und Mord in der deutschen Siedlung wussten, kritisiert Stehle.
       
       „Es muss Gerechtigkeit geben“, fordert auch die Chilenin Myriam Silva
       Pérez, deren Mann, der Maler und Aktivist Hugo Riveros, 1981 in Santiago de
       Chile vom Geheimdienst verschleppt und kurz darauf tot aufgefunden wurde.
       Die deutsche Botschaft in Chile hatte es Tage zuvor abgelehnt, Hugo Riveros
       auf ihrem Gelände Schutz zu bieten. Myriam Silva Pérez lebt seit langem in
       Köln und ist zur „Funa“ nach Krefeld gekommen, einer chilenischen
       Aktionsform, mit der Menschenrechtsaktivist:innen an den Wohnort von
       Folterern gehen und die Nachbarschaft auf Taten hinweisen, die vor der
       Justiz straflos geblieben sind.
       
       ## Unterstützung aus dem Bundestag
       
       Doch in Krefeld-Oppum ist Hartmut Hopp und auch die Colonia Dignidad vielen
       Nachbar:innen kaum bekannt. Am Rande der Kundgebung stecken
       Aktivist:innen Flugblätter in die Briefkästen der umliegenden Häuser.
       Ein Anwohner begrüßt sie: „Es ist gut, dass darauf aufmerksam gemacht wird,
       dass hier ein Straftäter wohnt, dessen Taten die deutsche Justiz nicht
       weiter verfolgt.“ Wer die Menschenrechte mit Füßen trete, müsse seine
       Strafe verbüßen.
       
       Die Bundestagsabgeordneten David Schliesing (Linke) und Max Lucks (Grüne)
       senden Grußbotschaften. Beide sind Mitglieder der Gemeinsamen Kommission
       von Abgeordneten und Bundesregierung zur Colonia Dignidad. Schliesing
       erklärt, der Einsatz für die Errichtung einer Gedenkstätte habe „oberste
       Priorität“.
       
       In der Siedlung, die sich inzwischen Villa Baviera nennt, gibt es bis heute
       keine Gedenkstätte, stattdessen prägt ein Hotel-Restaurantbetrieb im
       bayerischen Stil die öffentliche Wahrnehmung der Besucher:innen. Im März
       hatte die extrem rechte Regierung von José Antonio Kast [3][Pläne zur
       Enteignung von Teilen des Geländes zwecks Einrichtung einer Gedenkstätte
       gestoppt].
       
       Nach der Kundgebung statten die Aktivist:innen der Staatsanwaltschaft
       Krefeld einen spontanen Besuch ab. Mit einem Transparent fordern sie ein
       Ende der Straflosigkeit und erklären, dass sie werden wiederkommen werden:
       „Solange die Verantwortlichen für Verbrechen der Colonia Dignidad straffrei
       sind, wird es ‚Funa‘ geben.“
       
       30 Aug 2026
       
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 (DIR) Ute Löhning
       
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