# taz.de -- Dating Ü40: Rendezvous auf der Stalinallee
       
       > Ein perfektes Date über den Dächern Ostberlins, doch dann wird beim
       > Trinkgeld geknausert. Und Friede Springer mischt sich ein.
       
 (IMG) Bild: Sind 70 Prozent Trinkgeld geknausert?
       
       „Ich habe zwei Fragen. Erstens: Was denkst du, welchen Beruf der Mann mit
       der kurzen Hose hat? Und zweitens: Darf ich dich küssen?“, sagt L. „In der
       Reihenfolge?“, frage ich zurück. „Oder in umgekehrter Reihenfolge“,
       antwortet L., während sich sein Kopf meinem weiter nähert. Das Küssen ist
       etwas schwierig, wir sitzen nebeneinander halb in der Hocke auf einer
       Treppe am Rande der Tanzfläche am Monbijoupark.
       
       Gerade haben wir an einer [1][Bachata]-Einführung teilgenommen. Tatsächlich
       haben wir uns dabei weniger bewegt, als die Lebensweisheiten des Lehrers
       mit auf den Weg bekommen: Immer mit aufrechter Brust gehen, das stärke das
       Selbstbewusstsein, im Tanz und im Leben. Und weil L. sich zum ersten Mal im
       Paartanz versucht hat, gar nicht mal schlecht, räumen wir das Feld, sobald
       der Kurs vorbei ist. Und nun schauen wir den Paaren zu, die wirklich tanzen
       können.
       
       Es ist unser zweites Date. Beim ersten testete ich in einer Ausstellung
       über das historische Berlin sein Wissen als Hauptstadtkind, lasen wir uns
       ununterbrochen lachend in einem Online-Gästebuch fest, aßen Tapas auf einem
       Schiff, retteten uns vor dem Regen in den Rumpf, tranken Cocktails, die
       nach Berliner Brücken benannt waren, und spielten beinahe Quartett. Unser
       zweites Date begann wieder mit einer Ausstellung, wir durchliefen einen
       Geburtskanal; dann gab’s Pizza, Bachata, Beruferaten und unseren ersten
       Kuss. Anschließend spazieren wir durch die halbe Stadt, trinken einen
       Cocktail in einer Bar und küssen uns weiter.
       
       Eine Woche später haben wir unser drittes Date. Es ist Sonntag. L. hatte am
       Abend vorher noch einen Auftritt mit seiner Band und hat nur wenige Stunden
       geschlafen, ich bin fasziniert von seiner Energie. Dieses Mal fahren wir
       aufs Dach eines der denkmalgeschützten Häuser auf der ehemaligen
       Stalinallee und essen Kuchen an einem Stehtisch am Fenster – mit Abstand,
       weil L. Höhenangst hat.
       
       ## Bettgeflüster mit Erinnerungslücken
       
       Wir scheitern daran, neben dem Fernsehturm weitere markante Orte im
       Stadtbild zu identifizieren. Später essen wir Pasta mit Trüffel, noch
       später trinken wir uns unbekannte Cocktails in einer Bar. Ich zahle. Es ist
       Sonntag, 3 Uhr, wir haben zu viel getrunken, und weil die letzte Bahn
       längst weg ist, gehe ich mit zu L. nach Hause. Aus diesem Grund. Natürlich.
       
       Wir knutschen auf dem Sofa, dann im Bett, streicheln uns. L. ruft
       plötzlich, halb entrüstet, halb amüsiert: „70 Cent Trinkgeld!“ – „Das weißt
       du so genau?“, wundere ich mich, und er nennt den exakten Betrag, den die
       Cocktailrechnung betrug, und den, den ich gezahlt habe. Es stimmt, das war
       wenig. Normalerweise knausere ich nicht mit [2][Trinkgeld]. Vielleicht
       konnte ich in dem Zustand nicht mehr rechnen und fand es praktisch, einen
       runden Betrag zu zahlen. Ich weiß es nicht mehr. Ich bin aber zu müde für
       Erklärungen, lache das Thema weg, wir kuscheln und schlafen bald ein.
       
       Am nächsten Morgen müssen wir uns beeilen, er hat einen Termin, ich muss
       zum Zug. Nachdem ich zu Hause geduscht und gepackt habe und endlich in der
       Bahn sitze, fällt mir etwas ein. Ich schreibe L. eine Nachricht: „Kannst du
       dich erinnern, warum ich letzte Nacht plötzlich von Friede Springer und
       [3][Mathias Döpfner] gesprochen habe?“ – „Hahaha“, antwortet er. „Ich habe
       absolut keine Ahnung.“
       
       Ich rühre in meinem Gedächtnis und versuche mich an weitere Einzelheiten
       unseres Bettgeflüsters zu erinnern, aber vergeblich. „Friede Springer
       mischt sich ungefragt in mein Liebesleben ein“, schreibe ich, er lacht. Im
       Zug versuche ich zu dösen, müde und zufrieden.
       
       30 Aug 2026
       
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