# taz.de -- Barrierefreiheit bei der Deutschen Bahn: Der letzte Zug ist weg und der Aufzug kaputt
> Aktivist:innen besetzen einen Fernbahnsteig im Hamburger
> Hauptbahnhof. Sie protestieren, weil der einzige Aufzug dort seit Monaten
> defekt ist.
(IMG) Bild: Cécile Lecomte, Joni und Kurt Stiegler protestieren für Barrierefreiheit bei der Bahn
Sie wollen an diesem Dienstagabend am Hamburger Hauptbahnhof stranden, das
ist der Plan. Um 23.10 Uhr fährt die Regionalbahn aus Uelzen am Gleis 13
ein, es ist einer der letzten Züge an diesem Abend. 15 Aktivist:innen
der Gruppen „[1][Robin Wood]“ und „Anti-ableistische Aktion Nord“ steigen
aus. Sie helfen Cécile Lecomte und Joni* aus dem Zug.
Beide sitzen im Rollstuhl, und damit ist für sie hier heute Abend Ende.
Denn der Bahnsteig zwischen Gleis 13 und 14 ist für alle, die keine Treppen
steigen können, am späten Abend eine Sackgasse: Der Aufzug ist seit dem 8.
Juni gesperrt. Defekt. Und das wird mindestens bis Ende November so
bleiben.
Die von der Bahn empfohlene Ausweichroute über Hamburg-Harburg taugt laut
Robin Wood wegen einer zu steilen Rampe nicht zum Umsteigen. Außerdem ist
der Aufzug dort seit Kurzem ebenfalls beschädigt. Die Bahn empfiehlt
deshalb, am Dammtor oder in Altona auszusteigen. Sie verweist auch darauf,
dass Unterstützungsbedarf bei ihrer Mobilitätsservicezentrale angemeldet
werden könne. Das muss aber mindestens einen Tag vorher geschehen.
Um solche Hindernisse für Menschen mit Behinderung geht es den
Aktivist:innen. Sie stellen ihre mitgebrachten Zelte auf dem Bahnsteig auf,
halten Schilder hoch und rollen Banner aus. „Bahn für alle, die Stufen
müssen weg“, „Fight ableism!“ und „Barrierefreiheit statt
Profitorientierung“ steht da drauf.
## 30 Minuten Umsteigezeit extra
„Ich will, dass Barrierefreiheit zur Priorität wird“, begründet Lecomte die
Besetzung des Bahnsteigs. „Es ist nicht nur nice to have, sondern
verpflichtend, dass die Bahn Redundanzen schafft.“ [2][Konkret fordert
Lecomte unter anderem] mindestens zwei barrierefreie Zugänge für jeden
Bahnsteig. Außerdem sollen defekte Aufzüge schneller als in sechs Monaten
repariert werden. „In der Zeit könnte ich ein Haus bauen“, sagt sie.
Die Bahn verweist auf ihre „konzernweiten technischen und
sicherheitsrelevanten Standards“ für die Instandsetzung und Erneuerung von
Aufzügen. Eine maximale Reparaturdauer sei jedoch nicht vorgeschrieben.
Komplexe Reparaturen könnten auch länger als sechs Monate dauern.
Lecomte ist Umweltaktivistin, engagiert sich gegen Atomkraft und ist mit
[3][Abseil- und Kletteraktionen] bekannt geworden. Aufgrund einer
Autoimmunerkrankung nutzt sie einen Rollstuhl. Auf dem Bahnsteig erzählt
sie von Aufzügen, die zu klein für Rollstühle sind, und davon, dass die
Bahn 30 Minuten Umstiegszeit verlange, wenn man als behinderte Person auf
Hilfe angewiesen sei. Das führe zu einer Verdopplung ihrer Reisezeit. Eine
Entschädigung gibt es dafür von der Bahn nicht.
Gegen 1 Uhr nachts treffen Mitarbeitende der DB Sicherheit auf dem
Bahnsteig ein, stellen sich um die Gruppe herum auf. Wenige Minuten später
kommen Polizist*innen dazu, die sich mit den Bahnmitarbeitenden
unterhalten. Die Polizei greift nicht ein, aber stellt sicher, dass die
Ränder des Bahnsteigs frei bleiben. Die Gruppe muss enger zusammenrücken.
Die Stimmung bleibt friedlich.
Die einzige Zuschauerin muss hinter einer Absperrung bleiben. Ein
Mitarbeiter der DB Sicherheit erklärt gerade, dass der Bahnsteig der
Hausrechtsbereich der [4][Deutschen Bahn] sei und kein öffentlicher Platz,
als hinter ihm einer der Aktivisten ruft: „Auf die Barrikaden, wehrt euch!
Leistet Widerstand gegen die Barrieren hier im Land.“
Die Situation am Hamburger Hauptbahnhof sei kein Einzelfall, kritisieren
die Aktivist:innen. Rollstuhlfahrer:innen hätten grundsätzlich
Probleme mit der Barrierefreiheit bei Reisen mit der Deutschen Bahn. Auch
[5][Katastrophenschutzpläne] sind laut Lecomte nicht auf Menschen mit
Behinderung ausgerichtet.
Sie erzählt die Geschichte einer Person an der Hamburger S-Bahn-Station
Stadthausbrücke, die von einem Fußballspiel zurückkam. Es gab einen
Feueralarm und die Aufzüge seien abgestellt worden. Die betroffene Person
sei nicht evakuiert worden. Lecomte fordert: Das Personal muss die
Evakuierungspläne kennen.
In diesem Zusammenhang übt Lecomte auch Kritik am
[6][Behindertengleichstellungsgesetz]. Das Gesetz legalisiere Barrieren,
statt sie abzubauen, sagt sie, und schließe Klagen nahezu vollständig aus.
Ursprünglich war eine vollständige [7][Barrierefreiheit im öffentlichen
Personennahverkehr] bis 2022 gesetzlich verankert. Dieses Ziel wurde
verfehlt, eine neue Frist nicht festgelegt. Lecomte habe selbst versucht,
gegen die Bahn zu klagen, sei damit jedoch nicht erfolgreich gewesen. Bei
einer Klage müsse man die Absicht einer Diskriminierung nachweisen können.
Aktivist:in Joni nutzt ebenfalls einen Rollstuhl und Joni geht es noch
um etwas anderes. „Teilhabe ist im Kapitalismus eine Illusion“, sagt Joni.
Und behinderte Menschen seien in der kapitalistischen Gesellschaft nichts
wert. „Sie sind nicht profitabel“, sagt Joni. „Das ist in meinen Augen der
Grund, warum Barrierefreiheit keine Priorität hat. Solange wir im
Kapitalismus leben, werden wir auch nie eine barrierefreie Welt haben.“
Ute Bertrand von Robin Wood betont die Verbindung des Kampfes für
Barrierefreiheit mit der ökologischen Bewegung. „Wir setzen uns dafür sein,
dass alle Menschen klimafreundlich unterwegs sein können“, sagt sie. „‚Alle
Menschen‘ bedeutet, dass es barrierefrei sein muss.“ Sie fügt hinzu: „Wir
wollen die Bahn wachrütteln. Die kennen das Problem, aber tun zu wenig.“
Auch der Aktivist Kurt Stiegler findet klare Worte: „Behinderte und die
Deutsche Bahn stehen auf Kriegsfuß.“ Das liege nicht an den Behinderten,
sondern an der Deutschen Bahn. Die Bahn ließ eine Frist für eine angefragte
Stellungnahme wortlos verstreichen.
*möchte nicht mit Nachnamen genannt werden
6 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Protest-gegen-Bremer-Flughafen/!5735331
(DIR) [2] https://www.robinwood.de/pressemitteilungen/bahnsteig-am-hamburger-hauptbahnhof-der-nacht-besetzt-barrierefreie-bahn-fuer
(DIR) [3] /Umweltaktivistin-ueber-Klimawandel/!5815091
(DIR) [4] /Deutsche-Bahn/!t5008760
(DIR) [5] /Inklusion-in-der-Klimakrise/!6081700
(DIR) [6] /Gesetz-zu-Barrierefreiheit/!6189824
(DIR) [7] https://background.tagesspiegel.de/verkehr-und-smart-mobility/briefing/der-lange-weg-zur-barrierefreiheit
## AUTOREN
(DIR) Rida Agha
## TAGS
(DIR) Barrierefreiheit
(DIR) Deutsche Bahn
(DIR) Öffentlicher Nahverkehr
(DIR) Protestcamp
(DIR) Protest
(DIR) Cécile Lecomte
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Zukunft
(DIR) Bahn für alle
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Barrierefreiheit im Nahverkehr: Nicht alle dürfen mitfahren
Gleich zweimal hintereinander verweigern BVG-Fahrer einem Paar mit
Rollstuhl die Mitfahrt – nun klagen die Betroffenen. Der Fall steht für ein
größeres Problem.
(DIR) Barrierefreies Bahnfahren: Zurückbleiben, bitte
Selbstbestimmt mit dem Zug reisen ist für Menschen im Rollstuhl quasi
unmöglich. Ein neuer ICE gibt Hoffnung, aber löst längst nicht alle
Probleme.
(DIR) Zu wenig Barrierefreiheit in der Bahn: Samt Rollstuhl des Zuges verwiesen
Ein Rolli-Fahrer wird am Hamburger Hauptbahnhof aus dem Zug gezwungen.
Begleitet von der Polizei. Der Grund: Er wollte nur eine Station
weiterfahren.