# taz.de -- Digitale Überlastung: Nostalgie für unbekannte Zeiten
       
       > Die Technologiemüdigkeit in Teilen der Gen Z nimmt ungewöhnliche Formen
       > an: Sie haben Anemoia, Sehnsucht nach einer Zeit, die vor ihrer Geburt
       > liegt.
       
 (IMG) Bild: Cottagecore als Sehnsucht bei Gen Z
       
       Nostalgie für die Vergangenheit zu haben, ist nicht ungewöhnlich. Damals
       war die Welt eine einfachere, damals war man Kind und musste keinerlei
       Verantwortung schultern. Gerade die 1980er bis 2000er Jahre erfahren
       momentan neue Aufmerksamkeit. Es sind allerdings nicht nur Millennials, die
       [1][nostalgisch an ihr Aufwachsen zurückdenken], auch Gen Z und Gen Alpha,
       also die nach 1996 Geborenen, empfinden Sehnsucht für diese Zeit, die sie
       gar nicht selbst erlebt haben.
       
       Schaut man sich an, warum ausgerechnet jene Ära nostalgisch verklärt wird,
       nähert man sich dem tatsächlichen Kern des Gefühls. Während Millennials in
       der Übergangsphase zur digitalen Welt groß wurden, kennt Gen Z kein Leben
       ohne die gesellschaftliche Überdominanz von Smartphones, Social Media und
       inzwischen künstlicher Intelligenz. Wen wundert da die Sehnsucht nach einer
       analogen Welt?
       
       „Anemoia“ wird diese Nostalgie für eine nie erlebte Vergangenheit genannt.
       Geprägt wurde der Begriff 2012 von John Koenig im Rahmen seines Projekts
       The Dictionary of Obscure Sorrows, in dem er Neologismen für bis dato
       unbeschriebene Emotionen definiert. Im englischsprachigen Raum ist er
       mittlerweile so etabliert, dass er auch in angesehenen Magazinen wie BBC
       Science Focus verwendet wird.
       
       Mit Anemoia einhergehen die alle paar Monate aufkommenden
       [2][Social-Media-Trends], Videos und Fotos aus der Zeit rund ums Millennium
       zu teilen. Paradox wird es, wenn ausgerechnet mithilfe von KI Clips
       erstellt werden, die vermeintlich Szenen des Alltagslebens von Jugendlichen
       in den 1990ern zeigen. Darin drückt sich eine gewisse Hilflosigkeit aus,
       diese Gefühle zu artikulieren: Wer die prädigitale Zeit nicht selbst erlebt
       hat, ist auf die Technologie angewiesen, von der man sich abgrenzen will.
       
       ## Die vielen Reize der Gegenwart
       
       Das zeigt den eigentlichen Wunsch hinter dem Nostalgiegefühl: Es geht nicht
       darum, gänzlich auf technische Errungenschaften zu verzichten, sondern um
       ein Aufbegehren gegen den digitalen Overkill unserer Gegenwart. Und das
       führt zu ungewöhnlichen Entwicklungen. So erleben Digitalkameras ebenso
       einen neuen Boom wie iPods, Geräte also, die anders als Smartphones nur
       eine einzige Funktion haben.
       
       Man sollte [3][Gen Z] und Alpha aber nicht belächeln, hinter diesem Gefühl
       steckt nämlich etwas Ernsteres: Darin kommt die Erschöpfung ob der vielen
       Reize unserer Gegenwart zum Ausdruck, gepaart mit der Angst vor einer immer
       fragileren Zukunft. Ihre Anemoia dient also als einer Art psychologischem
       Rückzugsort.
       
       Laut dem US-amerikanischen Psychologen Clay Routledge ist dies aber ein
       zukunfts- und kein vergangenheitsgewandtes Gefühl: „Nostalgie kann eine
       Ressource sein, die uns hilft, uns an die wandelnde digitale Welt
       anzupassen“, sagt er im Buch „Past Forward“. Sie erinnere daran, dass
       geschätzte Erfahrungen an soziale Interaktionen gekoppelt sind.
       
       Oder anders gesagt: Gen Z glorifiziert das Leben vor der Digitalisierung
       aufgrund des Wunsches nach zwischenmenschlichen Verbindungen, die nicht
       durch Interaktionen im Internet zu ersetzen sind. Das ist doch ein
       hoffnungsvolles Zeichen.
       
       27 Aug 2026
       
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