# taz.de -- Afrikanischer Fanaktivist über die Fifa: „Es ist der Anfang einer globalen Fanbewegung“
> Der Koordinator von „Football Supporters Africa“, Adebayo Akande,
> erklärt, weshalb Fifa-Chef Infantino weg muss und was der afrikanische
> Fußball braucht.
(IMG) Bild: Zu teure Tickets: Ägyptische Fußballfans konnten die WM in Nordamerika allenfalls vor TV-Geräten verfolgen
taz: Herr Adebayo Akande, die „Football Supporters Africa“ haben gemeinsam
mit nordamerikanischen und europäischen Fanverbänden [1][eine Erklärung
veröffentlicht], in der Sie Infantinos Rücktritt und mehr Transparenz bei
der Fifa verlangen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Adebayo Akande: Wir haben eine Verantwortung, uns zu den Problemen bei der
Fifa zu äußern, insbesondere zum Verhalten des Präsidenten. Bei der WM 2026
haben die völlig überhöhten Ticketpreise erstmals überhaupt so viele Fans
ausgeschlossen. Es ist natürlich grundsätzlich aus Afrika schwieriger, zur
WM zu fahren, aber in der Vergangenheit waren wir dazu immer in der Lage.
Diesmal konnte sich kein einziger durchschnittlicher Afrikaner ein Ticket
leisten. Außerdem hat uns der Gastgeber USA entrechtet, indem er unsere
Länder teils mit Einreiseverboten belegt hat. Zu unserer Überraschung stand
die Fifa nicht auf der Seite der Fans, sondern auf der Seite der USA. Und
dann war da natürlich noch die „Fifa Forward Enterprise“, [2][also
Infantinos Privatisierungsplan] für Fifa-Turniere, den er gegen den Willen
vieler durchdrücken wollte.
taz: Ihre Positionierung kam trotzdem sehr unerwartet. Die afrikanischen
Verbände haben sich hinter Infantino gestellt, er hatte in Afrika immer
seinen stärksten Rückhalt.
Akande: Die Fifa hat uns Afrikaner respektlos behandelt. Infantino hat
gesagt, dass afrikanische Verbände durch seine Privatisierungspläne mehr
Geld bekommen werden. Es hat sich angefühlt, als würden wir bestochen. Ja,
der afrikanische Fußball braucht mehr Geld, aber nur mit transparenten
Plänen, hinter denen alle Akteure im Fußball stehen. Deshalb haben wir uns
mit Mitstreitern aus aller Welt gegen Infantino zusammengeschlossen.
taz: Kameruns Verbandspräsident Samuel Eto’o hat kürzlich gesagt, Fußball
sei ohnehin kommerzialisiert und Europa verfolge im Streit mit der Fifa nur
seine eigenen Interessen. Infantino sei gut für Afrika. Ist da nicht etwas
dran?
Akande: Nicht jeder in Afrika empfindet das so, insbesondere nicht die
Fans. Klar, Geld kann viel bewirken. Es ist in Ordnung, sich über Geld von
der Fifa zu freuen. Aber wie wird dieses denn verteilt? In vielen
afrikanischen Ländern gibt es Beschwerden über die Verwendung. Oft erreicht
es die Basis nicht. Hier in Nigeria gab es zum Beispiel gerade einen Streit
über ein teures Stadionbauprojekt aus Fifa-Mitteln, mit dem viele Menschen
nicht zufrieden waren. So etwas passiert auf dem ganzen Kontinent. [3][Wir
haben übrigens aus Verbandskreisen gehört, dass auch dort nicht alle hinter
Infantino stehen.] Der Kontinentalverband Caf gibt eine Position vor, ohne
dass sich Verbände selbst äußern können.
taz: Wie kann man eine sinnvollere Verwendung der Gelder garantieren?
Akande: Die Fifa und die afrikanischen Verbände müssen vollständig
offenlegen, wohin das Geld fließt. Jeder Cent muss nachvollziehbar sein. Es
reicht nicht, einfach Geld nach Afrika zu schicken. Es sollte in den
Breitensport fließen, in den Aufbau des Fußballs von unten, in echte
Entwicklung. Nicht in die Taschen von Einzelpersonen.
taz: Sie haben sich unter anderem mit den „Football Supporters Europe“
verbündet, aber ihre Vorstellungen sind gegensätzlich: Viele Fans in Europa
kämpfen gegen große Investoren und Kommerzialisierung, viele Fans in Afrika
dagegen wünschen sie sich. Ist das ein Problem?
Akande: Unsere Diskussionen werden sich immer von denen in Europa
unterscheiden, weil der Fußball dort wesentlich stabiler und
kommerzialisierter ist. Viele europäische Ligen haben große TV-Verträge und
Sponsoring von außerhalb der Fifa und der Uefa. In Nordafrika sind die
Fußballökosysteme zumindest halbwegs stabil, aber in Subsahara-Afrika muss
viel passieren. Wir wollen größere TV-Verträge, Investoren, bessere
Vermarktung. In der Champions League der Caf bekommt der Sieger weniger als
ein Playoff-Teilnehmer in der europäischen Champions League. Wir müssen
diese Lücke schließen. Und zwar mit einem kommerzialisierten Ökosystem,
nicht mit Almosen.
taz: Das heißt mehr Unabhängigkeit von der Fifa?
Akande: Ja, wir wollen Dinge selbst voranbringen. Wir fordern bessere
Infrastruktur, höheren kommerziellen Wert. Wir möchten in der Lage sein,
unsere besten Spieler zu halten. Viele afrikanische Fußballverbände sind
sehr schlecht geführt, es gibt viel Korruption. So können wir den Fußball
nicht kommerzialisieren. In manchen Fällen haben wir auch Probleme mit
staatlicher Einflussnahme. Wir haben ganz andere Themen als in Europa, aber
das wird immer so sein.
taz: Wird global zu wenig über afrikanische Perspektiven gesprochen? Der
Ausschluss vieler afrikanischer Fans bei der WM etwa war in Europa nicht
mal ein Aufreger.
Akande: Afrika wird seine Probleme selbst lösen müssen. Europa sollte sich
mit seinen eigenen Problemen beschäftigen. Wir können unser Kreuz selbst
tragen. Wir sind über den Kolonialismus hinaus. Afrika ist ein erwachsener
Mann und muss nicht warten, dass Europa kommt und sich kümmert.
taz: Aber europäische Verbände hätten sich ja solidarisch erklären können?
Akande: Wenn wir [4][Probleme mit Einreiseverboten haben], müssen wir sie
diplomatisch lösen. Die Fifa hätte mit den USA sprechen müssen, nicht
Europa. Sie hätte Garantien einholen müssen, dass ein qualifiziertes Land
und seine Fans einreisen dürfen. Ich war bei der WM in Brasilien, bei der
in Russland und in Katar – nur in den USA war ich nicht dabei. Es ist okay,
wenn Europa solidarisch die Stimme erhebt. Aber es ist nicht ihre Aufgabe,
für uns zu kämpfen.
taz: Haben Sie nach Ihrer Erklärung gegen Infantino Rückmeldungen von
afrikanischen Verbänden bekommen?
Akande: Nein. Hier in Afrika sind Fans ziemlich isoliert, wir haben keine
formale Kooperation wie zum Beispiel „Football Supporters Europe“ mit der
Uefa. Wir kämpfen immer noch darum. Wir führen nur informelle Gespräche.
Wir verfügen aber über ein gutes Netzwerk nationaler Fan-Organisationen.
taz: Wie viele Länder sind denn bei Ihnen durch Fans vertreten?
Akande: Derzeit sind es 13. Die meisten Mitglieder haben wir in Tunesien,
außerdem sind zum Beispiel Ghana, Nigeria, Namibia, Kenia und Tansania
dabei. Wir wachsen. Wir haben in den vergangenen 15 Jahren viele
Konferenzen und Workshops veranstaltet und lassen unsere Mitglieder bei
„Football Supporters Europe“ schulen. Wir hatten auch schon Gespräche mit
dem afrikanischen Kontinentalverband Caf und hoffen auf offizielle
Anerkennung. Sie haben uns gesagt, dass sie an unserer Arbeit interessiert
sind, aber sie haben noch nicht die nötigen Strukturen, um uns einzubinden.
Sie haben zum Beispiel gar keinen Fanbeauftragten.
taz: Der Aufruf gegen Infantino ist die erste tatsächlich globale Bewegung
im Fußball. Wird das etwas verändern?
Akande: Ja, ich glaube, das hier war erst der Anfang. Es wird mehr kommen.
Wir erleben gerade den Auftakt einer neuen globalen Fanbewegung. Einer, bei
der wir gemeinsam dafür sorgen, dass wir gehört werden.
taz: Im März 2027 steht die Fifa-Präsidentschaftswahl an, Afrika könnte
dabei das Zünglein an der Waage werden. Wie, glauben Sie, werden die
afrikanischen Verbände abstimmen?
Akande: Ehrlich gesagt, viele werden für Infantino sein. Aber ein paar
könnten sich dagegen entscheiden. Die gescheiterte „Fifa Forward
Enterprise“ hat die Debatte auch bei uns verändert. Ein paar Länder haben
schon begonnen, sich zurückzuziehen. Allerdings wird das nicht im gleichen
Ausmaß wie anderswo passieren.
taz: Wird Infantino also wiedergewählt?
Akande: Europa tut momentan alles, um ihn zu diskreditieren. Jeden Tag
verliert er dort Unterstützer, genauso in Nordamerika. Einer der
entscheidenden Faktoren wird sein, welcher Kandidat gegen ihn ins Rennen
geht. Wenn dieser Kandidat Sympathien gewinnt, muss Infantino auf jeden
Fall sehr viel mehr tun als jetzt, um wiedergewählt zu werden.
11 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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