# taz.de -- Ausstellung in Großbritannien: Ein Teppich, der viel über britische Ängst verrät
> Der beinahe 1.000 Jahre alte Teppich von Bayeux ist ein Kulturdenkmal und
> erstmals in London ausgestellt. Dort ist das Interesse an ihm riesig.
(IMG) Bild: Stickereien von Kämpfern – dieser Wandteppich bildet die Schlacht bei Hastings von vor fast 1000 Jahre ab
Für Schulkinder in England gehört die Schlacht bei Hastings im Jahr 1066 zu
den Grundlagen im Geschichtsunterricht. Damals besiegten die französischen
Normannen unter Herzog Wilhelm die Angelsachsen und ihren König Harald
Godwinson, auch Harald II. genannt. Bis zu 25.000 Menschen bekriegten sich
gegenseitig. Für 6.000 von ihnen, darunter Harald II., endete die Schlacht
mit dem Tod.
Diese Geschichte erzählt auch der berühmte „Teppich von Bayeux“. Er ist nur
einen halben Meter breit, aber beinahe 70 Meter lang, und sehr
wahrscheinlich die Arbeit von angelsächsischen Frauen, die ihn vor rund
1.000 Jahren mit 58 Szenen der Eroberung Englands bestickten; inklusive
Überquerung des Ärmelkanals, Prophezeiungen, Kriegsszenen und Bildern
brutal zerschlagener und durchlöcherter Körper von Menschen und Pferden.
Hier und da sind lateinische Aufschriften zugefügt.
Ausgestellt ist der Teppich normalerweise in Bayeux in der Normandie. Doch
aktuell hängt er im British Museum in London. Es ist das erste Mal seit
über 900 Jahren, dass der Teppich Frankreich verlassen hat – auf Anordnung
des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der das Versprechen dafür
während seines britischen Staatsbesuchs 2025 gegeben hatte, als Beitrag zu
guten französisch-englischen Beziehungen im Post-Brexit-Zeitalter. Und so
war es auch Macron, der die Ausstellung am Mittwoch im Beisein von König
Charles III. eröffnete.
Der Transport des Teppichs kostete rund 1,4 Millionen Euro, er erfolgte im
Juli unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und begleitet von [1][viel
Kritik]. Fachleute hatten vorab irreparable Schädigungen befürchtet.
Schließlich wies die Stickerei zu Beginn der Reise [2][laut Berichten noch
30 nicht gesicherte Risse und fast 10.000 Löcher auf]. Trotzdem ist sie im
guten Zustand in London angekommen und kann dort ab dem 10. September auch
von der Öffentlichkeit besichtigt werden.
## Mit Teppich drei Millionen Euro an einem Tag verdient
Und bei der ist er heiß begehrt. Trotz Ticketpreisen von bis zu knapp 40
Euro sind alle Besuche bis Mitte Oktober ausverkauft. Im Juli verdiente das
British Museum knapp drei Millionen Euro an einem einzigen Tag,
zwischenzeitlich befanden sich bis zu 80.000 Personen in der digitalen
Ticket-Warteschlange. Wer kein Ticket bekommen hat, muss es bei der zweiten
Runde im Oktober versuchen. Oder [3][bestaunt den Teppich einfach digital],
und das kostenlos und bis ins kleinste Detail.
Am 14. Oktober – dem 960. Jahrestag der Schlacht bei Hastings – will
Großbritannien eine gemeinsame Bildungsstunde für Schulen aus dem Museum
übertragen. Dies zeigt, welche Stellung die Schlacht noch heute in der
britischen Psyche hat. Sie steht für die gemeinsame Erinnerung an eine
Invasion in der Vergangenheit und die kollektive Angst vor weiteren, sei es
von Napoleon oder den Deutschen in den beiden Weltkriegen.
[4][Der Rechtspopulist Nigel Farage] weiß mit dieser Angst zu spielen. Er
betitelte sein neuestes Programm gegen die verzweifelten
Überquerungsversuche des Ärmelkanals von Geflüchteten aus dem Globalen
Süden Anfang August als „Operation Festung gegen die Invasion“. Bereits
2021 [5][versuchten Anwohner Hastings sich Rettungsbooten], die
Geflüchteten an der Küste helfen wollten, entgegenzustellen. Auch
Premierminister Andy Burnham sprach im Zusammenhang mit dem Wandteppich am
vergangenen Mittwoch von einer französisch-britischen Kooperation, die so
gut sei, dass sie zu den niedrigsten Zahlen an Bootsüberquerungen innerhalb
von sieben Jahren führte.
Vielleicht kann man den Teppich, inmitten des Museums der Raubgüter des
Empires, aber auch als Gedankenanstoß verstehen. Schließlich ist die
normannische Vergangenheit heute genauso Teil Großbritanniens wie der bunte
Notting Hill Carnival, der 1959 von einer in der Karibik geborenen
politischen Aktivistin initiiert wurde und ursprünglich eine
Protestveranstaltung gegen rassistische Übergriffe auf Einwanderer war.
Eine Petition will den Karneval nun als nationales Kulturgut schützen. Und
schon der Urmensch „Cheddar Man“ aus der Mittelsteinzeit, dessen Überreste
1903 in einer Höhle in Somerset gefunden wurden, war eindeutig ein
Einwanderer und britisch.
5 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Bayeux-Teppich-in-diplomatischer-Mission/!6113308
(DIR) [2] https://www.deutschlandfunk.de/macron-eroeffnet-ausstellung-von-bayeux-wandteppich-in-london-102.html
(DIR) [3] http://www.bayeuxmuseum.com/
(DIR) [4] /Nachwahl-in-England/!6204334
(DIR) [5] https://www.telegraph.co.uk/news/2021/11/30/lifeboat-blockaded-protesters-angry-migrant-rescues-days-channel/
## AUTOREN
(DIR) Daniel Zylbersztajn-Lewandowski
## TAGS
(DIR) wochentaz
(DIR) Großbritannien
(DIR) Schwerpunkt Rassismus
(DIR) Invasion
(DIR) Schwerpunkt Erster Weltkrieg
(DIR) Schwerpunkt Brexit
(DIR) Nordirland
(DIR) Reform UK
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Krawalle in Belfast: Der Brexit ist schuld
Der Austritt Großbritanniens aus der EU verschaffte dem Rechtsradikalismus
enormen Aufwind. Anstatt gegenzuhalten, zog Labour in Sachen Migration mit.
(DIR) Rassistische Krawalle in Nordirland: Unionisten wollen „Hintertür nach Großbritannien“ schließen
Nordirland will die Grenze nach Irland schließen, um Migration zu stoppen.
Dabei kommen die meiste Migranten gar nicht über Irland.
(DIR) Rassismusvorwürfe in UK: Eine lange Geschichte von Polizeiversagen
Lange Zeit stand die Polizei in England unter Rassismusverdacht. Seit
kurzem wirft man ihr eher „Two-Tier Policing“ zum Nachteil von Weißen vor.