# taz.de -- Kein Platz im Restaurant für Willi: Unfreiwilliges soziales Jahr für alle
       
       > Seit es Willi gibt, kämpft unsere Autorin unermüdlich für seinen Platz in
       > der Welt. Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung von
       > Eskalation?
       
 (IMG) Bild: Worauf es im Leben wirklich ankommt ist Liebe: Für Willi ist aber oft kein Platz
       
       In der vergangenen Kolumne schrieb ich über den [1][Rauswurf aus einem
       Gasthof], wo man die Behinderung unseres Sohnes als Störung empfand. Ich
       war überrascht, für wie viel Aufregung das sorgte.
       
       Wir bekamen eine Menge Solidaritätsbekundungen. Das gibt mir Kraft. Ich
       durfte aber auch erfahren, dass andere mein Verhalten als „krass
       unsouverän“ empfanden und was sie in unserer Situation Heldenhaftes täten:
       Geschäftsführung rufen, es zur Anzeige bringen, kämpfen (notfalls mit
       Fäusten) und natürlich alle auf Social Media bloßstellen. In meinen
       Gedanken tue ich so was auch – besonders im Nachhinein.
       
       Doch obwohl ich jetzt weiß, dass der Ausschluss eindeutig rechtswidrig war,
       würde ich wahrscheinlich auch beim nächsten Mal den Rückzug antreten.
       Allerdings nicht, ohne deutlich auf das Diskriminierungsverbot hinzuweisen.
       Ein Leser schrieb mir: „Der Kern des Problems sind Sie und Ihre Familie und
       ähnlich Denkende“, weil wir nicht für uns einstünden.
       
       ## Wer Willi nicht will, hat ihn nicht verdient
       
       Der sicher zielführendste Ratschlag einer Leserin war, Willis Besuch vorher
       mit dem Restaurant abzuklären. Ich habe so etwas oft getan – von der
       Krabbelgruppe bis hin zur Elbphilharmonie habe ich vorauseilend erklärt und
       gerechtfertigt. Ehrlich gesagt habe ich nun langsam keinen Bock mehr
       darauf, um Selbstverständlichkeiten zu bitten. Wer Willi nicht will, hat
       ihn nicht verdient. Ich erkläre jetzt Willis Verhalten einfach dann, wenn
       sich Fragen stellen. Jedoch stellte uns in dem Restaurant niemand eine
       Frage. Willi sollte weg. Wir sind erhobenen Hauptes gegangen. Hätte ich
       nicht angefangen zu heulen, würde ich sogar sagen, wir sind souverän
       gegangen.
       
       Seit es Willi gibt, kämpfe ich unermüdlich für seinen Platz in der Welt –
       aber nie, solange er in der Schusslinie steht. Willi ist verbalen
       Auseinandersetzungen komplett ausgeliefert. Er versteht eher
       zwischenmenschliche Schwingungen als Worte. Wenn jemand vor ihm Angst hat,
       macht auch ihm das Angst. Das Schrecklichste für Willi ist Streit. Wird in
       seiner Gegenwart gar geschrien, verursacht das bei ihm einen emotionalen
       Ausnahmezustand. Er beginnt dann in seiner Hilflosigkeit ebenfalls zu
       schreien oder gar Dinge zu werfen.
       
       Es ist vielleicht seine nonverbale Art eines Vorwurfes. Das würde indes als
       Akt physischer Gewalt eingeordnet werden, nicht als Kommunikation. Bei
       einem Menschen mit Behinderung, der aggressiv wirkt, endet alle Toleranz.
       Es stünde fest, dass „so einer“ wirklich nicht in die Öffentlichkeit
       gehört. Mein wahrhaft zutiefst friedlicher und harmonieliebender Willi
       würde vom Opfer zum Täter gemacht.
       
       Ich muss darum vorausschauend handeln und Eskalationen unbedingt vermeiden.
       Die Frage ist: Wie weit geht man bei der Vermeidung? Ich kenne Familien,
       die fast ihr ganzes Leben im Privaten verbringen, und andere, die der
       Gesellschaft deutlich mehr zumuten als wir. Doch eines ist sicher: Die
       meisten Leute haben keine Ahnung, was sie beim Thema Behinderung tagtäglich
       alles NICHT sehen.
       
       Meine Wunsch-„Strafe“ für alle am Vorfall Beteiligten wäre, sie zu ein paar
       Wochen Arbeit in einer stationären Wohneinrichtung oder einer
       Tagesförderstätte für schwer mehrfach behinderte Menschen zu verpflichten.
       Da lernen sie vielleicht auch, worauf es im Leben wirklich ankommt. Nämlich
       auf Liebe!
       
       Wenn ich mitbekomme, wie hasserfüllt gesellschaftliche Diskurse oft geführt
       werden, dann scheint es mir für viele dringend notwendig, bei einem Willi
       in die Lehre zu gehen.
       
       Darum bin ich auch für ein unfreiwilliges soziales Jahr anstelle der
       freiwilligen sozialen Medienjahre, die heutzutage viele Jugendliche machen.
       Auf jeden Fall haben diese laut [2][OECD-Studie im Schnitt 7 Stunden
       Bildschirmzeit täglich], was in etwa der normalen Arbeitszeit von
       FSJler*innen entspricht. Ich denke, davon hätten wir langfristig
       wirklich alle mehr.
       
       30 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kein-Platz-im-Restaurant-fuer-Willi/!6200233
 (DIR) [2] https://www.oecd.org/en/publications/how-s-life-for-children-in-the-digital-age_0854b900-en.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Birte Müller
       
       ## TAGS
       
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