# taz.de -- 1.650 Tage Krieg in der Ukraine: Sport inmitten von Krieg und Zerstörung
> Tschernihiw leidet unter täglichem russischen Beschuss. Krafttraining,
> Schwimmen oder Leichtathletik – Leistungssport findet auch mitten im
> Krieg statt.
(IMG) Bild: Trainer Dmytro Sholokh mit dem 11-jährigen Tymofiy und der Autorin in Tschernihiw
Bis zu meiner erzwungenen Auswanderung ins Ausland vor vier Jahren aufgrund
des Krieges spielte der Sport eine große Rolle in meinem Alltag. Nun bin
ich zum ersten Mal wieder zu Hause in Tschernihiw. Die Stadt, die weniger
als 100 Kilometer von Russland entfernt liegt, leidet unter täglichem
russischen Beschuss. Früher hieß die Grenzregion „Drei Schwestern“, da hier
Belarus, Russland und die Ukraine aufeinandertreffen. [1][Doch die
ehemaligen „Schwestern“ sind jetzt gefährlich] für die Ukraine geworden.
Der erste Ort, den ich in der Stadt besuche, ist der Sportkomplex. Sechs
Jahre lang haben mein Sohn und ich täglich im Gagarin-Stadion mit unserem
Trainer Dmytro Hanteln gestemmt. Ich freue mich, ihn noch vor Ort
anzutreffen, auch wenn nun alles anders ist als vor dem Krieg.
In den ersten Tagen der Invasion sammelte unser Trainer seine Schützlinge
in der Stadt ein und trainierte mit ihnen, damit sie nicht nur in den
Kellern saßen. [2][Als Tschernihiw halb eingekesselt war], verbot ihm das
ukrainische Militär dies aus Sicherheitsgründen.
Im März 2022 warfen die Russen acht Fliegerbomben auf den Sportkomplex und
zerstörten dabei den Fußballplatz, die Tribünen, die Laufbahnen und eine
der Hallen vollständig. Das Foto des zerbombten Stadions auf meiner
Facebookseite beeindruckte einen langjährigen Kollegen aus Berlin so sehr,
dass er meiner Familie Hilfe anbot. So konnten wir [3][in jenem
schrecklichen Frühling] nach Berlin kommen, wo wir immer noch leben.
## Rückkehr nach vier Jahren
Vier Jahre später, an einem Julimorgen, stehe ich wieder in der Sportschule
meiner Heimatstadt und bin überrascht, wie viele Kinder zum Training
kommen. Die neue Halle ist viel kleiner als die bisherige. Sie wurde von
der örtlichen Verwaltung für die Sportschule angemietet.
Unser Trainer Dmytro bereitet die Leichtathleten hier auf Wettkämpfe vor.
2022 gewann einer seiner Sportler die Junioren-EM in Albanien, 2023 die WM
in Mexiko und 2025 schaffte es einer seiner Trainierenden unter die fünf
stärksten Sportler Europas in Madrid. Trotz des Krieges findet das Training
planmäßig statt. Dmytro beginnt aktuell mit den Vorbereitungen auf die
Olympiade in Los Angeles 2028. Doch dem gehen noch etliche
Qualifikationsrunden bei nationalen Wettkämpfen voraus. Deshalb trainieren
sie täglich, auch unter Beschuss.
Während ich mich aufwärme, erzählt der Trainer, wie sie nach dem
Bombenangriff Trainingsgeräte gerettet und die Hantelstangen wieder gerade
gebogen haben. Ein Großteil der Geräte ist jedoch verbrannt, ein Teil wurde
von Plünderern gestohlen. Ein anderer Trainer berichtet, wie sie den
Stundenplan umgestellt haben, damit verschiedene Trainer die Kinder zu
unterschiedlichen Zeiten trainieren können, da es nicht genug Platz für
alle gibt. Und wie er mit einem Kollegen den Kunstrasenbelag aus dem
zerstörten Stadion in der neuen Halle verlegt hat. Sie suchen gerade nach
Geld, um ihn professionell reinigen zu lassen.
## Schwimmen aktuell unmöglich
Auch unsere alte Schwimmtrainerin treffe ich noch in Tschernihiw an. Sie
heißt Lilia und ist schon über sechzig. Der Krieg hat ihr Berufsleben
erheblich verändert.
Mit Beginn der Vollinvasion wurde das Schwimmbad in Tschernihiw
geschlossen. So verlor Lilia dort nach über 30 Jahren ihren Job und muss
jetzt als Verkäuferin arbeiten. Eine Zeit lang fuhr sie noch zweimal pro
Woche mit den Kindern ins 60 Kilometer entfernte Slawutytsch. Doch wegen
der zunehmenden Drohnenangriffe ist damit jetzt auch Schluss. Aber Lilia
gibt die Hoffnung nicht auf: Die bisherigen Trainingstage hält sie sich
nach wie vor im Dienstplan frei.
Diese neue Lebensweise während des Krieges, die auf wenige Quadratmeter
begrenzt und von täglicher Bedrohung überschattet wird, zeigt, worin unsere
Resilienz tatsächlich besteht. Nicht in abstrakter Standhaftigkeit, sondern
in einem beibehaltenen Trainingsplan, einem geretteten Stück Kunstrasen
oder den für das zukünftige Schwimmtraining frei gehaltenen Tagen im
Kalender.
Aus dem Ukrainischen von Anastasia Rodi
31 Aug 2026
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