# taz.de -- Museumsdirektorin über Art brut: „Sie entwickelten eigenständige künstlerische Universen“
       
       > Die Collection de l’Art Brut zeigt Kunst, die außerhalb des Kunstmarktes
       > entstand. Jetzt feiert sie ihr 50-jähriges Bestehen. Direktorin Sarah
       > Lombardi führt durch die Sammlung.
       
 (IMG) Bild: Diego de Mauri, ohne Titel, entstanden zwischen 1981 und 2015
       
       taz: Woran erkennt man Art brut, vor allem dann, wenn man nichts über die
       Biografie der Künstler:in weiß?
       
       Sarah Lombardi: Der Begriff Art brut bezeichnet vor allem Werke von
       Künstler:innen, die autodidaktisch arbeiten und keine Kunstausbildung
       durchlaufen haben. Um ein Werk entsprechend einzuordnen, braucht es deshalb
       Informationen zum Entstehungskontext und zur Biografie der Person. Ohne
       diese Angaben lässt sich die Zuordnung nicht eindeutig treffen.
       
       taz: Wie viel muss ich von der Biografie wissen? 
       
       Lombardi: Ich muss keineswegs alle biografischen Einzelheiten der
       Künstler:innen kennen, etwa ob sie psychiatrisch hospitalisiert waren
       oder an einer Krankheit litten. Entscheidend sind die Qualität und
       Eigenständigkeit der Arbeit: Ist sie erfinderisch? Entwickelt sie eine
       interessante künstlerische Sprache? Diese Einschätzung ist zwangsläufig
       subjektiver geprägt.
       
       taz: Sind nicht auch autodidaktische Künstler:innen Einflüssen, etwa
       durch die Schule oder Medien ausgesetzt? 
       
       Lombardi: Viele von ihnen entwickelten sehr eigenständige künstlerische
       Universen und wurden oft nicht oder nur kurz beschult. Ihre Anregungen
       stammen meist aus persönlichen und popkulturellen Quellen, beispielsweise
       aus illustrierten Zeitungen oder gefundenen Bildern, und weniger aus der
       etablierten Kunstgeschichte. Bei Aloïse Corbaz aus Lausanne lässt sich
       dieser Prozess besonders gut beobachten. In frühen Arbeiten schnitt sie
       Bilder aus Zeitschriften aus und kolorierte sie. Später begann sie, diese
       Materialien neu zu bearbeiten und in ihre größeren Werke zu integrieren.
       
       taz: Aloïse Corbaz träumte davon, Opernsängerin zu werden. In einer
       psychiatrischen Anstalt erschuf sie mehr als 2.000 Zeichnungen. Was macht
       Corbaz’ Werk für Sie so besonders? 
       
       Sie ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Art brut. Sie hinterließ
       ein äußerst umfangreiches Werk, sowohl quantitativ als auch in ästhetischer
       Hinsicht. Ihre Produktion ist faszinierend und sehr kraftvoll.
       
       taz: Es scheint mehr Werke von Männern als von Frauen zu geben. Wurden
       Werke von Männern bevorzugt gesammelt, auch in der Collection de l’Art
       Brut? 
       
       Lombardi: Die Verteilung in unserer Sammlung entspricht grundsätzlich den
       allgemeinen Proportionen. Auch bei uns gibt es mehr Werke von Männern als
       von Frauen. Vergleicht man die Situation jedoch mit der zeitgenössischen
       Kunst, ist der Frauenanteil in der Art brut höher
       
       taz: Wie trafen Sie die Werkauswahl für die Jubiläumsausstellung? 
       
       Lombardi: Ich wollte die Entwicklung des Begriffs Art brut von den
       Ursprüngen der Sammlung bis in die Gegenwart nachvollziehbar machen. Im
       Fokus stehen Künstler:innen, die aus der Schweiz kommen oder hier
       gearbeitet haben. Die Ausstellung präsentiert zahlreiche Werke, die unter
       der Auswahl des französischen [1][Künstlers Jean Dubuffet] in die Sammlung
       aufgenommen wurden. Dubuffet besuchte 1945 schweizerische psychiatrische
       Kliniken, entdeckte dabei zahlreiche Werke und schenkte diese 1971 der
       Stadt Lausanne. Die Ausstellung ist teilweise chronologisch gegliedert. In
       einem der Räume sind Künstler:innen vertreten, deren Werke zwischen 1976
       und 2011 aufgenommen wurden; dann folgen Arbeiten, die später hinzukamen.
       Ein Beispiel ist ein Künstler italienischer Herkunft, Joseph Giavarini, der
       während einer Haftzeit in Basel kleine Figuren aus Brotkrumen, Ton und Gips
       schuf.
       
       taz: Früher wurden viele Art-brut-Künstler:innen als Patient:innen in
       psychiatrischen Kliniken entdeckt. Gilt das auch für die Collection in
       Lausanne? 
       
       Lombardi: Als Jean Dubuffet ab 1945 seine Recherche begann, stammten die
       von ihm zusammengetragenen [2][Werke fast ausschließlich aus
       psychiatrischen Kliniken]. Sie bilden den historischen Kern der Sammlung.
       Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre veränderte sich die Situation:
       Neue Medikamente wie Neuroleptika lindern zwar Wahnvorstellungen,
       Halluzinationen und psychisches Leiden, beeinträchtigen jedoch teilweise
       auch die Kreativität. Zugleich führte die Schließung psychiatrischer
       Kliniken dazu, dass Menschen nicht mehr über Jahrzehnte in abgeschlossenen
       Institutionen lebten. In den Kliniken wurden daher ab Ende der 1960er Jahre
       immer weniger Werke der Art brut entdeckt. [3][Und die Kunsttherapie gewann
       an Bedeutun]g. Art brut unterscheidet sich davon, weil sie individuell und
       spontan, ohne therapeutische Anleitung oder Zielsetzung entsteht. Die Suche
       nach Art brut verlagerte sich ab den 1970er Jahren daher zunehmend in
       andere gesellschaftliche Randbereiche. So begann etwa der hier ausgestellte
       autodidaktische Gärtner Hans Krüsi aus Appenzell, zunächst für sich selbst
       zu gestalten.
       
       taz: Stellen Sie auch lebende Schweizer Künstlerinnen und Künstler aus?
       
       Lombardi: Diego de Mauri zum Beispiel. Seine Werke wurden zuvor nie
       ausgestellt oder öffentlich präsentiert.
       
       taz: De Mauri erlitt wenige Tage nach seiner Geburt einen Herzinfarkt und
       begann erst mit vier Jahren zu sprechen. Heute zeichnet er vor allem
       Chalets mit farbigen Filzstiften. Wie wurden Sie auf ihn aufmerksam? 
       
       Lombardi: Wir sind durch seinen Nachbarn auf ihn gestoßen. Die Arbeit von
       Diego ist aufgrund ihrer obsessiven Dimension bemerkenswert – er stellt
       ausschließlich Gebäude im Bau dar – ebenso wie durch die plastische
       Organisation seiner Kompositionen: Er arbeitet nur mit einem Lineal und
       fertigt zunächst kleine, allesamt geometrische Module mit Bleistift an, die
       zusammen seine Motive bilden. Anschließend koloriert er jedes einzelne
       Modul. Sehr langwierig und minutiös.
       
       taz: Weckt Art brut nicht auch eine Form des Voyeurismus, da man darin die
       ästhetische Welt marginalisierter Menschen entdeckt? 
       
       Lombardi: Ich denke nicht, dass man von Voyeurismus sprechen kann, denn wir
       präsentieren Werke der Art brut stets mit dem Einverständnis der
       Künstler:innen, sofern sie noch leben, bzw. ihrer gesetzlichen Vertreter
       oder Familienangehörigen, wenn diese sich um die Werke kümmern.
       Andererseits sollte man bei bereits verstorbenen Künstlern durchaus daran
       erinnern, dass ihre Werke nicht mit dem Gedanken geschaffen wurden, einem
       Publikum gezeigt zu werden, und dass dies Fragen aufwerfen kann.
       
       27 Aug 2026
       
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