# taz.de -- Nordkoreanisches Fußballteam in Südkorea: Mehr als nur ein Derby
> Erstmals überhaupt ist ein nordkoreanischer Frauenfußballverein ins
> benachbarte Südkorea gereist. Dort setzt man Hoffnung in diplomatischen
> Austausch.
(IMG) Bild: Voller Einsatz bei strömendem Regen, am Ende gewinnen die Nordkoreanerinnen vom Naegohyang FC mit 2:1
Als die Nordkoreanerinnen auf den Rasen einlaufen, prasseln
wolkenbruchartige Niederschläge auf die Spielerinnen ein. Das
apokalyptische Wetter verleiht dem Match zwischen Suwon FC und Naegohyang
FC eine besondere Dramatik. Rein sportlich geht es immerhin um das
Halbfinale der asiatischen Champions League. Diplomatisch steht allerdings
noch sehr viel mehr auf dem Spiel: Erstmals seit acht Jahren ist wieder
eine nordkoreanische Sportmannschaft nach Südkorea eingereist, zum ersten
Mal überhaupt kommen Frauenfußballerinnen auf Vereinsebene zu Besuch. Die
zwei Koreas mögen zwar Nachbarländer sein, doch sie befinden sich formal
nach wie vor im Kriegszustand.
Dementsprechend löste allein schon die Ankunft der Athletinnen ein riesiges
Medienecho aus. Die 39-köpfige Delegation wurde am Sonntag am Flughafen
Incheon wie Superstars begrüßt. Dabei würdigten die Spielerinnen den
jubelnden Aktivisten und Schaulustigen, die freundlich Fähnchen schwangen,
allerdings kaum eines Blickes: Mit steinerner Miene schritten sie auf
schwarzen High Heels durch die Eingangshalle, alle trugen sie eine rote
Anstecknadel mit dem Konterfei des Staatsgründer Kim Il Sung am Revers.
Auch bei der Pressekonferenz in Suwon, einer Satellitenstadt südlich von
Seoul, hielt sich das Team bedeckt. „Wir werden unser Möglichstes tun, um
das Vertrauen und die Erwartungen der Menschen sowie unserer Eltern und
Familien zu erfüllen“, sagte die 24-jährige Stürmerin Kim Kyong Yong, ohne
den leisesten Hauch einer Emotion preiszugeben.
Spieltag, kurz vor Anpfiff: [1][„Für mich geht es hier um Fußball, nicht um
Politik“], sagt der 20-jährige Cho-i. Im Oberrang des Stadions rollt der
Anhänger des Suwon FC ein riesiges Fanbanner aus, er trägt ein Trikot
seines Vereins und um den Kopf ein martialisch anmutendes Stirnband.
Normalerweise geht Cho-i zu jedem Spiel des Männerteams. Doch die seltene
Chance, einmal Nordkoreanerinnen in Echt zu sehen, hat die Neugierde des
Politikstudenten geweckt. Ob er sich vorstellen könne, dass sich die zwei
verfeindeten Staaten, die seit mittlerweile acht Dekaden getrennt sind,
wieder zueinanderfinden könnten? „Ja, eine Wiedervereinigung möchte ich
prinzipiell schon – aber derzeit sieht die politische Situation im Norden
alles andere als gut aus“, sagt Cho-i.
## Ziel der Wiedervereinigung aufgegeben
[2][Und seine diplomatisch gewählten Worte sind eine maßlose
Untertreibung.] Pjöngjangs Machthaber Kim Jong Un entwickelt nicht nur
unter Hochdruck sein Nuklearprogramm, sondern hat den Süden auch mehrfach
als „Hauptfeind“ bezeichnet. Vor allem aber hat der Diktator die
jahrzehntealte Doktrin, auf eine Wiedervereinigung der koreanischen
Halbinsel hinzuarbeiten, offiziell aufgegeben. Selbst das über 30 Meter
hohe Mahnmal zur Wiedervereinigung vorm Stadtzentrum von Pjöngjang ließ Kim
sprengen. Und erst zu Beginn der Woche rief er dazu auf, die Grenze entlang
zum Süden in eine „uneinnehmbare Festung“ zu verwandeln.
In Südkorea hingegen möchte man dies am liebsten als rein taktische Manöver
abtun. Denn die linksgerichtete Regierung unter Präsident Lee Jae Myung
fährt einen konsequenten Annäherungskurs. Penibel achtet man darauf, den
Norden nicht unnötig zu provozieren.
Dementsprechend setzt insbesondere das Vereinigungsministerium in Seoul
große Hoffnung in die sportdiplomatische Begegnung zwischen den
Fußballerinnen. „Wir brauchen Schritte, um wieder Vertrauen aufzubauen“,
sagte Vereinigungsminister Chung Dong Young.
Und damit das 2012 in Pjöngjang gegründete Team FC Naegohyang – zu Deutsch:
„meine Heimatstadt“ – nicht ohne Fans dasteht, hat das
Vereinigungsministerium 300 Millionen Won (umgerechnet etwa 170.000 Euro)
an zivilgesellschaftliche Organisationen ausgezahlt, um die
Nordkoreanerinnen im Stadion anzufeuern.
## Über 30.000 nordkoreanische Flüchtlinge in Südkorea
Eine der Unterstützerinnen ist Kim Tae-hee. Sie trägt eine weiße
Baseballcap mit Tigeremblem, dem Logo des FC Naegohyang. Und auch wenn sie
selbst kein Fußballfan ist, hat sie doch einen ganz persönlichen Bezug zu
der Veranstaltung. Sie sei ebenfalls in Pjöngjang geboren, doch vor knapp
30 Jahren in den Süden geflohen. Wie sie nun über das Spiel denkt? „Ich
hoffe, die Nordkoreanerinnen gewinnen heute. Wenn sie verlieren, dürften
sie in ihrer Heimat dafür bestraft werden“, glaubt Frau Kim.
Über 30.000 nordkoreanische Flüchtlinge leben mittlerweile in Südkorea. Sie
sind praktisch die einzige Möglichkeit für die meisten Südkoreaner, in
direktem Kontakt miteinander zu treten. Denn andere Formen des Austauschs
sind strengstens untersagt: Es gibt keinen Tourismus, seit Jahren kaum
nennenswerte innerkoreanischen Kulturprojekte, hinzu kommt eine strenge
Zensur nordkoreanischer Propagandainhalte.
Auf der anderen Seite der stark verminten Demarkationslinie fallen die
Gesetze um ein Vielfaches strenger aus: Nordkoreaner, die beim Konsum von
Popmusik oder Fernsehserien aus dem Süden erwischt werden, müssen mit
langjährigen Haftstrafen rechnen. Auch Hinrichtungen sind in Einzelfällen
dokumentiert.
Auf dem Fußballplatz spielt die Geopolitik am Mittwochabend keine Rolle.
Auch wenn einige der 7.000 Ticketinhaber wegen des starken Regens zu Hause
geblieben sind, ist die Stimmung ausgelassen und das Spiel stets fair. Doch
schlussendlich müssen sich die Frauen vom Suwon FC sportlich geschlagen
geben. Die Nordkoreanerinnen gewinnen am Ende 1:2 – und ziehen damit ins
Finale gegen das japanische Team Tokyo Verdy Beleza.
Da das Match am Samstag im selben Stadion ausgetragen wird, bietet sich für
ein paar tausend Südkoreaner erneut die seltene Chance, ihre Nachbarinnen
aus dem Norden persönlich anzufeuern.
23 May 2026
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(DIR) Fabian Kretschmer
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