# taz.de -- Fotoarbeit zu Rassismus: „Es geht um den Platz am Tisch“
       
       > Für das Projekt „Being There“ haben die Künstler Lee Shulman und Omar
       > Victor Diop Familienfotos aus dem Amerika der Nachkriegszeit bearbeitet.
       
       taz: Lee Shulman, die Fotos Ihres Projekts „Being There“ wirken auf den
       ersten Blick wie Schnappschüsse aus den 50er oder 60er Jahren. Woher
       stammen diese Bilder? 
       
       Lee Shulman: Das sind private Familienfotos aus den USA der Nachkriegszeit.
       Sie sind Teil meiner Sammlung von Farbfilm-Dias. Die Menschen haben sie
       früher zu Hause an die Wand projiziert, dann wurden sie vergessen und
       jahrzehntelang in Kisten liegen gelassen, bis sie mir in die Hände fielen.
       Ich arbeite als Fotograf und Filmemacher, ich habe mich schon immer für
       verschiedene Technologien interessiert. Als ich die erste Kiste mit Dias
       bei Ebay kaufte, war ich von der Qualität der Bilder überwältigt. Ich fing
       an, immer mehr zu kaufen – es war wie eine Obsession. Mittlerweile habe ich
       fast eine Million Dias. Ich habe mehrere Projekte damit gemacht, unter
       anderem „Being There“.
       
       taz: Dafür haben Sie Bilder aus Ihrer Sammlung ausgewählt und den
       senegalesischen Künstler Omar Victor Diop hineinmontiert. Wie sind Sie auf
       diese Idee gekommen? 
       
       Shulman: Die Bilder zeigen das Mittelschichts-Amerika der 50er Jahre. Ich
       selbst stamme aus einer Einwandererfamilie aus London. Ich habe mir die
       Fotos angesehen und fand sie sehr monochrom. Die Abgebildeten sind alle
       weiß. Das hat mich wirklich beschäftigt.
       
       taz: Im Süden der Vereinigten Staaten hielt sich die „Rassentrennung“ bis
       in die 60er Jahre: Schwarze mussten im Bus hinten sitzen, in Restaurants
       durften sie nicht neben Weißen essen. 
       
       Shulman: Ja, es herrschte noch die Segregation, die
       [1][Bürgerrechtsbewegung] kam erst danach. Auf den Bildern gibt es oft
       einen leeren Stuhl, auf dem der Fotograf saß, der kurz aufgestanden ist, um
       das Bild zu machen. Omar und ich sind seit vielen Jahren befreundet, er ist
       ein großartiger Künstler und jemand, den ich sehr liebe. Ich dachte, es
       wäre toll, wenn ich ihn fotografieren und in die leeren Stühle montieren
       würde. Er ist selbst Fotograf und macht auch Selbstporträts. Also habe ich
       ihn gefragt, ob er sich vorstellen könnte, bei diesem Projekt mitzuwirken,
       und er hat zugestimmt.
       
       taz: Und wie haben Sie das praktisch umgesetzt? 
       
       Shulman: Als Filmemacher habe ich ein großes Team von Stylisten. Wir
       mussten die passende Kleidung und die passenden Accessoires aus den 50ern
       finden. Die Bilder haben wir im Studio aufgenommen, mit der gleichen
       Beleuchtung wie auf dem Originalfoto. Ich musste den richtigen Winkel und
       das richtige Objektiv finden. Gemeinsam haben wir an den richtigen Posen
       gearbeitet. Anschließend montierten wir Omar in die Bilder. All das haben
       wir ohne KI gemacht, nur mit Photoshop, es war eine enorme technische
       Herausforderung. Der ganze Prozess hat etwa ein Jahr gedauert.
       
       taz: Kann man sagen: Indem Sie Omar Victor Diop in die Bilder einfügten,
       zeigen Sie, wie das Leben ohne Segregation hätte aussehen können? 
       
       Shulman: Wir wollen die Geschichte nicht umschreiben. Wir wollen lediglich
       zeigen, wie wichtig es ist, einen Platz am Tisch zu haben. Es geht uns um
       die Idee, als Gesellschaft insgesamt inklusiv zu sein. Die 50er Jahre, das
       war so etwas wie der amerikanische Traum der Nachkriegszeit. Plötzlich gab
       es all diese fantastischen Autos und Menschen, die ein tolles Leben
       führten. Aber dieses tolle Leben gab es eben nicht für alle. In manche
       Bilder hätten wir auch eine Frau montieren können, auch das hätte etwas
       ausgesagt. Die Botschaft ist universell.
       
       taz: Auf den Fotos sind fröhliche Menschen zu sehen. Es wirkt, als hätten
       sie eine richtig gute Zeit. 
       
       Shulman: Ich glaube, die meisten Menschen haben fröhliche Familienfotos,
       man fotografiert sich normalerweise nicht, wenn man traurig ist. Unsere
       Idee war, ein Familienalbum zu gestalten, so als wäre es Omars Familie. Das
       war auch lustig. Wir haben versucht, etwas zu schaffen, das politisch und
       kraftvoll ist, aber dennoch Freude vermittelt. Das ist keine leichte
       Aufgabe. In meiner Arbeit habe ich oft versucht, diese Balance zwischen
       [2][Humor] und Politik, zwischen Komik und Tragik zu finden, denn ich
       glaube, dass Dinge dadurch zugänglicher werden, bedeutungsvoller. Diese
       Bilder könnten von dir oder von mir sein, sie spiegeln unser aller Leben
       wider. Wir waren alle schon mal am Strand oder haben gemeinsam mit der
       Familie zu Abend gegessen. Sie sind wie eine [3][kollektive Erinnerung].
       Heute leben wir ja in schwierigen Zeiten, es gibt eine starke
       Polarisierung, jeder meint, irgendwen zu hassen. Mit meinen Projekten
       möchte ich auch vermitteln, dass wir viel mehr gemeinsam haben, als wir oft
       denken.
       
       12 Sep 2026
       
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