# taz.de -- Überkonsum: Brauche ich das wirklich?
       
       > Wir wollen mehr und danach noch mehr. Ist ein Ausstieg aus der
       > Konsumlogik möglich? Unsere Autorin führt die Suche nach Antworten zu
       > einem Bergbauern in Südtirol.
       
 (IMG) Bild: Der schlechte Konsum ist immer der der anderen
       
       Dass Menschen immer mehr wollen, mehr Besitz, mehr Konsum, wird wie ein
       Naturgesetz gehandelt, als anthropologische Konstante, mit der man rechnen
       muss, als Privatmensch, als Ökonomin, als Politiker, als Arbeitgeberin. Wer
       eine Arbeit sucht, wird dorthin gehen, wo man am meisten bezahlt, [1][wer
       10 Kühe haben kann statt 5, wird 10 haben wollen]. Aber stimmt das
       eigentlich? Und warum kauft man selber lustig mit?
       
       Kürzlich war ich bei Erich, einem Bergbauern in Südtirol, wo ich manchmal
       aushelfe. Erich lebt in einem kleinen schiefen Holzhaus, er ist 71 Jahre
       alt, sein Traktor ein halbes Jahrhundert, und seine Anziehsachen sind von
       der Sonne ausgebleicht.
       
       Ich kenne Erich seit vier Jahren und habe noch nie erlebt, dass er etwas
       eingekauft hätte außer den Lebensmitteln, die er unten im Dorfladen
       besorgt. Ich dagegen habe meinen freien Tag damit verbracht, zum Flohmarkt
       nach Meran zu reisen, vier Stunden hin und zurück, weil ich mir Großes von
       den ausrangierten Besitztümern der Meraner Hautevolee versprach.
       
       Ich könnte behaupten, dass es mir darum ging, die Atmosphäre der
       Jahrhundertwendestuckpracht zu erleben, aber das trifft es nicht. Ich
       wollte etwas kaufen, egal was, irgendwie alt, irgendwie besonders. Bin ich
       die durch den Kapitalismus deformierte Variante von Erich, der nur
       konsumiert, wenn es eine Notwendigkeit dazu gibt? Oder ist Erich die
       Ausnahme, eine Laune der Natur, die uns als unersättlich Sammelnde angelegt
       hat, die nie genug haben?
       
       Wobei meine Frage natürlich schon mit einer Voraussetzung daherkommt:
       Konsum, genauer, das Bedürfnis danach, ist schlecht. Diese Sicht mag mein
       protestantisches Erbe sein, aber passt ebenso in die Tradition einer
       Forschung, vor allem der deutschen, die in den Konsument:innen
       Verführte einer kapitalistischen Gesellschaft sieht, die wie Motten den
       Lichtern der Werbemafia folgen.
       
       ## Das materielle Selbst
       
       Doch in den letzten Jahrzehnten ist der Ton, vor allem in der
       angelsächsischen Forschung, ein anderer geworden: Konsument:innen sind
       nicht in erster Linie Verführte, sondern Selbstbestimmte, die ihr Leben
       durch Konsum gestalten. Der Historiker Frank Trentmann lehrt am Birkbeck
       College der Londoner Uni und zeichnet in seiner „Herrschaft der Dinge“
       ganze 600 Jahre Konsumgeschichte nach.
       
       Darin greift er die Idee des US-Psychologen William James vom „materiellen
       Selbst“ auf, zu dem der eigene Körper gehört, die Familie, aber auch der
       materielle Besitz. Für James und Trentmann ist Konsum nichts weniger als
       der Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Das ist erst mal einschüchternd
       für alle, [2][die über ein Weniger an Konsum nachdenken], weil er als ein
       so existentielles Bedürfnis daher kommt.
       
       Ich frage mich, was Erichs materielles Selbst ist. Ich kann mich an keinen
       Gegenstand erinnern, bei dem ich den Eindruck gehabt hätte, dass er ihm
       besonders viel bedeutet. Aber natürlich kann ich mich täuschen. Er hat mich
       nie in sein Haus hereingebeten. Als ich das erste Mal bei ihm war, hielt
       ich es für einen Schuppen.
       
       Erich ist dort aufgewachsen, mit seinen drei Brüdern und den Eltern. Es war
       ein karges Leben. Die Mutter war Tochter eines Schusters, und der erste
       Sohn war ein uneheliches Kind. Das muss vor 80 Jahren in einem so kleinen
       Ort, vorsichtig gesagt, schwierig gewesen sein. Franz, der Bruder, den
       Erich am meisten liebte, wurde Postbeamter.
       
       Franz hatte nur einen Arm, deswegen war er langsamer als seine Kollegen,
       und in Stoßzeiten trug Erich für ihn die Post aus, damit es nicht zu spät
       wurde. Erich selbst wäre gerne Busfahrer geworden, stattdessen übernahm er
       den Hof, pflegte erst den Vater, dann die Mutter. Geheiratet hat er nie.
       
       „Du hast keine Kinder, sondern Katzen“, hatte eine Nachbarin kürzlich zu
       ihm gesagt. „Was weiß sie denn, was war?“, sagte er später zu mir und klang
       – das ist sehr selten bei ihm – ungehalten. Einmal erzählte Erich, dass der
       Vater einen Schlitten für ihn, den Jüngsten, gebaut hat. „Warst du der
       Liebling?“, fragte ich, aber Erich lächelte nur.
       
       ## Minimalismus in unspektakulär
       
       Wenn ich bei Erich bin, konsumiere ich nicht. Tatsächlich ist kaum Zeit
       dafür. Erich geht morgens um sechs in den Kuhstall, ich komme um halb zehn
       hinterher, und es ist neun Uhr abends, wenn er im Stall das Licht löscht.
       Es gibt aber auch gar keine Geschäfte außer dem kleinen Dorfladen;
       [3][Erich hat weder Internetzugang noch einen Computer.] Ich habe beides,
       aber nach der Arbeit auf dem Hof bin ich so müde, dass ich es kaum nutze.
       Doch das ändert nichts daran, dass ich bei jedem Ausflug in die Läden der
       Nachbarorte wundervolle Entdeckungen erwarte.
       
       Wann hat Erich je über Konsum gesprochen? Bedeuten ihm Gegenstände etwas?
       Einmal erzählte er von den Federn, die er für den Sohn eines Helferpaares
       sammelte. Von den Pfannkuchen seiner Mutter, seinem Lieblingsgericht. Von
       dem Gefährt für Franz, eine Art Dreirad, das sie hoch getunt hatten, sodass
       es verboten schnell die Bergstraße hoch und runter raste.
       
       Die meisten dieser Dinge führen zu Franz, der vor zwei Jahren plötzlich
       starb: das Gefährt und auch die Federn. Erich sagt, dass Franz sich viel
       besser mit Federn auskannte als er selbst. Erich hat einmal welche als
       Lämmergeierfedern ausgegeben, dabei stammten sie von einer Krähe. Federn,
       Pfannkuchen und ein Dreirad: Vielleicht ist das Erichs materielles Selbst.
       
       Ich konsumiere anders als Erich: statusbezogener, weil der Flohmarkt mich
       von der Ikeaware abheben soll und trösten über die Momente, in denen mein
       Sein so weit weg von dem ist, wie ich es gerne hätte – und sei es nur, weil
       ein Text mal wieder nicht der geworden ist, den ich hatte schreiben wollen.
       
       Mein Konsum folgt nicht dem, was mir faktisch fehlt: Ich brauche nicht 8
       Pullis, egal ob second hand oder nicht. Laut Frank Trentmann, dem
       Historiker, gab es all das schon immer: [4][Statuskonsum], über den bereits
       Seneca in der Antike klagte, und ebenso den Überfluss bei den Wohlhabenden,
       zu denen übrigens auch Seneca gehörte.
       
       ## Sozialstaat und Überkonsum
       
       Was neu ist: Den Überfluss können sich heute viele leisten. Der
       Massenkonsum, der mit den Wirtschaftswunderjahren begann, hat laut
       Trentmann nicht nur etwas mit einem Mehr an Warenproduktion und
       Billigimporten auf dem Rücken der Produzierenden zu tun, sondern auch mit
       Egalisierung.
       
       Der Sozialstaat hat durch Transferleistungen wie Kindergeld oder durch
       Absicherung bei Krankheit mehr Menschen in die Lage versetzt, zu kaufen.
       Dass die Mittel- und Oberschicht anders als die Unterschicht shoppen und
       gleichzeitig sparen kann, gehört zum Kleingedruckten der
       Konsumgesellschaft. Es hat einen Beigeschmack, [5][wenn bildungsbürgerliche
       Akademiker:innen dazu aufrufen, den Konsumgürtel enger zu schnallen],
       ihren eigenen Skiurlaub-und-Ferienhaus-in-Italien-Lebensstil aber nicht
       mitdenken. Der schlechte Konsum ist immer der der anderen.
       
       Aber auch ein sachlicher, ideologiefreier Blick kann eines nicht übersehen:
       Es ist zu viel Konsum. [6][Zu viel für den Planeten.] Und gerade deshalb
       ist die Frage über meinen Flohmarktbesuch hinaus relevant: Wo endet das
       Konsumbedürfnis? Endet es überhaupt irgendwo?
       
       Den Konsumforscher Kai-Uwe Hellmann rufe ich an, weil er in einem Interview
       den moralinsauren Ton der Konsumdebatte in Deutschland kritisiert hat. Er
       wird um die Ecke denken, glaube ich. Er sagt mir, dass meine Frage längst
       vom Tisch sei und, so klingt es in meinen Ohren, auch nicht besonders
       aufgeweckt. „Im 20. Jahrhundert wurde wiederholt festgestellt, dass der
       Mensch anthropologisch gesehen keine Begrenzung der Bedürfnisbildung zu
       haben scheint“, sagt er. „Wenn eine bestimmte Stufe der Sättigung erreicht
       ist, entwickeln sich neue Bedürfnisse.“
       
       „Ist das naturgegeben?“, frage ich. „Es gibt keinen schlichten
       Naturdeterminismus mehr“, antwortet Hellmann. Wenn die Frage des
       Angeborenseins vom Tisch ist, was lässt sich über die gesellschaftliche
       Prägung von Konsumbedürfnissen herausfinden – wenn man derart umstellt ist
       von Überkonsum, dass er alternativlos wirkt?
       
       ## Gegenmodelle
       
       [7][Marshall Sahlins war ein streitbarer US-Anthropologe.] Eines seiner
       Angriffsziele war das Konzept des nutzenmaximierenden homo oeconomicus.
       Sein Aufsatz „Die ursprüngliche Wohlstandsgesellschaft“ von 1972 ist ein
       wissenschaftlicher Text, aber es ist auch eine Streitschrift. Denn Sahlins
       schrieb damit gegen die vorherrschende Einschätzung der Jägergesellschaften
       als rückständig und prekär an.
       
       Er nutzte Feldforschungen zu den!Kung in Namibia und den Murngin in
       Australien, um zu zeigen, dass diese Gesellschaften nicht deshalb besitzlos
       sind, weil sie keine Ressourcen haben, sondern weil materieller Besitz in
       ihrem nomadischen Leben Verlust statt Gewinn bedeutet. Sahlins beschreibt
       darin auch die Yahgan in Feuerland, die es ablehnten, mehr als ein Exemplar
       auch von häufig benutzten Utensilien zu haben. „Es ist ein Anzeichen von
       Selbstvertrauen“, zitiert er einen Forscher, der bei den Yahgan gelebt hat.
       
       Der Text ist berühmt über Wissenschaftskreise hinaus, das Time Magazine
       griff ihn auf, und in Deutschland ist er 2024 noch einmal erschienen. Ich
       glaube nicht, dass es nur daran liegt, dass er kurz ist und verständlich
       geschrieben, auch nicht an der Verve, mit der er den herablassenden Blick
       der Anthropologie auf die Jägergesellschaften zurückweist.
       
       Es liegt an Sahlins Begeisterung, an der Freude, ein Gegenmodell gefunden
       zu haben, und dann auch noch eines, das nicht bloße Utopie ist, sondern
       reales Leben. Vielleicht ist es eine verwandte Freude, die ich in Erichs
       Gegenwart empfinde: jemanden zu sehen, der freier vom Konsumzwang ist als
       ich.
       
       ## Marionetten der Neurophysiologie
       
       Aber wie komme ich dorthin? Wie eine ganze Gesellschaft, die zerrissen ist
       zwischen der Freude am Konsum und dem schalen Nachgeschmack, für den es
       längst einen Begriff gibt, „shopping hangover“? Sonderbar, dass dieser
       Kater nie so lange nachwirkt, dass er den nächsten Kauf verhindern würde.
       Warum eigentlich nicht? Neurophysiologisch gefragt: [8][Wenn beim
       Konsumieren Dopamin ausgeschüttet wird], ein Botenstoff, der unter anderem
       für Vorfreude sorgt, warum schreibt sich dann nicht auch die enttäuschte
       Erwartung ins Gehirn ein?
       
       „Eine interessante Frage“, antwortet mir Marc Tittgemeyer vom
       Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung in Köln. Er hat untersucht,
       wie das Gehirn die Bedürfnisse nach Nahrung wahrnimmt und
       Verhaltensreaktionen erzeugt, die das physiologische Gleichgewicht
       wiederherstellen. „Welche Rolle die Kognition bei der Bedürfnisregulierung
       spielt, fangen wir erst langsam an zu verstehen“, sagt er. „Beim Essen gibt
       es doch auch einen freiwilligen Stopp“, sage ich. „Lässt sich das auf
       anderen Konsum übertragen?“
       
       Aber Tittgemeyer geht schon bei meiner Ausgangsthese nicht mit. Bei 53
       Prozent übergewichtiger Menschen in Deutschland gemäß Body-Mass-Index könne
       man nicht von einer erfolgreichen Regulierung sprechen. Er verweist auf das
       Dessert, das man im Restaurant noch wählt, obwohl man längst satt ist.
       Warum? Versetzen wir uns in eine frühzeitliche Jägergesellschaft.
       
       Die hat ein Mammut gegessen und ist sehr satt; der Dopaminspiegel ist
       niedrig. Aber der Gedanke an Zucker treibt ihn wieder nach oben, was
       evolutionär gesehen sinnvoll ist, weil so wieder genügend Antrieb vorhanden
       ist, um einem eventuell vorbeischauenden Säbelzahntiger zu entkommen. Nur
       dass dieser Prozess in einer Gesellschaft mit wenig Säbelzahntigern und
       viel Zucker fatale Folgen hat.
       
       Wie lässt sich ein Ende des Konsums finden in einer Gesellschaft, in der
       alles immer vorhanden ist? Lässt sich etwas aus dem [9][Kampf gegen
       Übergewicht] lernen? Marc Tittgemeyer ist vorsichtig mit seiner Antwort.
       „Ich bin kein Kliniker“, sagt er. Vielleicht so viel: Prävention schon bei
       Kindern sei wichtig. Und dass die Leute durch positive Rückmeldungen am
       besten lernen. Tittgemeyer erinnert sich an eine Studie, wonach die
       Smileys, die fröhlich aufleuchten, wenn man die Normgeschwindigkeit
       einhält, mehr bringen als die Blitzer. Aber wie verstärkt man eine
       Leerstelle, ein Nicht-Tun?
       
       ## Zufriedenheit im Kleinen
       
       Bei der Frage nach dem Konsum geht es nicht nur um Shoppen oder Essen, auch
       Freizeitverhalten ist ein Feld, auf dem wir tüchtig konsumieren. Das wird
       mir klar, als ich in Frank Trentmanns Konsumgeschichte ein Protokoll aus
       dem Jahr 1949 lese, das den typischen Sonntag in einem Arbeiterhaushalt in
       Südlondon beschreibt. Dieser Sonntag ist spektakulär unspektakulär: Die
       Familie steht auf, kocht Tee, liest Zeitung, kocht mehr Tee, isst zu
       Mittag, liest, spielt Karten, macht mehr Tee. Sie verlässt zu keinem
       Zeitpunkt das Haus.
       
       Erich hat keinen freien Tag, weil er seine Tiere versorgen muss. Aber
       trotzdem erinnert mich sein Leben an den stillen Sonntag in Südlondon. Was
       mir ins Auge fällt, ist [10][die Abwesenheit der Angst, etwas zu
       verpassen]. Zugegeben: Das Freizeitangebot im England des Jahres 1949 war
       bescheiden im Vergleich zum heutigen. Zugegeben: Was weiß ich darüber, wie
       freiwillig die Begrenzungen von Erichs Leben sind? Aber vielleicht spielt
       das gar keine so große Rolle, weil es wichtiger ist, wie er mit ihnen
       umgeht.
       
       Was ich weiß: Erich sieht abends nach der Stallarbeit fern, und einmal
       erzählte er mir von einer Sendung über eine 100-jährige Japanerin, die
       begonnen hatte, mit ihrem Enkel die Welt zu bereisen. Ich glaube, er fand
       bemerkenswert, dass sie so spät damit begonnen hatte; aber es war keine
       Rede davon, dass er selbst gerne reisen würde.
       
       Erich hat nie Urlaub gemacht. Einmal sagte er, dass er gern mal im Zug von
       Meran zum Gotthard fahren und dabei in die Landschaft schauen würde. Erich
       steckt wie wenige Menschen, die ich kenne, in seinem eigenen Leben und
       nicht in einem imaginären, zukünftigen. Vielleicht ist auch das einer der
       Gründe, weshalb er nicht anfällig ist für Konsum: Er muss sich keine
       Requisite zusammenkaufen, die ihn in ein anderes, besseres Leben schieben
       soll.
       
       ## Die Sonnenseite des Weniger
       
       Vor ein paar Tagen war ich von meinem Drang, Requisiten zu kaufen, so
       angeödet, dass ich mir Flohmarktabstinenz verordnete. Ich war bestürzt über
       die Mühe, die es mich kostete, nicht hinzugehen. Als sei ich dabei, mich
       aus einer [11][langjährigen Sucht] zu befreien. Stattdessen blieb ich zu
       Hause, stritt ein bisschen mit der Familie herum. Es erfüllte mich weder
       große Freude noch große Ruhe. Am Nachmittag hatte ich zu einer Lesung mit
       Band im Freien geladen, aber weil es in Strömen regnete, kamen nur vier
       Leute und ich las letztendlich umgeben von Familie im Wohnzimmer der
       Sängerin. Es wurde ein sehr guter Nachmittag.
       
       Ich weiß nicht, ob ich mir die Sache schön rede, aber ich glaube, dass die
       Flohmarktabstinenz wie ein Geschmacksverstärker für den Nachmittag gewirkt
       hat. Die Energie, die nicht in die Suche nach dem außerordentlichen
       Gegenstand geflossen war, stand mir zur Verfügung, um mit einem
       Notenständer gut gelaunt durch den Regen zu rennen.
       
       Mein Geist war halbwegs ruhig, weil ich nicht innerlich mit mir debattieren
       musste, ob die neue Leselampe tatsächlich dazu führen würde, dass ich mal
       ein Buch zu Ende lese. Ich hatte also ausreichend Nerven, um es lustig zu
       finden, dass die Sintflut bereits nach zehn Minuten wieder aufhörte. Dieser
       Effekt erinnert mich an den typischen Besuch im Museum: Wenn man zehn
       Bilder ansieht, ist es gut. Man sieht sie wirklich. Ich weiß das, aber oft
       gehe ich weiter, weil ich schon mal da bin, weil der Eintritt schrecklich
       teuer war. Am Ende verschwimmt alles.
       
       ## Ordnung von oben
       
       Ich glaube, dass Frank Trentmann recht hat, wenn er sagt, dass der
       Überkonsum nicht individuell zu lösen ist. Dass es [12][gesetzliche
       Leitplanken geben muss, von der Reparatur- und Recyclingpflicht] bis zur
       Flugbenzinsteuer. Dass der Überkonsum der Überreichen in den Blick genommen
       werden muss. Dass die taz endlich denjenigen mehr Urlaubstage geben sollte,
       die nicht fliegen, sondern die Bahn nehmen.
       
       Aber ich glaube, das reicht nicht: Man muss einmal gerochen haben,
       [13][dass es schön ist, das freie Leben.] Dass eine freiwillig gesetzte
       Leerstelle den Rest aufleuchten lässt. Im Rahmen einer kapitalistischen
       Wirtschaft ist es herausfordernd, das Weniger attraktiv zu machen. Dabei
       ist es eine Art qualitativer Gewinnmaximierung: mehr Ertrag bei weniger
       Investment. Ich selbst stehe da ganz am Anfang – aber ich glaube, dass es
       funktioniert.
       
       Als ich das letzte Mal bei Erich war, saß er oft auf der Kiste mit dem
       Kraftfutter für die Kühe, weil sein Rücken inzwischen so schmerzt, dass er
       häufiger pausieren muss. Das Futter ist wie ein Turbomittel für mehr Milch.
       Erich gibt seinen Kühen ein paar kleine Schütten davon, andere Bauern in
       der Gegend geben ihren Kühen viel mehr. Die Gleichung ist schlicht: mehr
       Milch, mehr Geld. „Warum tust du das nicht?“, fragte ich. [14][„Ich mag
       nicht, wie es die Kühe auslaugt“], sagte Erich.
       
       18 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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