# taz.de -- Bitterfeld-Wolfen: „Ich bin voll motiviert“
       
       > Janina Hampel organisiert Protest gegen die monatliche AfD-Kundgebung auf
       > dem Marktplatz. Ihren Mut verliert sie auch kurz vor der Wahl nicht.
       
 (IMG) Bild: Janina Hampel in privat
       
       Sie wolle „zeigen, dass die Gesellschaft offen sein darf“, sagt Janina
       Hampel. Unter dem Motto „Bitterfeld-Wolfen zeigt Haltung! Montags bunt
       statt braun“ stellen sich seit letztem September Demonstrierende der
       monatlichen AfD-Kundgebung auf dem Marktplatz in Bitterfeld entgegen.
       
       Hampel organisiert zusammen mit anderen den Protest. Das Netzwerk mit dem
       Namen „Zukunft. Miteinander gestalten!“ hatte sich dafür neu gefunden, weil
       andere Vereine [1][Angst um ihre Gemeinnützigkeit] hatten. Ungefähr 350
       Menschen seien zur letzten Kundgebung gekommen. Eine Ska-Band aus Dresden
       habe gespielt und ein Musiker aus Bitterfeld. Das sei nicht
       selbstverständlich. Es gebe Angst, sich öffentlich gegen die AfD zu
       stellen. „Hier kennt jeder jeden“, da würden viele die Konfrontation lieber
       vermeiden. Auch gebe es Geschichten von Nachstellungen oder Anfeindungen im
       Internet.
       
       Dann erzählt sie von eigenen Erlebnissen mit Neonazis in den 1990er Jahren,
       bei denen sie bedroht und ein Freund auch angegriffen wurde. Sie erzählt
       von demselben mulmigen Gefühl angesichts der heutigen Hetze und von der
       Frage, wie sie sich und andere schützen kann. Janina Hampel ist 40 Jahre
       alt, hat zwei Kinder und lebt im angrenzenden Landkreis.
       
       ## Hohe AfD-Quote
       
       Als die DDR noch existierte, waren Bitterfeld und Wolfen eigene Städte und
       wichtige Standorte der Chemieindustrie. Wegen der [2][extremen
       Umweltverschmutzung] war Bitterfeld auch im Westen bekannt. Mit der Wende
       verschwand die Industrie, viele Menschen verloren ihren Job. Fast die
       Hälfte der Bevölkerung wanderte ab. Inzwischen liegt die Arbeitslosigkeit
       unter dem Durchschnitt von Sachsen-Anhalt. Der ehemalige Tagebau am
       Stadtrand von Bitterfeld ist heute ein weitläufiger See mit langen
       Schilfgürteln am Ufer. Industrie gibt es hier immer noch: Janina Hampel ist
       Lebensmittelchemikerin und arbeitet bei einem lokalen Chemieunternehmen.
       
       Heute ist Bitterfeld auch wegen seiner [3][Wahlergebnisse] bekannt. Bei der
       Landtagswahl 2016 wählten hier so viele Menschen AfD wie in keinem anderen
       Wahlkreis in Sachsen-Anhalt. Auch außerhalb des Wahlkampfs fährt man in
       Bitterfeld an großen Werbetafeln der Partei vorbei.
       
       Nicht alle im Ort verstehen, warum sie sich auf dem Marktplatz gegen die
       AfD stellen würden, erzählt Janina Hampel. „Das, was da vertreten wird, ist
       nicht menschlich“, erklärt sie. Man müsse „respektvoll miteinander umgehen,
       egal welche Religion, Herkunft, Schulbildung oder auch welche Gesinnung wir
       haben“. Auch dass manche entscheiden wollen, wer bleiben darf, sei eine
       Frage des Respekts, findet Janina Hampel.
       
       Dass Migration als größtes Problem verkauft wird, ärgert sie. „Wir haben in
       Sachsen-Anhalt eher das Problem von [4][Abwanderung].“ Auch deswegen ist
       ihr wichtig, Jugendliche an politischen Entscheidungen zu beteiligen.
       Gemeinsam mit anderen setzt sie sich dafür ein. „Die Jugendlichen bringen
       einen anderen Blick auf die Dinge als wir Erwachsenen“. Vielleicht, hofft
       Hampel, motiviert die Möglichkeit mitzugestalten auch dazu, dazubleiben.
       
       Was hat sich nach einem Jahr Protest verändert? Es gebe ein Bewusstsein
       „Ich bin nicht alleine, da sind noch mehr“. Immerhin wähle die Mehrheit
       nicht AfD. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass mehr Menschen in der
       Region Gesicht zeigen und sich etwa für die Kommunalwahlen aufstellen
       lassen. Sie selbst engagiert sich bei den Grünen. Es sei nicht immer
       leicht, Leute davon zu überzeugen. Manche, die ein Geschäft haben, hätten
       Angst, Kundschaft zu verlieren. Verliert sie den Mut, jetzt kurz vor der
       Wahl? „Ich bin eher voll motiviert“, sagt Hampel und erzählt, dass ihr auch
       wegen ihrer Kinder wichtig sei zu zeigen, dass respektvoller Umgang
       miteinander möglich ist.
       
       Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen
       wir Engagierte aus der Zivilgesellschaft vor.
       
       2 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /AfD-attackiert-gemeinnuetzige-Vereine/!6016251
 (DIR) [2] https://www.bundesumweltministerium.de/30jahrenaturschutz/natur-und-umweltengagement-in-der-ddr/bitteres-aus-bitterfeld
 (DIR) [3] /Forscher-ueber-AfD-bei-Kommunalwahlen/!6013008
 (DIR) [4] /Identitaet-in-Sachsen-Anhalt/!5772060
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valentin Endraß
       
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