# taz.de -- Baden in Wien: Sanfte Brise, schwierige Aussichten
       
       > Im Wiener Freibad Gänsehäufel streift unsere Autorin den Stress ab. Die
       > Aussichten jenseits von Donau und Pappeln sind trüb – wäre da nicht die
       > Liebe.
       
 (IMG) Bild: Ist ein besonderer Ort: die großzügige Wiener Badeinsel, die sich Gänsehäufel nennt
       
       Wir überqueren die Brücke zur schönsten Badeinsel Wiens. Links weht eine
       Regenbogenflagge. Rechts kann man über die Alte Donau bis zu den
       Mietskasernen gucken.
       
       A. und ich kaufen zwei Eintrittskarten und laufen an den Umkleiden vorbei
       zum Südstrand. Hier ist die Liegewiese besonders malerisch: Alte Aubäume,
       Rasenflächen bis zum Ufer, ein altes Holzboot schaukelt im Wind. Um diese
       Uhrzeit ist kaum etwas los. Die meisten Menschen arbeiten noch, also teilen
       wir uns die Badestelle mit ein paar Rentner*innen und einer
       Entenfamilie.
       
       Unser Stammplatz liegt zwischen zwei riesigen Pappeln. Die Blätter über uns
       rascheln im Wind, auf der gegenüberliegenden Seite des Ufers schmiegen sich
       bunte Wochenendhäuschen aneinander. A. und ich breiten unsere Decke auf der
       Wiese aus und machen es uns bequem.
       
       Ich beobachte, wie die Pappelsamen durch die Luft tanzen, und atme
       genüsslich aus. Ich hatte ganz vergessen, wie gut es tut, wenn eine sanfte
       Brise über die nackte Haut streift und die Sonne den Körper wärmt.
       Augenblicklich weicht der Arbeitsstress der letzten Wochen aus meinen
       Gliedern.
       
       ## Kälter als gedacht
       
       Die großzügige Badeinsel, die sich [1][Gänsehäufel] nennt, ist ein
       besonderer Ort. Ursprünglich wurden hier Gänse gezüchtet, 1900 pachtete sie
       der Naturheilkundler Florian Berndl, um den Wiener Frauen und Männern das
       gemeinsame Baden in der freien Natur zu ermöglichen. Später wurde das
       Freibad zur städtischen Einrichtung, in der heute bis zu 33.000 Menschen
       täglich für wenig Geld eine schöne Zeit verbringen können.
       
       „Kommst du mit [2][schwimmen]?“, fragt A. – ich zögere, denn eigentlich
       möchte ich für immer unter diesem raschelnden Blätterdach sitzen, dann gebe
       ich mir einen Ruck. Das Wasser ist kälter als gedacht, aber es fühlt sich
       gut an, mit ausladenden Bewegungen hindurchzugleiten. Auf einem Plateau aus
       Kunststoff strecken wir alle viere von uns und blicken in
       Wattebauschwolken, die über einen knallblauen Himmel ziehen. „So stelle ich
       mir das Paradies vor“, sage ich. Vielleicht war die Idee, meinen
       Sommerurlaub wegen akuten Geldmangels bei A. zu verbringen, doch gar nicht
       so schlecht.
       
       Hinter uns zieht eine Schwimmerin Rücken kraulend ihre Bahnen. Sie kommt
       die ganze Saison über jeden Tag hierher, egal wie die Temperaturen sind.
       Als ich mich aufsetze, fährt ein Drachenboot an uns vorbei. Darin zwanzig
       Paddler, die sich freiwillig vom Ansager herumkommandieren lassen und jetzt
       aus dem Takt kommen, weil einer nicht aufgepasst hat.
       
       Später treffen wir einen Bekannten von A., der hier seinen Text für ein
       anstehendes Musical probt. Wir unterhalten uns über unsere kleinen
       Wohnungen und Gehälter. „Ich lebe immer noch wie ein Student“, erzählt der
       Bekannte. – „Geht mir genauso“, sage ich.
       
       Das dauerleere Konto und die Realisation, dass es für uns wirtschaftlich
       [3][vermutlich nicht besser werden wird,] trübt kurz die Stimmung, dann
       schieben wir das Thema beiseite. Zu kostbar ist dieser Tag, der mal windig
       und mal sonnig, aber immer vollkommen ist.
       
       Wir gehen noch mal baden. „Guck mal, da ertrinkt eine Biene“, sage ich zu
       A. Er fischt sie aus dem Wasser und bringt sie an Land. Der Bekannte
       verabschiedet sich, er muss zu einer Musicalprobe. A. und ich gehen
       Eiernockerl mit Salat essen. Wieder am Platz, frage ich A.: „Sag mal, hast
       du eigentlich eine Nagelschere zu Hause?“ – „Ja“, sagt er, „warum?“ – „Ich
       muss unbedingt meine Fußnägel schneiden“, sage ich. – „Wenn du möchtest,
       kann ich das machen“, sagt er. „Auf keinen Fall!“, protestiere ich und
       glaube, es ist Liebe.
       
       18 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.wien.gv.at/freizeit/strandbad-gaensehaeufel
 (DIR) [2] /Schwimmbad-Gutscheine-fuer-Kinder/!6139167
 (DIR) [3] /Mehr-Haerte-gegenueber-Arbeitslosen/!6134511
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anna Fastabend
       
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