# taz.de -- Pinkeln im See: In Fließgewässern
> Ist es okay, beim Baden in Gewässer zu urinieren? Kommt darauf an. Beim
> Freiwasserschwimmen sorgt das Wasserlassen für eine gewisse
> Gleichberechtigung.
(IMG) Bild: Jede badende Person muss früher oder später Wasser lassen…
Wer sich an einem knallheißen Tag in Berlin zum Baden an den
[1][Schlachtensee] begibt, zum Beispiel, und dann mit 200 anderen
Fahrgästen aus der S-Bahn steigt, den erwartet am Ende der Treppe, unten,
wo es zur Badewiese geht, ein höchst beunruhigender Anblick.
Der Anblick ist das barrierefreie Toilettenhäuschen, mit Münzeinwurf zu
bedienen. Das Problem ist nicht das blitzblanke Häuschen an sich. Sondern,
dass es weit und breit nur [2][eins davon gibt.]
Die Boomerin hat sich an diesem Samstag bei 38 Grad mit ihrer
Jugendfreundin S. hergeschleppt, zum Schwimmen in freier Natur.
„Rechne doch mal aus“, sagt die Freundin, als wir uns inmitten der Menge
ein handtuchkleines Plätzchen auf der Wiese erkämpft haben, „aus der S-Bahn
quellen immer so um die 200 Leute, die S-Bahn fährt alle zehn Minuten, in
einer Stunde sind das 1.200 Menschen, in fünf Stunden 6.000 Personen. Hinzu
kommen Autofahrer:innen, Radfahrer:innen – das macht vielleicht an die
10.000 Menschen, die heute in den See steigen. Und die müssen irgendwann
mal. Aber wohin? Jedenfalls nicht in die einzige öffentliche Toilette, da
braucht man nicht gut im Rechnen zu sein.
## In Ufernähe
Der Schlachtensee hat eine Fläche von 421.000 Quadratmetern, eine
durchschnittliche Tiefe von 4,70 Metern und ein Wasservolumen von 1,9
Millionen Kubikmetern Wasser, Wikipedia sei Dank. Die durchschnittliche
Urinmenge eines Menschen beim Pinkeln liegt bei 300 Millilitern, das macht
bei 10.000 Badegästen ein Pinkelvolumen von 3 Millionen Millilitern, also
3.000 Litern an diesem Tag, mindestens.
„1,9 Millionen Kubikmeter Wasser sind 1,9 Milliarden Liter Wasser, so viel
hat der Schlachtensee, eigentlich doch eine ganze Menge“, sagt S., sie hat
den Taschenrechner auf dem Handy aufgerufen.
„Diese Wassermenge geteilt durch die Pinkelmenge von 3.000 Litern macht:
630.000. Auf einen Liter Urin kommen 630.000 Liter Seewasser, also das
verdünnt sich.“ „Aber die meisten Leute pinkeln in Ufernähe und nicht in
vier Metern Tiefe“, gebe ich zu bedenken. Ich habe immer ein leicht ekliges
Gefühl, wenn ich Badegäste in Ufernähe brusttief im Wasser stehen sehe mit
diesem erst gestressten Blick und dann dem plötzlichen entrückten Lächeln,
das umso mehr Ekelgefühle erzeugt, je erleichterter es wirkt.
„Pinkeln im Badegewässer ist auch [3][ein bisschen Gleichberechtigung,
feministisch gesehen“], doziert S. Es stimmt, Männer können fast überall in
der Natur mal eben pinkeln, auch in versauten ICE-Klos ist es für sie kein
Problem. Während wir Frauen im ICE unwürdig über der Schüssel herum
balancieren und uns an Griffe klammern … Wenn Frauen in offenen Gewässern
weit draußen beim Freiwasserschwimmen pinkeln, ist das auch etwas
Gleichberechtigung, die frau sich zurückholt.
## Eine Art Pflanzendünger
„So richtig gesundheitsschädlich ist Urin jedenfalls nicht“, sagt S. und
erzählt mir die Geschichte des indischen Premierministers Morarji Desai,
der öffentlich dazu riet, jeden Morgen ein Gläschen vom eigenen Urin für
die Gesundheit zu trinken.
Aber was macht die Pinkelei mit den Tieren und Pflanzen im See? Fachleute
der Berliner Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und
Umwelt klären mich später auf: Urin besteht zu 95 Prozent aus Wasser,
„angereichert mit Nährstoffen, vor allem Stickstoff“. Dieser ist eine Art
Pflanzendünger.
Viel Pinkelei kann also eine Art Überdüngung durch den Menschen zur Folge
haben. Aber: „Ein ‚Umkippen des Sees‘ durch Algenmassenentwicklungen und
Sauerstoffschwund mit Fischsterben durch Urineinträge ist eher
auszuschließen“, heißt es in der Erklärung aus der Umweltverwaltung.
Besonders fließende Gewässer oder Seen mit Zufluss und Abfluss wie der
Schlachtensee kommen mit dem „Urineintrag“ der Badenden gut zurecht. Bei
kleinen, von Grundwasser gespeisten Seen sieht die Sache womöglich anders
aus. Hier könnten durch besonders viele Badegäste „durchaus Veränderungen
in der Artenstruktur der Wasserorganismen“ auftreten, so die
Umweltverwaltung.
In Wien hat die Stadtverwaltung die Badegäste ermahnt, nicht mehr in die
[4][Alte Donau], den Altarm des Flusses, zu urinieren. „Naturgewässer sind
kein WC“, sagte der Chef der Wiener Gewässer, Gerald Loew, gegenüber dem
ORF-Rundfunk. Es drohe mit der Überdüngung durch den Urin ein
explosionsartiges Algenwachstum und damit eine dichte Schicht an der
Oberfläche, unter der alles Leben abstirbt. Zumal der Wasserstand allerorts
sinkt, was die Verdünnung erschwert.
Deswegen fährt man im Sommer in Berlin nicht mehr so gern zum Teufelssee
zum Schwimmen. Es ist ein kleiner, nur von Grundwasser gespeister See ohne
weiteren Zufluss, ein sogenannter „Himmelsteich“. Nein danke.
„Irgendwie fühlt man sich beim Baden im See besonders mit der Natur
verbunden“, philosophiert S., „da erscheint die Pinkelei irgendwo weit
draußen beim Freiwasserschwimmen in gewisser Weise natürlich“. „Was man im
gefliesten Freibad nicht gerade behaupten kann“, sage ich.
Wenn ich im Sommerbad Neukölln schwimme, hoffe ich inständig, dass niemand,
wirklich niemand der Mitschwimmenden auf die Idee kommt, heimlich in das
Becken zu urinieren. Als ich klein war, wurde uns vom Bademeister erzählt,
dass jeder, der ins Becken pinkele, durch eine violette Färbung des Pipis
im Wasser sofort enttarnt würde. Was natürlich Quatsch war, aber die
Drohung wirkte. Der Urin, so lese ich im Internet, verbindet sich mit dem
Chlor im Becken auf höchst ungute Weise zu gesundheitlich abträglichen
Stoffen.
Der US-amerikanische Profischwimmer Michael Phelps hat vor vielen Jahren
mal öffentlich zugegeben, dass alle Athleten in den Pool pinkeln, weil man
während des harten, langen Trainings gar keine Gelegenheit habe, zur
Toilette zu gehen. Was für ein Glück, nicht unter Profischwimmern im
Hallenbad seine Bahnen ziehen zu müssen.
Aber vielleicht sollten S. und ich an diesem Samstag noch ein Stück weiter
am Schlachtenseeufer Richtung Südwesten pilgern. Am Südwestende des Sees
gibt es zwar keine Badewiese, aber einen Zulauf, der beständig gefiltertes
frisches Wasser in den See fließen lässt. Auskenner lassen sich am liebsten
dort behutsam durch das Strauchwerk ins frische Wasser gleiten. Man weiß ja
nie.
8 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Dribbusch
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