# taz.de -- Erste Homo-Ehe Boliviens: „Wir wollen nicht die Letzten sein“
       
       > Fabiana Bánzer und Scarlett Rocha haben geheiratet. Ende gut, alles gut?
       > Mitnichten, es gibt noch noch viel zu tun für Queers in Lateinamerika.
       
 (IMG) Bild: Fabiana Bánzer und Scarlett Rocha nach ihrer Hochzeit
       
       Endlich. Endlich kann sie in Ruhe sterben, hat Fabiana Bánzer in ihrer
       Hochzeitsnacht gedacht. Nicht dass sie das wollte nach dieser wunderschönen
       Hochzeitsfeier. Doch als Bánzer und ihre Frau Scarlett Rocha am Abend in
       ihre Wohnung in der bolivianischen Stadt Santa Cruz zurückkamen, habe sie
       realisiert: „Wenn mir jetzt etwas Schlimmes passiert, gehört alles
       Scarlett. Sie ist jetzt auch offiziell meine Familie.“ Die beiden
       29-jährigen Frauen durften als erstes gleichgeschlechtliches Paar in
       Bolivien heiraten.
       
       Drei Jahre und zehn Monate lang mussten sie dafür kämpfen. Zusammen mit
       einem Anwalt der NGO Igual, die sich für die Rechte von queeren Menschen in
       Bolivien einsetzt, gingen sie alle bürokratischen und juristischen Wege, um
       die Bewilligung ihres Antrags auf eine standesamtliche Eheschließung zu
       erreichen. Der Antrag wurde im Oktober 2022 abgelehnt, denn Artikel 63 der
       bolivianischen Verfassung definiert die Ehe weiterhin als Verbindung
       zwischen einer Frau und einem Mann.
       
       ## Noch keine Öffnung der Ehe
       
       Doch nach langem Kampf und zwei Verfassungsbeschwerden entschied ein
       Gericht zugunsten der beiden Frauen. Eine Besonderheit in ihrem Fall:
       Scarlett Rocha ist US-Staatsbürgerin. Ihr Anwalt konnte sich deshalb unter
       anderem auf internationale Menschenrechtsstandards sowie auf eine
       Stellungnahme des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte zum
       Thema „Geschlechtsidentität sowie Gleichheit und Nichtdiskriminierung
       gleichgeschlechtlicher Paare“ berufen. Für andere queere Paare in Bolivien
       gilt die Erlaubnis also nicht automatisch: Eine Ehe für alle oder eine
       allgemeine Öffnung der Ehe gibt es in Bolivien bis dato nicht.
       
       Bánzer und Rocha lernten sich Anfang 2022 über einen Freund kennen. Wenige
       Monate später zogen sie als Paar zusammen. Damit mussten sie sich, wie sie
       sagen, nicht nur mit dem Coming-out in ihren konservativen Familien
       auseinandersetzen, sondern auch mit bürokratischen Hürden, die
       heterosexuelle Paare einfacher umgehen können. „Von der Eröffnung eines
       gemeinsamen Bankkontos bis dazu, Fabiana im Krankenhaus als meine
       Notfall-Kontaktperson anzugeben, als ich einen Unfall hatte, war alles
       unmöglich“, sagt Rocha. „Rechtlich hatten wir füreinander nichts zu sagen.“
       Damals begannen sie, über eine Ehe nachzudenken.
       
       Am 7. August kamen die beiden in Weiß ins Standesamt von Santa Cruz, [1][so
       zeigte es ein Video der Agentur Reuters], an den Händen geführt von Bánzers
       Mutter, und gaben sich unter Tränen das Jawort. „Ich erkläre Sie zu Ehefrau
       und Ehefrau“, sagte die Standesbeamtin. Applaus.
       
       Das Datum war nicht zufällig gewählt: Ein Tag zuvor wurde der
       Unabhängigkeitstag Boliviens gefeiert. „Damit wollten wir ein Zeichen
       setzen und sagen, dass wir bei den Rechten queerer Menschen noch
       weiterkommen müssen“, sagte Bánzer in dem Video.
       
       Die Hochzeit von Bánzer und Rocha sorgte national und international für
       Aufmerksamkeit. Während religiöse und konservative Kreise Boliviens die
       Zeremonie als „verfassungswidrigen Akt“ kritisierten, feierten
       Menschenrechtsorganisationen und die queere Community auf dem ganzen
       lateinamerikanischen Kontinent sie als Meilenstein und weiteren Schritt hin
       zur Gleichstellung.
       
       ## Historisch wider Willen
       
       „Das ist Teil einer historischen Kontinuität“, sagte der LGBTQI-Aktivist
       David Aruquipa. Er und sein Partner waren 2020 das erste
       gleichgeschlechtliche Paar in Bolivien, dessen „unión libre“, also so etwas
       wie die eingetragene Partnerschaft, staatlich anerkannt wurde – ebenfalls
       nach einem Rechtsstreit. Seit 2023 können alle gleichgeschlechtlichen Paare
       ihre Lebensgemeinschaft offiziell anerkennen lassen, 148 queere Paare haben
       ihre Partnerschaft seitdem dort eintragen lassen. Eine Ehe ist damit jedoch
       nicht gleichbedeutend: Sie bietet vor allem beim Erbrecht und bei
       Ansprüchen aus der Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung
       weitergehende Rechte.
       
       Seit Jahren fordern LGBTQI-Organisationen auf Pride-Paraden in La Paz,
       Cochabamba und Santa Cruz die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen.
       
       Was die Ehe für alle in Süd- und Zentralamerika betrifft, ist Bolivien Teil
       der Länder, die sie nicht erlauben, wie auch Paraguay, [2][Peru] und
       Venezuela. Doch diese Länder werden immer weniger. In Argentinien, Uruguay,
       Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Chile, Costa Rica und seit 2022 auch in Kuba
       und Mexiko dürfen gleichgeschlechtliche Paare heiraten.
       
       Erstes Land des Kontinents war 2010 Argentinien mit dem Ley de Matrimonio
       Igualitario. Argentinien und Uruguay sind auch bei anderen Rechten für die
       queere Community [3][relativ] weit. Beide ermöglichen durch das sogenannte
       Ley de Identidad de Género trans, inter oder nicht binären Menschen, ihre
       Geschlechtsidentität selbstbestimmt rechtlich anerkennen und eintragen zu
       lassen. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen in Argentinien und Uruguay auch
       Kinder adoptieren.
       
       Kinder sind für Fabiana Bánzer und Scarlett Rocha noch kein Thema. Nach dem
       Wirbel um die Hochzeit kehrten sie erst mal zu ihrem Alltag zurück, zu
       ihren Jobs – Bánzer ist Psychologin, Rocha Neurowissenschaftlerin – und zu
       ihren sieben Haustieren, vier Katzen und drei Hunden. Die laufen im
       Reuters-Video durch den Garten, springen auf die beiden, während sie dort
       sitzen, oder tauchen auf, wenn sich Bánzer und Rocha vor dem
       Badezimmerspiegel gegenseitig schminken und lachen. Bánzer sagt, in ihrem
       Alltag als Paar habe sich eigentlich nichts verändert, außer dass sie jetzt
       Frieden spürten – und damit auch ihrer psychischen Gesundheit etwas Gutes
       getan haben.
       
       „Wir sollten das Ereignis weder romantisieren noch vergessen, dass queere
       Menschen in Bolivien [4][und überall] tagtäglich psychische und körperliche
       Gewalt erleben“, sagt sie.
       
       In diesem Monat seit der Hochzeit hätten sich bereits ein Dutzend Paare bei
       Igual gemeldet, berichtet ein Sprecher der NGO. Sie wollen versuchen, einen
       rechtlichen Weg zu finden, standesamtlich wie Fabiana Bánzer und Scarlett
       Rocha zu heiraten.
       
       „Wir wollen nicht die Letzten sein. Wir hoffen, dass sich jetzt eine Tür
       geöffnet hat und alle es schaffen, die es möchten“, sagt Rocha. „Wir hoffen
       auch, dass es eines Tages nicht mehr historisch ist, sondern normal, dass
       jeder Mensch [5][die Person heiraten kann, die er liebt].“
       
       20 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.reuters.com/jp/video/watch/idRW818727082026RP1/
 (DIR) [2] /Homosexuellen-Rechte-in-Peru/!5373228
 (DIR) [3] /Homophobie-in-Argentinien/!6031461
 (DIR) [4] /Transfeindlichkeit-in-Brasilien/!5940251
 (DIR) [5] /Ehe-fuer-alle/!t5201072
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Luciana Ferrando
       
       ## TAGS
       
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