# taz.de -- Die Wahrheit: Der Pool oder das Nichts
       
       > Der Personalabbau in deutschen Unternehmen trifft jetzt auch Manager. Ein
       > Besuch im Jobcenter Sindelfingen.
       
 (IMG) Bild: Für das gehobene Management droht Luxusentzug
       
       Alle sind auf die Minute pünktlich, als wäre dies ein Meeting wie jedes
       andere. Lederne Aktentaschen und Laptop-Etuis liegen vor den Teilnehmern,
       die Anzüge und Businesskostüme tragen. Dunkle Blautöne dominieren den
       schmucklosen Raum. Kurz nach der Begrüßung hetzt Dr. Hildebrandt rein:
       „Werte Herren, die Dame, bitte entschuldigen Sie meine Verspätung, mein SUV
       passte nicht in die Tiefgarage. Frau Banting, können Sie sich bitte darum
       kümmern?“
       
       Hildebrandt knallt seine Aktentasche auf den Resopal-Tisch und lässt sich
       in einen der Stühle fallen, als sei es ein bequemer Designersessel aus
       weich gegerbtem Chefleder. Doch der Stuhl ist aus unbarmherzigem
       Hartplastik und seine Lendenwirbel lassen ihn gequält aufstöhnen, als er in
       der Realität des Jobcenters ankommt.
       
       „Guten Morgen, Herr Dr. Hildebrandt“, begrüßt ihn Gabriele Banting. „Ich
       möchte Sie daran erinnern, dass ich nicht Ihre Angestellte bin, sondern
       Ihre Kursleiterin.“ Der Angesprochene schaut betreten die Tischplatte an.
       „Und das Problem mit Ihrem SUV dürfte sich bald ohnehin lösen, sobald Sie
       die Leasing-Raten nicht mehr bedienen können.“ Dr. Hildebrandt jault leise
       auf.
       
       Neben ihm sitzt Bertram Zurmühlen. Er ist der Einzige hier im Raum, der
       sich in seine neue Rolle gefügt hat. Er trägt keine Nadelstreifen, sondern
       eine hellgraue Jogginghose, zwar von Lacoste, doch ein Anfang ist gemacht.
       „Ich sehe das hier auch als Chance zum Neuanfang an. Vielleicht kann ich ja
       auch was mit meinen Händen machen …“, überlegt er laut. Viele Augen weiten
       sich erschrocken. Hände – das kennen die meisten nur als biomechanisches
       Interface zur Bedienung von Tastaturen.
       
       Nicht allen hier in Sindelfingen fällt der Umstieg in die Arbeitslosigkeit
       leicht. Arbeitsagentur – das war das, wohin man die Menschen schickte,
       denen man betriebsbedingt kündigte. Aber kein Ort, den man mit eigenen
       Slippern betrat. Doch die Krise der Konzerne ist im Management angekommen,
       Hierarchien werden verschlankt, die KI übernimmt große Teile des
       Controllings und des innerbetrieblichen Berichtwesens. In vielen deutschen
       Unternehmen sind die Wasserköpfe so ausgetrocknet wie der Rhein im August.
       
       „Für die Betroffenen stellt Arbeitslosigkeit eine besondere Herausforderung
       dar“, weiß Gabriele Banting, Soziologin mit dem Schwerpunkt
       Umschulungspädagogik. „Bis vor wenigen Jahren warst du für den
       Arbeitsplatzabbau zuständig, dann wirst du selbst gefeuert. Das muss man
       erst mal verarbeiten.“ Das Problem: Niemand braucht diese Management-Ebenen
       mehr. „Manager sind zurzeit schwerer vermittelbar als Hufschmiede“, weiß
       Banting. Es drohen Langzeitarbeitslosigkeit und ALG II.
       
       Die Verzweiflung ist spürbar in der offenen Runde, mit der jede neue Woche
       beginnt. Gordon Becher berichtet unter Tränen, wie er am Wochenende sein
       Segelboot verkaufen musste. „Ich stand vor der Wahl: Segelboot, das
       Internat meiner Kinder oder das Appartement meiner Geliebten am Tegernsee.
       Ich konnte nur eines behalten. Jetzt spricht meine Tochter nicht mehr mit
       mir. Was, verdammt, ist so schlimm an einem normalen Dorfgymnasium?“
       
       Auch die Bundesagentur für Arbeit hat die Zeichen der Zeit erkannt.
       „WEMMM!“ heißt das Programm, das so fetzig klingt, als habe es sich deren
       Chefin Andrea Nahles persönlich ausgedacht. Dabei steht es nur für
       „Wiedereingliederungsmaßnahmen des mittleren Managements“. Und die sind
       auch notwendig, denn sechsstellige Jahresgehälter reißen mittlerweile beim
       ALG I große Löcher in die öffentliche Kasse.
       
       Alle hier in der Runde waren zuvor mit Aufgaben betraut, die sich um
       Prozesse, Optimierung, Entwicklung und Evaluierung drehten. So auch Hilmar
       Settler. Er ist neu in der Runde und war zuletzt bei einem großen deutschen
       Automobilzulieferer Chef der Entwicklungsabteilung für die Evaluierung der
       Prozessoptimierung. „Doch die Abteilung wurde aufgelöst“, seufzt er. „Ich
       hatte noch gehofft, in die Evaluierungsabteilung für
       Optimierungsprozessentwicklung wechseln zu können, aber die wurde auch
       abgewickelt.“
       
       Nun steht er vor dem Nichts. Die Frau, die beiden Exfrauen, der Unterhalt
       für die fünf Kinder, das Kindermädchen, der Pool, das Haus, das Ferienhaus
       an der Algarve – nur wenig davon wird das Jobcenter finanzieren.
       
       „Klar, alle haben sie irgendwas mit Wirtschaft studiert“, analysiert
       Gabriele Banting schonungslos, „aber im Grunde ist das Einzige, was sie
       perfekt beherrschen, Powerpoint. Powerpoint und schlau sprechen. Mit diesen
       Schlüsselqualifikationen können wir sie eigentlich nur in öffentliche
       Verwaltungen vermitteln. Die schmücken sich ja gerne mit Fachkräften aus
       der Wirtschaft, aber leider zahlen sie nicht gut.“
       
       ## FDP-Zeiten sind vorbei
       
       Banting seufzt. „Früher konnten wir ab und zu noch Menschen in
       FDP-Geschäftsstellen unterbringen, aber die Zeiten sind leider auch
       vorbei.“ Eine Zeit lang hätte man es dann mit Umschulungen in Mangelberufe
       wie Pflege versucht, doch das habe man eingestellt. Ein Ex-Manager hatte in
       einem katholischen Seniorenstift als einzige Pflegemaßnahme ein
       Motivationsseminar „Self Care für Bettlägerige“ angeboten.
       
       „Jetzt bleibt uns eigentlich nur noch die Umschulung zu Fachkräften für
       Branchenwerbung und Lobbyismus“, bedauert Gabriele Banting aufrichtig.
       Gordon Becher ist indes begeistert und meldet sich sofort zum Basiskurs
       „Boot Licking als Chance“ an.
       
       Ein paar Monate später treffen wir die Teilnehmer der Umschulung wieder.
       Hilmar Settler ist inzwischen Abteilungsleiter für die Evaluierung von
       Entwicklungsprozessen zum Bürokratieabbau im Bundesministerium für
       Wirtschaft und Klimaschutz, Gordon Becher ist Pressesprecher des
       Bundesverbands für polyamore Immobilienwirtschaft. Und Dr. Hildebrandt ist
       wegen einer Wirbelverletzung dauerhaft arbeitsunfähig, er hat die
       Bundesagentur für Arbeit auf Schmerzensgeld verklagt.
       
       Auch Bertram Zurmühlen hat den Sprung aus der Arbeitslosigkeit geschafft.
       Er betreibt im hiesigen Sindelfingen ein Lokal für Powerpoint-Karaoke, die
       „Optimierbar“. Wie man hört, läuft sie sehr gut.
       
       31 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Volker Surmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Satire
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Arbeitsamt
 (DIR) Arbeitslosigkeit
 (DIR) Manager
 (DIR) Pleite
 (DIR) Personal
 (DIR) Personalpolitik
 (DIR) Coach
 (DIR) Mobiltelefon
 (DIR) Satire
 (DIR) Schwerpunkt Klimawandel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Halsstarr beim Smartphonieren
       
       Start-ups entwickeln jetzt neuartige Videosticks gegen Armlahmheit bei der
       digitalen Kommunikation.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Im Innersten der Inzorzisten
       
       Die Weltlage ist düster, schlechte Nachrichten sind an der Tagesordnung.
       Ein Besuch bei der wohl schaurigsten PR-Agentur Deutschlands.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Blutige Hölle mit Röstaromen
       
       Nicht alle können in der Freiluftsaison die Geselligkeit beim Grillen
       genießen. Erschütternde deutsche Schicksale an Feuer und Flamme.