# taz.de -- großbritannien: Zurückbleiben, bitte
> Selbstbestimmt mit dem Zug reisen ist für Menschen im Rollstuhl quasi
> unmöglich. Ein neuer ICE mit stufenlosem Einstieg gibt Hoffnung, aber
> löst längst nicht alle Probleme. Andere europäische Länder zeigen, wie es
> besser geht
(IMG) Bild: Die Hürden beginnen schon auf dem Weg zum Bahnhof, und dort wird es meistens nicht besser: Karin Cordes-Zabel und Frank Cordes kämpfen seit Jahren für barrierefreies Zugfahren
Von Katharina Federl (Text) und Timo Knorr (Fotos)
Mit 33 Minuten Verspätung kommt ein ICE an einem Samstag im September in
München an. Fahrgäste ohne Rollstuhl ärgern sich, schließlich haben sie
eine halbe Stunde ihres Lebens verloren. Wenn es ganz blöd läuft, verpassen
sie ein wichtiges Treffen oder einen Anschlusszug. Für Karin Cordes-Zabel,
die zwar im selben Zug, aber in einem 200 Kilo schweren Elektrorollstuhl
sitzt, wurden aus 33 Minuten eineinhalb Stunden. Die Bahn war überfordert.
Ihr Ehemann Frank Cordes erklärt in einem Instagram-Video: Erst sei der im
Voraus angemeldete HubliftservICE nicht am Bahnsteig erschienen, dann das
einzige Behinderten-WC im Bahnhof außer Betrieb gewesen.
„Ich würde gerne behaupten, das ist ein Einzelfall“, sagt der 53-Jährige
Mitte Februar am Telefon. Seit 2022 berichtet er gemeinsam mit seiner Frau,
die über einen Sprachcomputer kommuniziert, in den sozialen Medien über
ihre oft holprigen Bahnreisen. Drei Tage pro Woche verbringen „Frankyman“
und die „Zauberbärin“, so heißen die beiden in den sozialen Medien,
durchschnittlich im Zug. Sie lieben es einfach, mit der Bahn zu reisen,
erzählen die beiden, vor allem nachts. Ihre Videos auf Instagram und
Facebook erreichen einige Tausend, teils Millionen Aufrufe. Mit der
Deutschen Bahn stehen sie in engem Kontakt.
Mit ihren Erfahrungsberichten wollen Karin Cordes-Zabel und Frank Cordes
aus Bremerhaven dabei helfen, den deutschen Bahnverkehr barrierefreier zu
machen. Ein Vorhaben, das Verkehrsexpert*innen als Mammutprojekt
bezeichnen. Weil Barrierefreiheit bei Planung und Bau lange nicht
mitgedacht wurde, sei der Umbau technisch und organisatorisch
anspruchsvoll, so die Kritik. Aber sind barrierefreie Lösungen wirklich so
kompliziert? Und gibt es Hoffnung, dass sich die Situation für Menschen mit
eingeschränkter Mobilität in den nächsten Jahren verändert?
Die Deutsche Bahn zumindest verspricht mit ihrem neuen ICE L, einem Zug des
spanischen Herstellers Talgo, „neue Maßstäbe bei der Barrierefreiheit“. Der
Zug ist seit rund drei Monaten auf der Strecke Berlin-Köln unterwegs und
soll ab Mai auch zwischen Berlin, Hamburg und Sylt fahren. Er hat kürzere
Wägen und fährt etwas langsamer als andere ICEs. Das L steht für „low
floor“, auf Deutsch: Niederflur. Fahrgäste müssen beim Ein- und Ausstieg
keine Stufen mehr bewältigen. Menschen mit eingeschränkter Mobilität kommen
damit erstmals ohne fremde Hilfe in einen ICE – also ohne Personal, das
Hublifte bedient oder mobile Rampen aufbaut. Ein Hublift ist eine kleine
Plattform, die elektrisch nach oben oder unten bewegt wird, um die
Höhenunterschiede zum Zug oder zum Bahnsteig zu überbrücken.
„Unser Leben wäre sehr viel einfacher“, sagt Cordes auf die Frage, was eine
flächendeckende Einführung von stufenlosen ICEs für die beiden bedeuten
würde. „Gerade müssen wir zu manchen Uhrzeiten ja noch darauf hoffen,
überhaupt in einem Zug mitgenommen zu werden.“ Im Dezember 2022 etwa seien
die beiden an einem Bahnhof stehen gelassen worden, weil das Personal des
Zuges den Bordhublift nicht bedienen konnte. „Uns wurde auch schon mal
gesagt, der Lift sei defekt, obwohl das gar nicht stimmte“, sagt er.
Ähnliches berichten auch viele andere Rollstuhlfahrer*innen. Vor allem der
seit 2017 in den ICE 4 verbaute Hublift macht [1][Betroffenen das Reisen
häufig schwer oder unmöglich]. In sozialen Medien, Zeitungen und Foren
schildern Menschen immer wieder Situationen, in denen Hublifte klemmen,
kaputt sind oder nicht bedient werden wollen. Die verursachten Verspätungen
müssten sie dann häufig auch noch vor anderen Fahrgästen rechtfertigen.
Theoretisch sollte der Hublift im ICE 4 einen Fortschritt bedeuten, weil er
in eine Innenwand des Zuges eingebaut ist und das Zugpersonal somit selbst
den Ein- und Ausstieg organisieren kann, anstatt auf Bahnhofspersonal
angewiesen zu sein. Doch gilt die Konstruktion als technisch aufwändig und
störungsanfällig und die Bedienung als so kompliziert, dass der Lift kaum
genutzt wird. „Man wollte behinderten Menschen dadurch Selbstständigkeit
und mehr Möglichkeiten bieten. Die Realität ist leider eine andere“, sagt
Frank Cordes. Inzwischen habe er sich selbst beigebracht, wie die Bedienung
des Lifts funktioniert, und könne das Personal beim Ein- und Ausklappen
anleiten.
Ist der eingebaute Hublift nicht funktionsfähig, sind Betroffene beim Ein-
und Ausstieg dann doch auf das Personal am Bahnhof angewiesen. Ebenso, wenn
sie in ICEs der älteren Generationen reisen. An großen Bahnhöfen wie denen
in Berlin, Hamburg oder München sind rund um die Uhr Menschen verfügbar.
Aber an vielen kleineren Bahnhöfen endet der Assistenzservice, der in der
Regel im Voraus angemeldet werden muss, meist am späten Abend und ist am
frühen Morgen noch nicht da. Bestimmte Verbindungen können Menschen mit
Rollstuhl also faktisch nicht nutzen. Häufig müssen sie aufwändig und mit
vielen Kompromissen ihre Reise planen und darauf hoffen, dass es keine
Verspätungen gibt.
„Nicht perfekt, aber vieles richtig gemacht“, urteilen Frankyman und
Zauberbärin nach ihrer Testfahrt mit dem ICE L im Dezember auf Instagram.
Der Spalt zwischen Zug und Bahnsteigkante sei je nach Bahnhof etwas zu
breit und im Bordrestaurant gibt es noch immer keinen Platz für
Rollstuhlfahrer*innen. Trotzdem sei der Zug durch seinen sogenannten
niveaugleichen Einstieg ein „Gamechanger“. Auch andere Fahrgäste etwa mit
Kinderwagen oder Fahrrad profitieren davon. Warum also nicht Dutzende
andere solcher Züge bestellen und auf immer mehr Fernverkehrsstrecken
einsetzen?
In Deutschland gibt es beim stufenlosen Einstieg leider einen historisch
bedingten Haken. Die Höhe der Bahnsteigkanten ist sehr unterschiedlich und
reicht von 38 bis 103 Zentimetern. Es kann sein, dass man mit demselben Zug
am Ein- und Ausstiegsbahnhof entweder einen Schritt nach oben oder nach
unten machen muss. Flächendeckend barrierefrei zugänglich ist der ICE L
also auch nicht: Die Bahnsteige müssten dafür exakt 76 Zentimeter hoch
sein.
Schon im Kaiserreich nutzten die verschiedenen Bahngesellschaften wie die
Preußische oder die Bayerische Staatseisenbahn unterschiedliche technische
Standards, erklärt Alexander Kaas Elias, Sprecher für Bahn und ÖPNV beim
Verkehrsclub Deutschland (VCD). „Lange Zeit hat man gar nicht darüber
nachgedacht, Bahnsteighöhen anzugleichen. Wieso auch? Barrierefreiheit war
jedenfalls nicht das Ziel“, sagt er. Mit der deutschen Teilung kamen dann
weitere Bahnsteighöhen dazu, in der DDR etwa wurden Doppelstockwagen mit
Niederflureinstieg eingesetzt, für die 55 Zentimeter als Regelhöhe galt.
Im Jahr 2019 haben das Verkehrsministerium und die Deutsche Bahn ein neues
Bahnsteighöhenkonzept beschlossen, das für neue oder modernisierte
Bahnsteige eine Standardhöhe von 76 Zentimetern vorsieht. Nach Angaben der
Deutschen Bahn verfügen 283 der 371 vom Fernverkehr angefahrenen Stationen
bereits über diese Höhe. Die verbliebenen Bahnsteige würden im Rahmen von
regelmäßigen Erneuerungen oder in Abstimmung mit den Verkehrsunternehmen
umgebaut. Bis alle Bahnsteige angeglichen sind, könnten laut
Expert*innen allerdings mehr als 30 Jahre vergehen.
In abgeschwächter Form besteht das Problem der unterschiedlichen
Bahnsteighöhen auch in vielen anderen europäischen Ländern. Einen
flächendeckenden niveaugleichen Einstieg könne laut Kaas Elias kaum ein
Staat garantieren. Neue Bahnsteige im Regional- und Fernverkehr sollen laut
einer EU-Vorschrift eine Höhe von entweder 55 oder 76 Zentimeter haben.
Eine verbindliche Frist, bis zu welchem Zeitpunkt alle Bahnsteige
vereinheitlicht sein müssen, gebe es jedoch nicht. Verfahren der
[2][Europäischen Kommission] gegen Mitgliedstaaten wegen Vertragsverletzung
seien dem Verkehrsexperten auch nicht bekannt.
Als Goldstandard der barrierefreien Züge gilt aktuell der schweizerische
Hochgeschwindigkeitszug Giruno, der seit 2024 zwischen Frankfurt am Main
und Mailand und seit vergangenem Jahr auch zwischen Hamburg und Basel
unterwegs ist. Durch zwei unterschiedlich hohe Türen können Fahrgäste
sowohl von 55-Zentimeter- als auch von 76-Zentimeter-Bahnsteigen stufenfrei
in den Zug kommen. Dass Verbände von Menschen mit Behinderung an der
Entwicklung beteiligt waren, ist auch im Innenraum spürbar: Für
Rollstuhlfahrer*innen wurden zusätzliche Türöffnungstaster montiert,
für blinde Reisende das Orientierungssystem am Boden und die
Lautsprecherdurchsagen verbessert.
Warum ähnliche Modelle nicht auch in Deutschland flächendeckend eingesetzt
werden, beantwortet die Deutsche Bahn auf Nachfrage der taz nicht.
Stattdessen gibt sie an, dass bis 2030 mindestens zwei Drittel der ICEs und
Intercity-Züge mit fahrzeuggebundenen Einstiegshilfen oder niveaugleichem
Einstieg ausgestattet sein sollten, damit Menschen mit eingeschränkter
Mobilität nicht mehr auf Servicepersonal vor Ort angewiesen sind. Auch im
Regionalverkehr seien laut einem Sprecher der Bahn „ungefähr 80 Prozent der
Fahrzeugflotte bereits barrierefrei“.
Doch selbst wenn von heute an ausschließlich barrierefreie Züge bestellt
würden, dauert es Jahrzehnte, bis ältere Züge aus dem Betrieb verschwinden.
Einheiten des ICE 1, die Anfang der 1990er Jahre in Betrieb gingen, fahren
bis heute im regulären Verkehr – auch weil die Fahrzeuge viele Millionen
Euro kosten. Neuere Baureihen wie der ICE 4 sind ebenso auf eine
Nutzungsdauer von mehreren Jahrzehnten ausgelegt.
„Das dauert mir aber zu lange!“, tippt Karin Cordes-Zabel in ihren
Sprachcomputer ein. Ihr Mann sitzt neben ihr und leitet den Satz
schmunzelnd übers Telefon weiter. Bei Treffen mit Bahnpersonal habe ihr
„Lieblingssatz“ schon häufig zu Gelächter geführt, erzählt er. Es werde
einfach so häufig über weit entfernte Ziele gesprochen, wenn es um
Barrierefreiheit im Verkehr gehe. Das Ehepaar setzt sich deshalb für
Lösungen ein, von denen Menschen mit eingeschränkter Mobilität auch heute
schon profitieren.
Das sind zum Beispiel funktionierende und einfach zu bedienende Hublifte,
an deren Konzeption Karin Cordes-Zabel mitgewirkt hat. Auf Einladung der
Deutschen Bahn besuchten Cordes-Zabel und ihr Mann 2024 ein ICE-Werk in
München, in dem die fehleranfälligen Hublifte des ICE 4 untersucht wurden.
Ein Jahr später, im Herbst 2025, konnten sie in Hamburg erste Prototypen
des überarbeiteten Lifts testen. Nach Angaben des Ehepaars soll das System
dieses oder nächstes Jahr in die insgesamt 137 Züge des ICE 4 eingesetzt
werden.
Der Verkehrsclub Deutschland, der im Jahr 2023/24 umfassend untersuchte,
wie barrierefrei Bus und Bahn in Deutschland sind, plädiert für eine
zentrale Plattform, also eine App oder Website, die Verbindungen im Nah-
und Fernverkehr speziell nach den Bedürfnissen mobilitätseingeschränkter
Reisender filtert. So wie die DB-App über Verspätungen informiert, müsse
dies auch bei Aufzugstörungen oder fehlenden Rampen der Fall sein. Die
notwendigen technischen Grundlagen seien grundsätzlich vorhanden, sagt
Sprecher Kaas Elias. Schwieriger sei es, Daten aller Verkehrsverbünde zu
bekommen und zusammenzuführen. Politisch sollten die Voraussetzungen dafür
ursprünglich durch das Mobilitätsdatengesetz (MDG) geschaffen werden. Aber
mit dem Ende der Ampelregierung 2024 wurde das Gesetzesprojekt gestoppt.
Wer im Rollstuhl reist, kann seinen Platz bislang nur über die
Mobilitätsservice-Zentrale buchen, also über ein separates Formular, per
Mail oder telefonisch. Die Deutsche Bahn empfiehlt eine Voranmeldung der
Fahrt bis 20 Uhr des Vortags. Eine Buchung per [3][DB-App] ist nicht
möglich. Wann sich das ändert, beantwortet die Deutsche Bahn auf Nachfrage
nicht. Nach Angaben der Sozialheld*innen, einem inklusiven Verein aus
Berlin, werden sie von der Bahn seit Jahren mit einem Relaunch der App
vertröstet. Inzwischen können zumindest Menschen mit
Schwerbehindertenausweis, die keinen Rollstuhl nutzen, einen Platz buchen.
Für Karin Cordes-Zabel wäre es eine große Erleichterung, die Tickets über
die App buchen zu können. Wenn sie dann auch noch mit einem niveaugleichen
Zug wie dem ICE L reist und die Platzbuchung digital funktioniert, könnte
sie ihre Fahrten erstmals ohne vorherige Anmeldung und Assistenzen
organisieren. „Dann wären wir so frei, wie wir es sein wollen“, sagt Frank
Cordes am Telefon. Bis dahin würden aber wohl noch ein paar Jahre vergehen,
schätzt er. Veränderung komme bei der Bahn eben immer mit etwas Verspätung.
21 Mar 2026
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