# taz.de -- Ausstieg aus den Zeugen Jehovas: Neu in der Welt
       
       > Karl Deuber klingelte als Kind an Haustüren und erzählte von den Zeugen
       > Jehovas. Später hat er eine Leitungsrolle. Wie es ihm nach Jahrzehnten
       > gelang, auszusteigen.
       
 (IMG) Bild: Manchmal bewege er sich in seinem neuen Alltag noch „wie ein Alien“, sagt Karl Deuber
       
       Ein Jahr nach seinem Austritt hat Karl Deuber das Gefühl, da noch mal
       hinzumüssen, zur Zusammenkunft im Königreichssaal. Um abschließen zu
       können. Vor Ort bemerkt er, wie die andere Gemeindemitglieder sich freuen,
       ihn wiederzusehen – mit ihm sprechen dürfen sie nicht. Er nimmt am
       Gottesdienst teil, spürt zu Jehova aber keine Nähe mehr, im Gegenteil: „Es
       war“, sagt er, „wie in einem Zombiefilm, dieses aufgesetzte Lächeln, das
       gemeinsame Aufstehen und Beten, wie ferngesteuert.“
       
       Über 40 Jahre lang war Karl Deuber bei den [1][Zeugen Jehovas], die Hälfte
       davon als Ältester in verantwortlicher Position. Älteste sind die
       ehrenamtlichen Anführer einer Gemeinde. Unter anderem sind sie dafür
       zuständig, bei Regelverstößen sogenannte Rechtskomitees zu leiten und
       gegebenenfalls Strafen auszusprechen.
       
       Karl Deuber ist ein hochgewachsener Mann mit auffällig blauen Augen.
       Eigentlich heißt er anders. Weil seine Tochter heute noch Mitglied der
       Gemeinde ist, möchte er nicht mit seinem echten Namen in der Zeitung
       stehen.
       
       Trotzdem will er seine Geschichte erzählen, um andere zu warnen vor einer
       Gemeinschaft, die beim ersten Kontakt so harmlos wirkt, aber tiefe
       Strukturen der Abhängigkeit verbirgt. Die taz trifft Deuber zweimal
       persönlich. Beim ersten Mal schließt das Café, das als Treffpunkt
       auserkoren wurde, bereits, aber das Gespräch ist noch lange nicht zu Ende.
       Deuber hat alles akribisch dokumentiert und aufbewahrt, legt Briefwechsel
       mit der Organisation vor. Der Kontakt kam über die Aussteigerorganisation
       JZ Help e. V. zustande.
       
       Was führte also dazu, dass ausgerechnet er, der sich jahrelang in höchsten
       Gremien der Gemeinde engagiert, sein komplettes soziales Umfeld hinter sich
       lässt und mit Anfang fünfzig noch mal neu anfängt? Und: [2][Wie konnte
       dieser Neuanfang gelingen?]
       
       Die Geschichte beginnt in einer fränkischen Kleinstadt in den siebziger
       Jahren. Seine Eltern beschreibt Deuber als einfache, fleißige Leute ohne
       Schulabschluss, sein Vater ist Schlossermeister. An Weihnachten besucht man
       den evangelischen Gottesdienst. 1972 stellt der Vater einen jungen Mann als
       Gesellen ein. Beide Familien freunden sich über die Jahre an, und
       irgendwann versucht der Geselle, seinen Meister „in die Wahrheit zu holen“.
       
       In einem gemeinsamen Urlaub diskutieren die Ehepaare so viele religiöse
       Fragen, dass der Mann anbietet, ein gemeinsames Bibelstudium zu
       veranstalten. Deubers Eltern sind skeptisch, doch die Freundschaft, das
       Vertrauen, ist stärker. Ein entscheidender Punkt für seine Eltern sei die
       Blutdoktrin gewesen: Der Freund hatte sich in der Bibliothek eine Kopie der
       Handschriften Luthers aushändigen lassen, in denen der Reformator
       argumentiert, dass es Christen gemäß Bibel verboten sei, fremdes Blut zu
       sich zu nehmen. Eine Ablehnung der Bluttransfusion also, so wie sie von den
       Zeugen Jehovas gelebt wird – von den Lutherischen aber nicht. „Für meine
       Eltern war das der schlagende Beweis: Die Zeugen sind die Einzigen, die
       sich trauen, das zu lehren, was in der Bibel steht.“
       
       Die Familien treffen sich von nun an wöchentlich zum gemeinsamen Bibelkurs.
       Karl Deuber ist neun, sein Bruder und seine Schwester wenig älter. Der
       Freund der Familie führt sie, nach Anleitung aus dem Lehrbuch der Zeugen
       Jehovas, durch die Bibel: Eine Mischung aus schöner Hoffnung aufs Paradies
       und nützlichen Ratschlägen fürs Leben in der Welt sei das gewesen. Die
       Studien bewirken, dass in den Deubers die Überzeugung wächst: Das ist die
       Wahrheit – und wir dürfen Teil davon sein. Schon mit elf steht er als
       „ungetaufter Verkünder“ erstmals vor Haustüren fremder Menschen, um sie von
       seinem Glauben zu überzeugen. Absolut freiwillig, wie er betont.
       
       Predigtdienst nennen die Zeugen Jehovas diese Missionierungsarbeit. Bis man
       die ersten beiden Klingeln hinter sich habe, sagt Karl Deuber, sei es eine
       Überwindung. Manchmal hofft er, dass keiner da ist. „Aber eigentlich habe
       ich den Predigtdienst als Jugendlicher geliebt. Ich war überzeugt, es ist
       das einzig Richtige: zu versuchen, die Menschen in der Welt noch zu
       gewinnen. Damit sie am Gerichtstag Gottes nicht sterben müssen.“
       
       ## Angekommen in der Zeit der Auslese
       
       Wenn die Menschen in der Welt ihnen mit Ablehnung begegnen, bestätigt ihn
       das nur: Wir sind in der Zeit der Auslese angekommen. Deuber lernt Woche
       für Woche, welche Bibelstellen gegen Dogmen der Amtskirchen sprechen, an
       die die Zeugen nicht glauben: die Unsterblichkeit der Seele beispielsweise
       oder die Dreieinigkeit Gottes. Das Verbot, Blut zu spenden oder zu
       empfangen, leuchtet ihm ein, auch, warum Geburtstage und Weihnachten
       heidnisch sind. Und, wo genau welche Katastrophe der Menschheitsgeschichte
       in der Schrift vorhergesagt wurde. Es habe sie alle regelrecht „geflasht“,
       durch dieses Studium in die Lage versetzt zu werden, entdecken zu können,
       was den Gelehrten der großen Religion offenbar verborgen bleibt. Die Zeugen
       nutzen die sogenannte Neue-Welt-Übersetzung der Bibel, die Experten zwar
       als tendenziös gilt, da sie die Ansichten der Zeugen stützt, aber auch als
       sehr genau.
       
       Karl Deuber konfrontiert den Religionslehrer und den Pfarrer des Ortes:
       „Die kannten sich, für unser Verständnis, in der Bibel gar nicht aus.“ 1981
       tritt die Familie aus der evangelischen Kirche aus. Auch der elfjährige
       Karl ist überzeugt. Nur eine Sache verursacht ihm leisen Zweifel: der
       wortwörtlich zu verstehende Sinnflutbericht in der Bibel. „Ich habe nie
       geglaubt, dass die Beuteltiere Australiens und die Faultiere Südamerikas es
       bis zur Arche geschafft haben und wieder zurück.“ Aber er habe vertraut,
       irgendwann eine Antwort darauf zu bekommen.
       
       In der Kleinstadt macht so eine Geschichte schnell die Runde: Der Schlosser
       Deuber ist jetzt bei den Zeugen. Als der Pfarrer und der Sektenbeauftragte
       mit Infomaterial vor der Tür stehen, um die Deubers zurückzugewinnen, ist
       die Familie schon viel zu gefestigt.
       
       „Dieses System einer bergenden Gemeinschaft bietet Menschen Schutz, die auf
       der Suche nach Sicherheit sind. Diese Sicherheit wird durch Abschottung
       erkauft“, sagt Matthias Pöhlmann, Landeskirchlicher Beauftragter für Sekten
       und Weltanschauungsfragen der evangelischen Kirche in Bayern. Ob die
       Glaubensgemeinschaft als Sekte bezeichnet werden muss, wurde immer wieder
       diskutiert. Die Isolation ihrer Mitglieder von der Welt, die starken
       internen Hierarchien, der absolute Wahrheitsanspruch und der Umgang mit
       Aussteiger:innen sprechen dafür. Alles Dinge, die Karl Deuber in den
       darauffolgenden Jahrzehnten erleben würde, teils in ausführender Rolle.
       
       Im Zentrum der Lehre steht das ständig nahende Armageddon (früher
       Harmagedon), die Entscheidungsschlacht, in der nur die Mitglieder von Gott
       gerettet und alle anderen Menschen vernichtet werden. Feuerbälle fallen vom
       Himmel, die Vögel fressen das Fleisch der Gefallenen. „Ob tausend fallen zu
       deiner Seite und zehntausend zu deiner Linken, dich wird es doch nicht
       treffen (Psalm 91,7).“ Deuber fürchtet sich nicht davor, er ist in
       freudiger Erwartung. Nach dem Armageddon würden die Menschen mit den Tieren
       friedlich zusammenleben, so heißt es doch: „Der Löwe wird Stroh fressen“
       (Jesaja 65,25). Erwachsene Menschen freuen sich darauf, mit Löwen und
       Pandas zu spielen, sagt Deuber. Rückblickend findet er das unglaublich.
       
       Vor Deubers Zeit in der Gemeinschaft hatten die Zeugen sich schon einmal
       festgelegt: 1975 würde die Welt zu Ende gehen. Manche hatten sich ein Haus
       gekauft, weil sie davon ausgingen, die Schulden nie zurückzahlen zu müssen.
       Nachdem das Jahr 1975 ohne Apokalypse vorübergegangen war, erlebten die
       Zeugen Jehovas eine Austrittswelle von geschätzt einer Million
       Verkünder:innen. Rund zwei Millionen gab es Ende der 70er – heute sind es
       laut Angaben der Organisation etwa neun Millionen, wenn man nur diejenigen
       zählt, die regelmäßig missionieren. In Deutschland sind es stagnierend rund
       180.000, während die Gemeinschaft laut eigenen Angaben in einigen
       afrikanischen Staaten wie Mosambik und Kongo zweistellige Zuwachsraten hat.
       
       An der Grundannahme ändert die fehlgeschlagene Prophezeiung nichts: Es
       lohnt nicht, eine erfolgreiche Karriere auf Erden anzustreben. Lieber soll
       man sich in Gemeinde und Predigtdienst engagieren. Der Einserschüler Karl
       geht nicht aufs Gymnasium, sondern auf die Hauptschule. Weiterführende
       Schulen, so lernt er, sind ohnehin Brutstätten für Drogenkonsum und
       sexuelle Ausschweifungen. Besser, als eine Karriere anzustreben, sei es,
       sich ins Werk einzubringen. Mit fünfzehn lässt er sich taufen, er beginnt
       eine Lehre als Elektroniker, arbeitet später in Teilzeit, um 90 Stunden pro
       Monat dem Missionieren widmen zu können. Mit Anfang zwanzig steigt er in
       der Gemeinde vom Pionier zum Dienstamtgehilfen auf, eine Rolle zur
       Entlastung der Ältesten. Die Dienstamtgehilfen kümmern sich um
       organisatorische Aufgaben im Hintergrund wie die Technik im Königreichssaal
       oder die Bestückung der Büchertische.
       
       Er will eine Zeugin zur Frau nehmen und eine Familie gründen. Der
       Königreichssaal, in dem auch die „Zusammenkünfte“ genannten Gottesdienste
       stattfinden, ist der Heiratsmarkt. Die Säle, in Deutschland gibt es rund
       850, sind zweckmäßig gebaut und von außen kaum als „heilige“ Orte
       identifizierbar. Auch innen ähneln sie eher den Konferenzräumen in Hotels
       als prunkvollen Kirchen. Die Zusammenkünfte finden in der Regel zweimal pro
       Woche statt. Feste Bestandteile sind ein Bibelvortrag und das gemeinsame,
       interaktive Besprechen eines Artikels aus der aktuellen Ausgabe der
       Zeitschrift Wachturm.
       
       Mit einundzwanzig heiratet Karl Silvia, die er immer wieder als
       Gegenbeispiel seines eigenen Erlebens heranzieht: in die Gemeinschaft
       geboren, in der Jugend darunter gelitten, nicht Geburtstag oder Weihnachten
       feiern und keine Freunde „in der Welt“ haben zu dürfen, in panischer Angst
       vor dem Armageddon, den Predigtdienst gehasst. Aber sie glaubt. Er nimmt
       sich vor, ihr den Dienst freudig zu machen.
       
       ## Einer der ihren
       
       Ungefähr zu der Zeit, als Deuber zum ersten Mal Vater wird, kommen die
       Ältesten der Gemeinde auf ihn zu: Sie wollen ihn zu einem der ihren machen.
       Die Ältesten leiten die Versammlungen, organisieren das Bibelstudium und
       den Predigtdienst und führen die gefürchteten Rechtskomitees durch. Vor
       diesem Gremium aus mindestens drei Ältesten müssen sich Mitglieder
       verantworten, die einer Sünde verdächtigt werden. Der oder die Sünder:in
       wird zu einem Gespräch im Königreichssaal geladen und eingehend befragt.
       Das Gremium kann den Ausschluss aus der Gemeinde beschließen. Als Deuber
       mitgeteilt wird, dass er dem Kreisaufseher, der nächsthöheren Rolle in der
       internen Hierarchie, als neuer Ältester vorgeschlagen wird, fühlt er sich
       nicht bereit. Zu jung, zu unerfahren. Und er trägt ein Geheimnis in sich,
       das in seinem Weltbild Sünde bedeutet.
       
       „Ich habe mit zwölf zum ersten Mal masturbiert. Ich wusste nicht, was das
       ist, wie das heißt, nur, dass es sich toll anfühlt.“ Weil er es nicht wagt,
       sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, recherchiert der Junge in der
       Literatur der Zeugen Jehovas. Im Wachturm-Verlag ist 1976 das Buch „Mache
       deine Jugend zu einem Erfolg“ erschienen. Darin liest er, die sexuelle
       Befriedigung außerhalb der Ehe schwäche das gute Gewissen und die Liebe zu
       dem, was recht ist. Aus der Bibel lernt er, wer eine Frau nur mit lüsternen
       Augen anschaue, habe schon Ehebruch begangen (Matthäus 5,28). „Ich dachte
       mit zwölf, dreizehn, ich habe Ehebruch begangen, Hurerei. Darauf steht im
       Armageddon der Tod. Und ich kann ausgeschlossen werden.“
       
       Für Karl Deuber beginnt ein jahrelanger Kampf mit dem schlechten Gewissen
       und der Angst vor Tod und Verdammnis. „Es ist eigentlich das Schönste, die
       eigene Sexualität zu entdecken“, sagt er heute. „Und ich habe mich so
       schlecht gefühlt dabei.“ Mehrmals wird er sich in den darauffolgenden
       Jahren Menschen anvertrauen, seinem Vater, einem der Ältesten. Sie
       beruhigen ihn: Kein Grund für ein Rechtskomitee; er soll beten und weiter
       an sich arbeiten.
       
       Trotz seines schlechten Gewissens vor Gott und mit einer riesigen Ehrfurcht
       tritt Deuber Mitte der 90er mit Mitte zwanzig das Amt des Ältesten an. Er
       gehört nun zum innersten Kreis und darf das geheime Buch, das den Ältesten
       vorbehalten ist, an sich nehmen, aber niemandem zeigen, nicht einmal seiner
       Frau. Im Grunde, sagt er, sei es ein Hunderte Seiten starkes Regelwerk, das
       vorschreibt, wie mit denen zu verfahren ist, die geraucht haben, zu viel
       Alkohol trinken, homosexuell sind oder masturbieren. Wie man erkennt, ob
       jemand im Rechtskomitee wirklich bereut oder nur so tut. Mit welchen Fragen
       man sein Opfer bearbeiten muss. „Ich habe mir das sehr zu Herzen genommen.“
       
       Es ist diese Aufgabe des Ältesten, von der er heute sagt, sie habe ihn
       psychisch belastet. Davon abgesehen habe er es geliebt, Ältester zu sein.
       Die Gruppe aus neun bis elf Männern legt die Struktur und Inhalte der
       Zusammenkünfte fest. Auch die Hirtenbesuche gehören zu seinem Job.
       Eigentlich sind die Ältesten angehalten, jedes Gemeindemitglied ein Mal im
       Jahr zu besuchen. Tatsächlich, so Deuber, habe das niemand so umsetzen
       können. Die Ältesten kündigen sich an, wenn es Redebedarf gibt. Besucht
       werden in der Regel jene, die sich nicht konform verhalten haben. Das habe
       zum Beispiel für Menschen gegolten, die weniger als zehn Stunden pro Monat
       im Predigtdienst verbrachten, früher auch für Frauen, die Hosen trugen.
       „Wir waren angehalten, diese Gespräche ermunternd zu gestalten und immer
       mit einem Lob einzusteigen.“
       
       An circa zehn Rechtskomitees habe er in zwanzig Jahren als Ältester
       mitgewirkt, teils als Vorsitzender. Die peniblen Dienstanweisungen aus dem
       Buch der Ältesten helfen ihm, sich auf diese Aufgabe vorzubereiten. Niemals
       solle man, so heißt es, aus Erfahrung schöpfen, sondern sich vielmehr
       sklavisch an den ewig gleichen Fragenkatalog halten. Das Komitee besteht
       immer aus mindestens drei Ältesten. Es tritt zusammen, wenn ein Bruder oder
       eine Schwester einer schweren Sünde verdächtigt wird: Ehebruch,
       Drogenkonsum, politisches Engagement. Das Mitglied wird in der Folge im
       Königreichssaal penibel verhört, nicht nur um herauszufinden, ob es
       tatsächlich gesündigt hat, sondern auch, ob es glaubwürdig bereut. Nur so
       hat es die Chance, freigesprochen zu werden. Die Anhörungen dauern in der
       Regel mehrere Stunden. Deuber beschreibt die Sitzungen als mechanisches
       Wiederholen der immer gleichen Fragen: Wie oft hast du geraucht? Mit wem
       warst du zusammen? Ist das wirklich alles, oder musst du uns noch mehr
       sagen?
       
       Es gibt einzelne Komitees, die Deuber besonders in Erinnerung geblieben
       sind. Einmal sei es um eine ältere Schwester gegangen. Deuber als junger
       Ältester bekam den Auftrag, dieser Frau nachzustellen, um herauszufinden,
       ob die Vorwürfe wahr sind: Wann geht sie aus dem Haus, in welche Kneipe,
       wann kommt sie wieder raus? Eine Alkoholikerin in den eigenen Reihen. „Wir
       haben sie auf der Straße angesprochen: Mach deine Tasche auf!“ Deuber hat
       Tränen in den Augen: „Ich schäme mich bis heute.“
       
       Die Frau, sagt er, sei in der Nachkriegszeit traumatisiert worden, habe
       keine Familie gehabt, nur die Gemeinde. Jeder habe es gewusst, und niemand
       habe ihr geholfen. Als die Frau betrunken im Gottesdienst erschienen sei,
       habe man den Ruf der Gemeinde schützen wollen. Sie sei ausgeschlossen, sich
       selbst überlassen worden und Jahre später an der Sucht verstorben.
       „Menschen, die in den Augen der Organisation Schwäche zeigen, werden
       ausgespuckt.“ Dafür gebe es sogar eine Bibelstelle: „Richtet ihr die, die
       drinnen sind, Gott richtet die, die draußen sind“ (1. Korinther 5,12–13).
       „Damit habe ich mir schöngeredet, wie wir uns an dieser armen Frau
       versündigt haben.“
       
       Doch Karl Deuber legt Wert darauf, ein differenziertes Bild zu zeichnen. Er
       will nicht dem Klischee entsprechen, das die Organisation von Abtrünnigen
       verbreitet. Er sagt, seine ehemaligen Brüder und Schwestern handelten nicht
       in böser Absicht, sondern aus ehrlicher Überzeugung. Aus Liebe, wenn man so
       wolle. Die längste Zeit fühlt er sich in dieser Gruppe geborgen. 2018 wird
       Deuber von dieser Gemeinschaft erstmals so enttäuscht, dass er heute sagt:
       „Und hier begann mein Abschied.“
       
       Eine Gürtelrose verursacht ihm Schmerzen, wie er sie noch nie gekannt hat.
       Drei Tage und Nächte ist er ohne Schlaf. „Mich vor den Zug zu schmeißen“,
       denkt er verzweifelt, „ist angenehmer, als das auszuhalten.“ Sechs Wochen
       lang bleibt er der Gemeinde fern, kann seine Aufgaben nicht erledigen. Und
       niemand habe sich nach ihm erkundigt. Wirkt hier, fragt er sich, wirklich
       der Geist Gottes? Seine Zweifel an der Gemeinde verleiten ihn dazu, auch
       die Lehren zu überprüfen. Er liest Bücher wie die Biografie von Hape
       Kerkeling, einem, nach Lehrmeinung, in Sünde lebenden Mann, und schaut
       weltliche Dokumentationen, insbesondere über archäologische Forschungen.
       Die Welt der Zeugen Jehovas sei etwa 6.000 Jahre alt, das passt nicht zu
       Felszeichnungen, die vor bis zu 50.000 Jahren von Menschen in Indonesien
       hinterlassen wurden.
       
       ## ,,Endlich Zeit zu denken"
       
       Sein Zweifel betrifft nicht einen einzelnen Aspekt, sondern gleich einen
       ganzen Strauß: Warum müssen wir uns von Ausgeschlossenen abwenden? Warum
       ist Blutspenden verboten, obwohl es Leben retten kann? Warum werden
       Homosexuelle verurteilt? „Ich konnte das nicht. Ich glaube, jeder Mensch
       hat ein emotionales Gewissen, das uns sagt, was richtig und falsch ist.
       Mein emotionales Gewissen war in Konflikt mit der Lehre.“ Deuber beschreibt
       eine kognitive Dissonanz, einen inneren Widerspruch zwischen Dogma und
       persönlichen moralischen Werten. Einen sogenannten Identitäts- und
       Autonomiekonflikt, sagt Michael Utsch, Psychotherapeut und Referent der
       Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Er definiert drei
       solcher zwischenmenschlicher Konflikte, die massive seelische Belastungen
       verursachen können. Zeugen Jehovas müssten unabhängige Gedanken
       unterdrücken, litten unter chronischer Angst vor dem Weltende und sozialer
       Ächtung und lebten in ständigem Misstrauen gegen die Außenwelt. Eine
       repräsentative Studie der Uni Zürich mit ehemaligen Mitgliedern stützt den
       [3][Zusammenhang zwischen Sektenmitgliedschaft und psychischer Belastung].
       
       Für Deuber führt die kognitive Dissonanz zunächst nur zu einer Konsequenz
       hinsichtlich seiner Rolle. Er will die Ablehnung der Blutspende, der
       Homosexualität, der Abtrünnigen nicht mehr von der Bühne predigen. Und
       tritt von seinem Amt als Ältester zurück. Als Grund nennt er vor seinen
       Kollegen sein schlechtes Gewissen Gott gegenüber, die Selbstbefriedigung.
       Er will lieber auf sich selbst deuten als auf die Organisation.
       
       „Ich hatte endlich Zeit zu denken. Und meine Gedanken haben mich in eine
       tiefe Glaubenskrise gestürzt.“ Als Ältester war Deuber ständig im Einsatz:
       Vorträge halten, Hirtenbesuche, Bibelstudium und das ständige Anpassen der
       internen Richtlinien, wenn die leitende Körperschaft in New York, die
       höchste Ebene der Zeugenhierarchie, mal wieder die Regeln ändert. Heute zum
       Beispiel dürfte er sogar als Ältester seinen gepflegten, grauen Bart
       tragen. Die leitende Körperschaft hat das „Bartverbot“ allerdings erst 2023
       aufgehoben. All diese Aufgaben erledigt er parallel zu seiner
       Vollzeitarbeit als Elektronikdesigner. Im Umgang mit Kolleg:innen habe er,
       sagt Deuber, immer gern „Zeugnis gegeben“, also für seinen Glauben
       geworben. Er ist aufgeschlossen und kommunikativ – bleibt letztlich aber
       auf Distanz zu den Menschen aus der Welt. „Ich war zu stark in der Gemeinde
       eingebunden, sodass ich gar kein Interesse an weiteren Kontakten hatte,
       schon gar nicht mit Menschen von draußen.“ Der Mann, der sein Leben diesem
       Konstrukt und dieser Gemeinschaft gewidmet hat, muss die Idee zulassen, in
       einer toxischen Lüge gelebt zu haben. Er verliert den Boden unter den
       Füßen, wird antriebslos, vernachlässigt die Arbeit, wird depressiv.
       
       Was empfiehlt die Literatur der Zeugen Jehovas denjenigen, die ihren
       Glauben zu verlieren drohen? Kehre zu den Wurzeln zurück, dorthin, wo die
       Begeisterung entfacht wurde. Deuber hat Angst, er liest in der Bibel, und
       er liest wieder in den Büchern, die ihn in seiner Jugend so restlos
       überzeugt hatten. Mit dem Abstand von 40 Jahren findet er die Argumente
       nicht mehr überzeugend. Er recherchiert die Zitate weltlicher
       Wissenschaftler nach, mit denen die Texte Seriosität suggerieren, und
       findet heraus, dass sie eigentlich das Gegenteil aussagen. Er liest und
       liest und entfernt sich dabei immer weiter von diesem Gott, den er gar
       nicht mehr lieb findet, sondern grausam und blutrünstig.
       
       Silvia sei schon früher „aufgewacht“, etwa ein Jahr vor ihm. Erst verbirgt
       sie ihre Recherchen. Als sie merkt, was ihren Mann umtreibt, lenkt sie
       seine Aufmerksamkeit auf eine Untersuchungskommission, die vor einigen
       Jahren 1.000 Fälle von Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas Australiens
       aufdeckte. Die [4][Anhörungen in der Sache] gibt es bei Youtube. Er sieht
       sie sich alle an, liest die Transkripte. Es geht darin um interne
       Strukturen, die halfen, die Missbrauchsfälle geheim zu halten, aber auch um
       grundsätzliche Themen der Zeugen Jehovas wie den Umgang mit
       Ausgeschlossenen. Im Italienurlaub 2022 liest Deuber zwei Wochen lang
       nichts anderes als diese Mitschriften. „Sie haben gelogen und die Richter
       eingelullt. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt.“
       
       Nach der Rückkehr aus dem Urlaub wird Deuber zu einem passiven Bruder. Aber
       er sitzt noch in den Versammlungen – und liest in drei, vier Übersetzungen
       der Bibel gleichzeitig mit, um zu sehen, wo die Zeugenlehre vom Urtext
       abweicht. Gibt es noch Hoffnung für Gott in seinem Leben?
       
       Er liest Dokumente des Bundesverfassungsgerichts, in denen der deutsche
       Vorstand, wie Deuber findet, beschönigend über den Umgang mit Ehemaligen
       spricht. „Sie behaupten darin, die Zeugen würden keine Familien
       auseinanderreißen. 30 Jahre lang habe ich meine eigene Schwester gemieden
       und bin dafür beschuldigt worden, sie bei der Beerdigung ihres
       Schwiegervaters in den Arm genommen zu haben.“ Als seine Schwester damals
       ausstieg, sei das vor allem für seine Mutter ein herber Schlag gewesen.
       Erst nach seinem eigenen Ausstieg erfuhr Deuber, dass die beiden Frauen
       sich immer wieder heimlich getroffen hatten. Er selbst habe sich emotional
       abgekoppelt, aus Selbstschutz: Jehova werde am Ende gerecht urteilen, auch
       über seine abtrünnige Schwester.
       
       Es gibt noch ein Hindernis, das Deuber im Herbst 2022 am sofortigen
       Austritt hindert: Er hat eine erwachsene Tochter in der Gemeinde. Erst als
       sie ihm verspricht, sein Austritt würde an ihrer Beziehung nichts ändern,
       schreibt er seinen Austrittsbrief. Am 22. Januar 2023 besucht er noch
       einmal die Versammlung und übergibt den Brief im Anschluss persönlich. „Ich
       saß danach im Auto und dachte, es hebt mich aus dem Sitz, so groß war die
       Erleichterung.“ Er führt ein langes Gespräch mit seinem Bruder, der
       drinbleibt, er schreibt einen Entschuldigungsbrief an seine Schwester. Drei
       tränenreiche Abende werden die beiden brauchen, um sich auszusprechen.
       
       Silvia, die sich schon viel früher distanziert hatte, bleibt. Weil sie den
       minderjährigen Sohn, der für sich selbst entscheiden soll, nicht
       alleinlassen will. Die Ältesten wollen ihn hinter ihrem Rücken schon für
       ein Bibelstudium gewinnen. Ein gutes halbes Jahr später werden auch die
       beiden die Zeugen Jehovas verlassen.
       
       Schon während seiner Erkrankung, während der depressiven Phasen hätten sie
       festgestellt, dass es bei den Zeugen Jehovas keine bedingungslosen
       Freundschaften gebe, erzählt er. Alles sei geknüpft an den gemeinsamen
       Glauben. Deshalb hätten sie sich schon vor dem Austritt an die Einsamkeit
       gewöhnt. „Und trotzdem tut es wahnsinnig weh, zu sehen, wie deine ehemals
       besten Freunde dir in der Stadt den Rücken zudrehen, wenn sie dich sehen.“
       Es gibt Einzelne, mit denen könne Deuber heute ein paar Worte wechseln, mit
       seinem Bruder spricht er beim Gassigehen über den Gartenzaun. Das neue
       Sozialleben in der Welt muss erst noch behutsam aufgebaut werden. Die
       Tochter könne er regelmäßig sehen, weil sie keine Funktion in der Gemeinde
       hat. Er vermutet, dass sie drinbleibe, um ihre Freundschaften nicht zu
       riskieren, scheut sich aber davor, dieses Gespräch zu führen.
       
       All das macht den Austritt aus der Sekte zu einer enormen psychischen
       Belastung. Deuber, mittlerweile vernetzt in der Organisation [5][JZ Help e.
       V.], kenne niemanden, der das ohne professionelle Hilfe geschafft habe. Er
       selbst tritt in Absprache mit seinem Hausarzt eine fünfwöchige
       psychosomatische Reha wegen Depressionen an, teilweise habe er sich gefühlt
       wie im freien Fall.
       
       Die Psychologin vor Ort hilft ihm, seine Wut in konstruktive Bahnen zu
       lenken und das alte Weltbild Stück für Stück zu dekonstruieren. Aus einem
       Menschen, der geglaubt hat, Gott und der Teufel hielten alle Fäden in der
       Hand, soll ein mündiger Bürger werden. Deuber sagt aber auch, er selbst sei
       stabil genug gewesen, um danach alleine zurechtzukommen. Viele andere
       brauchen längere psychotherapeutische Behandlung oder Begleitung in den
       diversen Beratungsstellen.
       
       Gott war in diesem Weltbild der Halt gebende Mittelpunkt für Karl Deuber.
       Ihn will er noch nicht ganz aufgeben, auch wenn er ihm so fremd geworden
       ist.
       
       An einem Tag während der Reha ist er vier Stunden lang allein in der Natur.
       Unter Tränen wendet er sich an Gott und Jesus: Gebt mir ein Zeichen,
       irgendwas! Früher hatte er im Gebet das Gefühl, wirklich mit einem Freund
       zu sprechen, jetzt ist da nichts mehr, eine tote Leitung. „Ich war Gott
       wirklich ergeben“, sagt Karl Deuber. „Die Beziehung hat mir gutgetan, aber
       sie war eingebildet. Ich glaube an kein höheres Wesen mehr.“ Zwar habe er
       sich nach dem Austritt manchmal wie ein Alien in der Welt gefühlt, aber der
       Wegfall der Sorge, seiner Organisation nicht zu genügen, habe ihn
       erleichtert. „Ich finde das gerade einfach spannend, dieses Erwachsenwerden
       mit Mitte fünfzig.“
       
       Die Welt da draußen, sagt Karl Deuber, wird den Zeugen Jehovas immer in
       düsteren Farben gemalt: sexbesessen, drogenverseucht, verlogen. Den
       Menschen der Welt könne man nicht trauen, sie seien ja alle vom Satan
       beeinflusst. Nach drei Jahren in der Welt sagt er: „Meine Frau und ich
       erleben so häufig, wie lieb die Menschen sind. Und sie sind es
       bedingungslos, sie helfen einander, ohne auf die Religion oder sexuelle
       Orientierung des anderen zu schauen.“ Er schmunzelt. „Wenn wir das im
       Alltag erleben, schauen wir uns an und sagen: Böse, böse Welt.“
       
       19 Sep 2026
       
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