# taz.de -- Bildungsautor zur neuen Pisa-Studie: „Die Reformen kamen zu spät“
       
       > Lesen, Schreiben, Rechnen – deutsche Schulkinder schneiden im Vergleich
       > schlechter ab als vorher schon, sagt die neue Pisa-Studie. Warum ist das
       > so?
       
 (IMG) Bild: Schon in der Grundschule: Mehr Zeit für Lesen und Rechnen
       
       taz: Herr Brand, die Ergebnisse der neuen Pisa-Studie sind wieder einmal
       wenig erfreulich: Die Leistungen deutscher Schüler:innen haben sich
       weiter verschlechtert, die Chancenungleichheit hingegen ist nach wie vor
       extrem hoch. Wie erklären Sie sich, dass Deutschland einfach keine
       Trendwende gelingt? 
       
       Alexander Brand: Einen Teil der Ergebnisse kann man sicher noch mit der
       Coronapandemie und den langen Schulschließungen hierzulande erklären. Die
       Lücken, die damals entstanden sind, konnten offenbar nicht mehr wirklich
       geschlossen werden. Zum anderen glaube ich, dass die Schulen zu lange die
       basalen Kompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen – vernachlässigt haben. Es
       ist gut, dass es hier in den vergangenen Jahren zu einem Umdenken kam.
       [1][Für die jetzige Pisa-Studie] kamen die Reformen aber zu spät.
       
       taz: Die Länder haben mehr Zeit für Lesen und Rechnen an den Grundschulen
       angeordnet und bauen eine verbindlichere frühkindliche Sprachförderung auf.
       Zudem investieren Bund und Länder über das „Startchancen-Programm“ massiv
       in sozial benachteiligte Schüler:innen. Wann, denken Sie, könnte sich das
       in besseren Pisa-Ergebnissen niederschlagen? 
       
       Brand: Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis es messbare Erfolge gibt.
       Ich bin aber überzeugt, dass die Maßnahmen sinnvoll sind und auch einen
       Impact haben werden. Was mir jedoch Sorgen macht, ist der zunehmende
       Einfluss von Social Media. Wir wissen aus der Forschung, dass bei einer
       frühen und unkontrollierten Social-Media-Nutzung nicht nur die psychische
       Gesundheit leidet, sondern auch die Schulleistung. Dass sich die
       Pisa-Ergebnisse in so vielen Ländern jetzt gerade so verschlechtert haben,
       hat vermutlich bereits damit zu tun.
       
       taz: Sie sind also wie Bundesbildungsministerin Prien (CDU) für eine klare
       Altersgrenze? 
       
       Brand: Ja. Aber mir geht es nicht nur um soziale Medien. Wir sollten uns
       sehr kritisch mit der Digitalisierung an Schulen auseinandersetzen, wie es
       zuletzt in einigen skandinavischen Ländern passiert ist. In Deutschland
       endet die Debatte aber oft an dem Punkt, ob das Tablet oder das Heft das
       bessere Lernmittel ist. Wenn wir aber schon in der Grundschule Tablets
       verteilen, dann muss das auch sorgsam pädagogisch begleitet werden, und
       alle Lehrkräfte müssen dafür vorbereitet sein. Ein gutes Vorbild könnte
       hier Estland sein. Dort fördern Schulen von Anfang an digitale Kompetenzen
       und erzielen damit gute Ergebnisse – auch bei Pisa.
       
       taz: Zurück zu den deutschen Ergebnissen. Sie arbeiten als Mathe- und
       Physiklehrer an einer Hamburger Stadtteilschule. Wie gehen Sie im
       Unterricht damit um, dass immer weniger Schüler:innen die
       Mindeststandards erreichen? 
       
       Brand: Das ist ein gravierendes Problem. Ich hatte vergangenes Jahr
       beispielsweise eine elfte Klasse in Physik, in der eine Schülerin nicht
       wusste, wie viele Meter in einem Kilometer stecken. Man darf aber in so
       einem Fall nicht seine Erwartungen an diese Schüler:innen senken und
       ihnen vielleicht künftig einfachere Aufgaben geben. Das halte ich für einen
       Fehler: Wer diese Jugendlichen aufgibt und ihnen vielleicht auch noch
       dieses Gefühl gibt, zementiert die soziale Ungleichheit. Ich versuche,
       solche Schüler:innen genauso zu fordern wie diejenigen, die weiter sind.
       
       taz: Binnendifferenzierung verstärkt die soziale Ungleichheit? 
       
       Brand: Das Problem ist die in Deutschland sehr über Defizite geprägte
       Wahrnehmung von Lernen. Wer in Deutschland eine sonderpädagogische
       Förderung erhält, muss in der Regel eine diagnostizierte Lernschwierigkeit
       oder Behinderung vorweisen. Damit ist diese Förderung erstens stark
       stigmatisiert. Zweitens schließt die Förderung auch einen Großteil der
       Schüler:innen aus. In anderen Ländern funktioniert das ganz anders. Da
       werden alle Kinder, die Bedarf haben, frühzeitig und flexibel gefördert.
       Finnland macht das beispielsweise vorbildlich.
       
       taz: Sie haben dieses Land für [2][Ihr Buch „Die Bildungsweltmeister“]
       bereist, ebenso Estland, Japan und Singapur. Also Länder, die bei Pisa in
       der Regel weit vorne landen. Was machen die Schulen dort besser? 
       
       Brand: Da gibt es einiges. Das finnische Fördermodell hat mich auf jeden
       Fall überzeugt. Es gibt dort verschiedene Förderstufen, die aufeinander
       aufbauen. Bis zu 30 Prozent der finnischen Schüler:innen bis zur neunten
       Klasse erhalten jedes Jahr so eine Förderung, die über den
       Klassenunterricht hinausgeht – und zwar nicht von Fachlehrer:innen, sondern
       von Sonderpädagog:innen. So ein Fördermodell klingt erst mal sehr
       ressourcenintensiv. Wenn man aber bereits mit der Einschulung beginnt,
       entstehen viele Lücken erst gar nicht. Und oft läuft die Förderung nur für
       eine begrenzte Zeit. Das deutsche Schulsystem könnte damit einen großen
       Sprung nach vorne machen.
       
       taz: Wie noch? 
       
       Brand: Durch mehr Teamarbeit der Lehrkräfte. In allen vier Ländern ist mir
       aufgefallen, dass das gemeinsame Unterrichten und Reflektieren dort fester
       Bestandteil im Schulalltag ist. In Singapur beispielsweise arbeiten
       Lehrkräfte in professionellen Lerngemeinschaften, bereiten gemeinsam
       Projekte vor und tauschen sich über kollegiale Hospitationen aus. Das geht
       natürlich nur, wenn die Freiräume dafür da sind. In Japan und Singapur
       müssen die Lehrkräfte deutlich weniger unterrichten als in Deutschland.
       Neben mehr Teamarbeit hat in diesen Ländern auch eine stetige Weiterbildung
       der Lehrkräfte – in der Arbeitszeit – Priorität. Auch das würde der
       Unterrichtsqualität hierzulande guttun.
       
       taz: Hierzulande verbieten Schulen mitunter eine Fortbildung, weil sonst zu
       viel Unterricht ausfällt. Wie realistisch ist es, dass Lehrkräfte hier
       weniger arbeiten? 
       
       Brand: Aktuell ist das aufgrund des Personalmangels natürlich schwierig.
       Aber in ein paar Jahren wird durch den drastischen Geburtenrückgang die
       Zahl der Schüler:innen deutlich sinken. Und dann wäre es klug, die frei
       werdenden Ressourcen zu nutzen. Zum Beispiel für ein geringeres
       Unterrichtsdeputat oder für mehr Förderangebote.
       
       taz: Welche Rolle spielt bei den Pisa-Gewinnern eigentlich das längere
       gemeinsame Lernen ? Bildungsforscher:innen kritisieren ja schon lange,
       dass Schüler:innen hierzulande sehr früh auf verschiedene Schulformen
       aufgeteilt werden. 
       
       Brand: In Japan, Finnland und Estland bleiben die Jugendlichen bis zum etwa
       15. Lebensjahr in einem gemeinsamen System, eine Aufteilung nach
       Leistungsniveaus wird bewusst hinausgezögert. Und selbst Singapur, das
       bekannt ist für sein elitäres Schulsystem, verabschiedet sich schrittweise
       von früher Selektion. Die Länder unterstreichen damit, was die
       internationale Forschung schon länger zeigt: In Ländern ohne frühe
       Aufteilung werden die Unterschiede zwischen starken und schwachen
       Schüler:innen im Laufe der Schulzeit tendenziell kleiner – in
       Deutschland geht die Leistungsschere hingegen stark auseinander.
       
       taz: Ein Argument gegen ein längeres gemeinsames Lernen ist die Angst vor
       einem generellen Leistungsabfall. 
       
       Brand: Das ist eigentlich durch internationale Studien widerlegt. Eine
       spätere schulische Aufteilung schadet keiner Leistungsgruppe, nicht einmal
       den leistungsstärksten fünf Prozent. Man kann das aber anderes formulieren,
       und zwar: Eine frühe Selektion hat keinen Einfluss auf das allgemeine
       Leistungsniveau, also auch keinen negativen. Es ist aber ungerechter.
       
       taz: Sie schreiben in Ihrem Buch, wie schwer es ist, den Bildungserfolg
       eines Landes auf einzelne Maßnahmen zurückzuführen. Dennoch: Wo sollte die
       Bildungspolitik in Deutschland jetzt ansetzen? 
       
       Brand: Eine Empfehlung wäre ein wesentlich ernsthafterer Umgang mit
       Lernunterstützung. In Deutschland sollen das Lehrkräfte oft im
       Regelunterricht miterledigen. Die von mir besuchten Länder stellen gezielt
       Ressourcen dafür bereit, dass Schüler:innen in Kleingruppen oder
       zeitweilig im Eins-zu-eins gefördert werden, und zwar parallel zu oder nach
       dem regulären Unterricht. Eine weitere Empfehlung wäre, bei aller
       Kompetenzorientierung hierzulande nicht das Fachwissen aus dem Blick zu
       verlieren. Erst wenn ein Wissensfundament da ist, machen projekt- oder
       problemorientierte Aufgaben Sinn. Da finden Länder wie Japan oder Singapur
       einen guten Mittelweg.
       
       taz: Gibt es auch etwas, was Deutschland besser als andere macht? 
       
       Brand: Auf jeden Fall. In Japan beispielsweise beginnt spätestens mit der
       Oberstufe ein irrer Leistungsdruck. Um sich bei den Aufnahmeprüfungen an
       einer der wenigen guten Universitäten durchzusetzen, nehmen quasi alle
       private Nachhilfe. Das ist in Deutschland wesentlich besser geregelt. Und
       alle Länder, die ich für meine Buchrecherche besucht habe, beneiden uns um
       [3][unser duales Ausbildungssystem].
       
       8 Sep 2026
       
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