# taz.de -- Neuer Roman von Tash Aw: Eine kleine Farm in Zeiten von El Niño
> Der neue Roman von Tash Aw wird wieder weltweit hoch gehandelt. Er
> erzählt vom ländlichen Malaysia, Klassenzugehörigkeit und einer
> schwierigen Liebe.
(IMG) Bild: Knapper Stil, perfektes „Show, don’t tell“: Tash Aws Roman spielt im Süden Malaysias
Literatur, die von sozialer Klasse erzählt, erlebt gerade einen Boom, und
Texte, die von ersten Erfahrungen mit Queerness berichten, erfreuen sich
ebenfalls schon seit einer Weile großer Beliebtheit. Beide Genres sind
insofern kompatibel, dass sie sich gut aus einer höchstindividuellen
Perspektive erzählen lassen: Die jugendliche Einsicht, dass die eigene
Sexualität und/oder Klassenzugehörigkeit einen in einen Widerspruch mit der
Umgebung setzen, kommt oft schlagartig und dramatisch, und die soziale
Relevanz eines solchen Erweckungserlebnisses versteht sich fast von selbst.
Wie man aus der Kombination von Klasse, Queerness und Jugend erzählerisches
Gold spinnen und auch international einen Nerv treffen kann, zeigt Édouard
Louis’ Roman „[1][Das Ende von Eddy]“: Wenn der junge Eddy Bellegueule
nicht nur gegen die beengten Klassenverhältnisse seiner Kindheit, sondern
auch gegen die Homophobie seiner Umgebung aufbegehrt, muss man im Grunde
nichts über den Schauplatz Nordfrankreich wissen, um den Text nicht nur für
ein literarisches, sondern auch für ein soziologisches Ereignis zu halten.
Dass dieses Rezept auch im Globalen Süden aufgehen kann, zeigt der fünfte
Roman des malaysischen Schriftstellers [2][Tash Aw], der uns in eine Region
führt, die dem deutschen Publikum noch weniger vertraut sein dürfte als
Frankreich: Aws Protagonist ist der 16-jährige Jay, und sein
sexuell-soziales Erweckungserlebnis findet in den Neunzigerjahren in einer
abgelegenen Gegend Malaysias statt, die das Großstadtkind bei einer Reise
mit seiner Familie kennenlernt.
## Versnobte Hauptstädterinnen
In einer unterentwickelten Ecke des Bundesstaats Johor besitzen seine
Eltern eine kleine Farm, eigentlich nur „ein ödes Stück Land“, das von
einem ärmlichen Verwandten verwaltet wird. Für Jay ist es der erste Besuch
dort, und während seine älteren Schwestern ihre Rollen als versnobte
Hauptstädterinnen zelebrieren und sich ostentativ langweilen, entwickelt er
eine Faszination für die Gegend und besonders für Chuan, den 19-jährigen
Sohn des Verwalters.
Der Süden ist kein idyllischer Schauplatz für eine Romanze: Das Land ist
ausgetrocknet, die Wirtschaft ist es auch, die Menschen ziehen weg, wenn
sie können, und allen ist klar, dass die Farm keine Zukunft hat. Nur der
Verwalter Fong flüchtet sich in Luftschlossfantasien, aber Aw macht
deutlich, was davon zu halten ist, indem er seinen Roman mit abgeholzten
Tamarindenbäumen beginnen und enden lässt: ein [3][„Kirschgarten“ in Zeiten
von El Niño] und Wirtschaftskrise, aber anders als bei Tschechow ohne jeden
Deutungsspielraum, wie das Ganze ausgehen wird.
Spannender sind ohnehin die Auswirkungen dieser Tristesse auf die
Wunschproduktion der Liebenden: Beide sind durchaus nicht ohne Sinn für
Romantik, und der Roman beginnt mit Chuans Wunsch, die gerade begonnene
Beziehung möge „für immer“ andauern.
Trotzdem wissen natürlich sowohl der sensible Jay als auch der
pragmatischere Chuan, dass solche Fantasien eine kurze Halbwertzeit haben,
besonders für ein schwules Paar wie die beiden: Jay hat in der Schule wegen
seiner Queerness bereits Gewalt erfahren, und in der Provinz ist an offen
gelebte Homosexualität sowieso nicht zu denken.
## Der Elefant im Raum
Dazu kommt der Elefant im Raum, der beiden ebenfalls sehr bewusst ist und
der den Roman strukturiert: Auch wenn Jays Eltern in der Hauptstadt
keinesfalls zur Oberschicht gehören und (wie alle Figuren des Romans) als
Angehörige der chinesischen Minderheit zusätzlicher Diskriminierung
ausgesetzt sind, sind sie hier im Süden die ortsfremden Landbesitzer, die
über das Schicksal von Chuan und seinem Vater bestimmen. J
ay kommt sich von Anfang an – völlig zu recht – wie ein Eindringling vor,
und auch während sich seine Liebesgeschichte mit Chuan ziemlich gradlinig
entwickelt, ändert sich an dieser Dynamik nichts. Er hat auf der Farm nach
dem Ende der Ferien nichts mehr zu suchen, Chuan hat keine ernsthafte
Perspektive, den Süden zu verlassen, und die beiden haben sich in dem engen
Raum zu bewegen, der durch diese beiden unangenehmen Wahrheiten begrenzt
wird.
Eine in dieser Weise durch die Klassenverhältnisse vorbestimmte Geschichte
trotzdem aufregend zu erzählen, ist eine handwerkliche Herausforderung, die
der Autor scheinbar mühelos meistert. Sein cooles, präzises Englisch war
bereits in seinen vorherigen Romanen zu bewundern und wurde für dieses Buch
von den ÜbersetzerInnen Pociao und Roberto de Hollanda angemessen lakonisch
ins Deutsche übertragen.
Anders als in Aws weiter ausgreifenden früheren Werken trifft die knappe
Sprache hier auf einen gleichermaßen reduzierten Gegenstand: Der Plot ist
kurz und simpel, die Erzählweise unaufdringlich komplex. Jay erzählt seine
Geschichte überwiegend aus der Ich-Perspektive, aber immer wieder bewegt
sich der Roman kurz von der Hauptfigur weg und nimmt die Perspektive von
Figuren in ihrem Umfeld ein. Indem auf diese Weise Jays Mutter Sui und der
Verwalter Fong mit ihren jeweils eigenen Sehnsüchten und Geheimnissen zu
Wort kommen, verankert Aw die Liebesgeschichte seines Protagonisten in
größeren historischen und sozialen Kontexten und macht klar, dass auch
individuelle Erlebnisse nie in einem luftleeren Raum stattfinden.
## Elegant mit Informationen versorgt
Die Verbindungen zwischen Jays persönlichem Glück und Unglück, den
weitgehend unausgesprochenen Konflikten und Traumata innerhalb der Familie
und schließlich der Gegenwart und Vergangenheit Malaysias knüpft Aw subtil
und diskret, und wie sparsam und elegant er uns beim Lesen mit
Informationen versorgt, ist meisterhaft: Immer wieder wird in dem Roman die
Chronologie durchbrochen, um einen bereits geschilderten Moment noch einmal
aus einer anderen Perspektive und von einem leicht erweiterten
Kenntnisstand aus zu erzählen, und die daraus entstehende Spannung trägt
den Roman bis zum Ende, ohne dass er dabei jemals formal angeberisch oder
verkopft wirkt.
Man tritt dem Autor nicht zu nahe, wenn man bemerkt, dass genau dieser
knappe Stil, das perfekt beherrschte „Show, don’t tell“ und die
Zurückhaltung, auf allzu belehrende Weise in lokale Sachverhalte
einzusteigen, Voraussetzungen für den globalen Erfolg des schon jetzt üppig
mit internationalen Literaturpreisen bedachten Buchs sind.
Dazu kommt die Tatsache, dass der in Großbritannien ausgebildete Aw wie
alle ins Deutsche übersetzten malaysischen Autoren auf Englisch und nicht
auf Malaiisch oder Chinesisch schreibt – dies setzt ihn in einen
Widerspruch zur offiziellen Kulturpolitik des Landes und macht ihn
gleichzeitig zum leicht zugänglichen Aushängeschild einer kosmopolitischen
Literatur, die auf der ganzen Welt erfolgreich sein kann, weil sie von
ihren LeserInnen nicht allzu viel Auseinandersetzung mit Fremdheit
verlangt.
Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob bei dieser linguistischen und
stilistischen Globalisierung der Literatur etwas verlorengeht. Trotzdem
sollte man deswegen diesen brillanten Roman nicht links liegen lassen.
4 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Jan Behrs
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