# taz.de -- 2001 – Pop sexualisiert weibliche Fans: Unsere Mütter, unsere Stars
> 2001 verlangte der Pop von Sängerinnen und Fans, sich selbst zum Objekt
> zu machen. Eine Abrechnung mit einer Ästhetik, die nie eine Wahl war.
(IMG) Bild: „Ihr könnt selbst Stars werden!“ Wie die No Angels, die hier zu ihrem ersten Konzert in Leipzig im März 2001 erwartet werden
Mutti war peinlich. Mutti trug weite Klamotten, natürliche Farben –
„hippiemäßig“ haben wir es genannt. Mutti hatte Haare an den Beinen. Mutti
hatte einen erwachsenen Frauenkörper mit Brüsten, Hüften und Bauch. Mutti
machte FKK. Mutti hatte ein Buch mit „Nackschen“ im Regal, da waren Körper
von Menschen jeden Alters zu sehen.
Wenn ich heute an Mutti früher zurückdenke, denke ich, dass sie wunderschön
war und noch immer ist. Sie war eine arbeitende, alleinerziehende,
kreative, schlaue, ostdeutsche Frau. Das ästhetische Problem, das es
zwischen uns gab, hatte mit ein paar Jahren völliger Gehirnwäsche durch
kapitalistische Medien zu tun.
Mutti war keine Teenagerin in der BRD, die in unserer Welt ihr zweites
Jahrzehnt angetreten hatte. Meine Schwestern und ich waren das aber, und
wir hatten an dem einzigen Ort, der uns Anfang der Nuller interessierte,
gelernt, dass ausschließlich Teenagerinnen schön sind – wenn sie ein paar
sehr wichtige Regeln befolgten. Der Ort war MTV, plus sein deutsches
Pendant Viva und, in Ästhetik und Themenwahl ähnlich, die Bravo.
## Stell dich immer in Konkurrenz zu anderen Mädchen
Die Regeln waren: Werd nicht älter als 21. Rasier dich überall. Bräune
dich. Wiege nicht über 50 Kilogramm. Trag einen Tanga. Trag einen
Push-up-BH. Fülle ihn aus, zur Not mit Socken. Hab einen flachen Bauch.
Stell dich immer in Konkurrenz zu anderen Mädchen, vertraue ihnen nicht,
tue dich nicht über das Notwendige hinaus mit ihnen zusammen. Das
Notwendige: Jungs kriegen, noch besser erwachsene Männer. Das wiederum als
kapitalisierbaren Wert verstehen und zu einer Karriere machen.
Die Regeln waren manchmal ausgesprochen, manchmal variierten sie etwas, sie
waren aber nie subtil. Mädchen sollten sich in den Nullern in Wettbewerben
vergleichen, wurden auf Festivals in Skalen bewertet, bei „Hot or Not“
gevotet oder nicht, von Männermagazinen in Listen aufgereiht, in
Highschool-Komödien in fickbar und unfickbar unterteilt. In der Bravo war
nicht nur einmal als „Extra der Woche“ ein Tanga. Er war miniklein. Für
Kinder. Für Mädchen.
Ab 2001 prasselte es durch die Bildschirme auf uns ein: der Film „Bring It
On“, die Musikvideos zu „Bootylicious“, „Dirrty“, „Lady Marmalade“ und „I’m
A Slave 4 You“. Damit konnte man auch Teenagerinnen hierzulande folgende
„Interessen“ verkaufen: Cheerleading, Twerken, Schlammcatchen, Burlesque
und Bauchtanz. Am wichtigsten schien dabei, das Stehen und Sitzen
aufzugeben – junge Frauen gehören auf den Boden! Sie sollen kriechen, das
ist „heiß“.
Die aktuell erfolgreichen weiblichen Popstars Sabrina Carpenter, Tate McRae
und Olivia Rodrigo kriechen noch immer bei Auftritten und in Videos.
Allein: Sie machen es nun selbstbestimmt, so heißt es. Sie haben angeblich
nicht den gemeinen Vatermanager wie Beyoncé oder Britney, sondern wollen es
selbst, drücken sich aus, zelebrieren ihre Sexualität, die rein zufällig
immer der ähnelt, die seit der Jahrtausendwende durch die explosive
Verbreitung von Pornoästhetik in der Popkultur kolportiert wurde.
## Wir konnten Stars werden, wenn wir uns anstrengten
Diese wirkungsvolle Erzählung lieferte der Neoliberalismus schnell mit,
damit Feministinnen nicht allzu viel verhindern konnten: Ihr entscheidet
euch selbst dazu. Ihr wollt das. Ihr macht das. Dafür nahm man uns alle
noch mehr ins Boot. Wir konnten nicht nur Stars ästhetisch nacheifern, wir
konnten selbst welche werden, wenn wir uns anstrengten. Es gab plötzlich
Sendungen wie „Popstars“, „Big Brother“, sowie Datingshows und ganz viel
„Reality“. Falls wir es im ollen Fernsehen nicht schafften, dann halt vor
der Webcam zu Hause.
Dass es besser läuft, wenn wir auf eine bestimmte Weise aussehen und uns
auf eine bestimmte Weise ausziehen, ist nun mal so. Muss man ja nicht
machen. „Die Mädels wissen, worauf sie sich einlassen“ war später wohl der
meistgesagte Satz bei Formaten, in denen junge Frauen vor Kameras
erniedrigt wurden.
Wer etwas gegen diese Form der Präsentation hatte, war erst prüde, später
klang „sexnegativ“ für viele progressiver. Jahre und Jahrzehnte später
verklärt man die Zeit der Nuller als besonders verspielt. Auch manche
Frauen und Queers sehnen sich beispielsweise nach der „alten“ Britney
zurück, der ausgebeuteten Teenagerin, die, sie hat es immer wieder gesagt,
nicht glücklich gewesen ist.
Christina Aguilera wird hingegen dafür gefeiert, nicht zu altern, also
besonders viele Operationen vorgenommen zu haben und Filter auf ihr
Fotogesicht zu legen, genauso ist es mit Shakira, die gefühlt seit 20
Jahren die WM-Songs singt. Und natürlich freut man sich über Comebacks der
Nuller-„Skandalnudeln“ Paris Hilton und Lindsay Lohan. In Nuller-Optik, als
wären ihnen die Zurichtungen nie passiert.
Alle [1][sollen sie Girls sein und bleiben.] Keine wirklichen Ausnahmen
sind die Mitte-30-jährige Taylor Swift mit ihren Barbie-Outfits und ihrem
„Life of a Showgirl“ oder Ariana Grande, über deren dünnen Körper derzeit
gesprochen wird wie über den eines Teenagers, für den alle das Sorgerecht
haben.
## Die Erzählung funktioniert noch immer
Die Erzählung, dass dieser eine Look, der mal „slutty“ hieß und jetzt zum
Beispiel „fotzig“ – also einen möglichst jung aussehenden Körper in Dessous
und Klamotten stecken, die ihn aussehen lassen, als wäre er geknebelt – die
einzige Form von sexueller Befreiung ist, funktioniert noch immer. Dabei
ist der Look das Gegenteil. Man denke an den Schmerz in den Fersen in hohen
Schuhen. Man denke an den Schmerz, den BH-Bügel auslösen, wenn sie einem
von der Seite in die Titte stechen. An den Schmerz, wenn der String in die
Ritze rutscht. An den Schmerz einschneidender Hüfthosen. An den Schmerz vom
Sonnenbrand auf den Schultern. An den Schmerz des Hungers. An den Schmerz,
den man nach dem Sex mit den Dödeln hat, die man kriegt, wenn man so
aussieht und die Regeln befolgt.
Das ist alles nicht frei, sondern Eingeschnürtsein. Es ging ja nie ums
Nacktsein. Nacktsein braucht weder Schnüre noch Stäbe oder Hacken,
Nacktsein heißt behaart und hängend und wackelnd am FKK rumhängen, ohne
Performancedruck, ohne das Streben nach Anerkennung oder einen Paycheck,
einfach nur mit Vorfreude darauf, gleich ins Wasser zu springen und dann
hüpft alles so lustig.
Sexuell befreit sein hieße, Frau und erwachsen werden zu dürfen. Doch wir
haben im Pop die Frauen verloren und zugelassen, dass sie Vorstellungen
eines Girlseins gewichen sind, die vom Porno kommen, von mächtigen Männern,
die auf „barely legal“-Teenager stehen, die sie manipulieren, bezahlen,
rekrutieren, und wie wir mittlerweile wissen, auch entführen und sowieso
ausbeuten.
## Die sozialen Medien gehören noch immer reichen Männern
#MeToo kam viel zu spät, und die Körperbilder sind noch da. Das mit dem
groß rauskommen funktioniert heute immerhin nur noch so mittel als
Erzählung. Man kann ein bisschen OnlyFans machen, aber dass man als junge
Frau „auserwählt“ wird, ist zu sichtbar gescheitert. Stattdessen liegt der
Fokus heute auf Konsum. Dank Fast Fashion kann man sich alle paar Minuten
eine neue Girlgeschmacksrichtung zulegen, Clean Girl, [2][Brat], Academia
und so weiter. Dank Klarna und Co verschuldet man sich bei all den
Bestellungen – dagegen wirkt Jamba, das ebenfalls zu Beginn des neuen
Jahrtausends mit seinem Sparabo loslegte, aus heutiger Sicht fast seriös.
If the kids were united, wäre das alles nicht so schlimm. Medien halt. Aber
die Schere zwischen realer Welt und Popkultur fühlt sich mittlerweile
kleiner an, weil wir über das Smartphone die ganze Zeit „mitmachen“ können.
Bloß stimmt das nicht. Die sozialen Medien gehören noch immer reichen
Männern, die mit der Ausbeutung von Mädchen und jungen Frauen am meisten
Kohle machen. Waren die Spice Girls, trotz ihrer unterschiedlichen
Geschmacksrichtungen, wenigstens noch zusammen, werden junge Frauen nun
angehalten, allein vor ihrem Ringlicht zu hocken und sich für eine
Identität zu entscheiden.
Dabei hat das mit ihrer wirklichen Realität immer noch nicht viel zu tun.
Mädchen gehen gemeinsam, auch mit Jungs, zur Schule. Sie machen gemeinsam
eine Ausbildung. Sie studieren. Sie arbeiten. Sie haben Freundeskreise, sie
haben Familien, sie machen Sport, sie haben Hobbys, sie gehen tanzen, sie
machen Kunst. Es gibt noch immer genug Räume, in denen man gemeinsam diesen
gefährlichen Erzählungen entkommen könnte.
Mutti hat immer gesagt, wir sollen uns den Dreck im Fernsehen nicht immer
reinziehen (meist war es der „Amidreck“), und ich, so langsam auch im
Muttialter, kann nichts anderes feststellen, als dass sie Recht hatte.
9 Sep 2026
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## AUTOREN
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