# taz.de -- Kampfgeist im Schwimmbecken: Wenn der Hintermann zweimal kitzelt
       
       > Gibt es einen schöneren Start in den Tag, als frühmorgens im Freibad zu
       > schwimmen? Nein, findet unser Autor. Wären da nicht die aggressiven
       > Anderen.
       
 (IMG) Bild: Lahmen Enten drohen im Schwimmbecken Beleidigungen
       
       Sobald die Tage kürzer werden, leeren sich auch die Bahnen [1][im Freibad].
       Am Morgen ist das Wasser bereits wärmer als die Luft, ein leichter Dampf
       liegt über der Oberfläche, durchbrochen nur von den Armen und Köpfen der
       letzten tapferen Schwimmenden. Viel schöner kann man nicht in einen
       Spätsommer- oder Herbsttag starten, finde ich.
       
       Doch die friedliche Atmosphäre täuscht. Ich kenne kaum einen Ort, an dem
       die Stimmung so brodelt wie unter Wasser im Schwimmbecken.
       
       Da gibt es die kleinen Aggressionen, die auf den ersten Blick zufällig
       wirken. Wie ein Versehen. Etwa, wenn die Person hinter einem dicht
       heranschwimmt und mit ihrer kraulenden Hand den Fuß touchiert.
       Grundsätzlich schrecken mich Berührungen beim Schwimmen nicht ab, [2][aus
       Triathlonwettkämpfen] kenne ich die Disziplin als Kontaktsport. Gerade beim
       Start geht es da gerne mal ruppig zu, und beim Durchqueren des Sees wurde
       ich auch schon – verbotenerweise – am Fuß gezogen. Aber im Schwimmbad
       möchte ich von fremden Menschen nicht ungefragt an der Sohle gekitzelt
       werden. Vor allem nicht morgens.
       
       Zumal es, wenn es mehr als einmal passiert, auch kein Versehen ist. Sondern
       ein gar nicht so subtiler Hinweis darauf, dass die andere Person viel
       schneller schwimmen könnte. Soll sie doch! Nur halt an mir vorbei. Oder
       direkt auf der „Sportbahn“ für die wirklich guten Schwimmer. Doch ist die
       für die Fußkitzler vielleicht eine Liga zu hoch.
       
       Etwas offensiver agieren die Schwimmer:innen – wobei, Schwimmer reicht
       eigentlich in mindestens 95 Prozent der Fälle –, die durch raumgreifendes
       Wenden ihre Position auf der Bahn markieren wollen. Da wird jede noch so
       kleine Lücke genutzt, um beim Abstoßen an der Wand zu überholen, selbst
       wenn man dabei kurz in den Gegenverkehr gerät und eher ein Hindernis für
       die anderen darstellt, als wirklich schneller durch das Becken zu kommen.
       
       Bevor ich angefangen habe, regelmäßig ins Schwimmbad zu gehen, hätte ich
       nicht geglaubt, dass dort so viel Kampfgeist herrscht. Ich hatte keine
       Ahnung, wohin es führen kann, wenn die Gemüter von der Bewegung und den
       Endorphinen kurz überhitzen. Dann fliegen Beleidigungen durch den
       Morgennebel. Erwachsene Männer bauen sich drohend vor anderen
       Schwimmer:innen auf, die wahlweise zu langsam oder zu aggressiv im
       Wasser unterwegs sind. Auf der Nachbarbahn rollt man die Augen – und ist
       vor allem erleichtert, nicht selbst in die unangenehme Situation verwickelt
       zu sein.
       
       Ich spreche mit einem Freund aus einer anderen Stadt über diese
       Auseinandersetzungen, auch er schwimmt regelmäßig. „Bei uns im Verein haben
       sich mal zwei Schwimmer mit Paddels geschlagen“, erzählt er. Eine Frau sei
       von der Polizei aus dem Schwimmbad geführt worden, nachdem sie sich in
       ihrem Ärger über andere Schwimmer:innen nicht mehr beruhigen wollte.
       
       Bei einem der Ausraster, die ich selbst miterlebt habe, war auch noch
       [3][eine Prise] [4][Rassismus] dabei. Die Stimmung der Schwimmerin kippte,
       weil ihrer Meinung nach zu viele Jugendliche am Ende einer Bahn
       herumstanden. Sie machte pauschalisierend alle „Jungs wie euch“ dafür
       verantwortlich, dass ihr schönes Schwimmbad zugrunde ginge. Immerhin
       verließ sie selbst das Becken, bevor sie noch ausfallender werden konnte.
       
       Als in Deutschland im Sommer 2023 mit unverhohlenem rassistischem Unterton
       über Ausschreitungen in Freibädern diskutiert wurde, übersahen die
       Beteiligten einen Punkt: die ganz alltägliche Aggression auf der Bahn. Für
       sie muss man keine migrantischen Sündenböcke konstruieren. Man kann auch
       einfach dabei zugucken, wie Peter oder Udo sich bei ihren morgendlichen
       zwei Kilometern verhalten.
       
       22 Sep 2026
       
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