# taz.de -- „Ich bin in Bewegung, ich tanze“
> LITERATUR Édouard Louis ist Frankreichs neuer Vorzeigeromancier. Sein
> erstes Buch ist ein Beststeller, er erzählt von einem schwulen Jungen wie
> ihm, der vor seiner Familie und Gewalt flieht – aus der Provinz nach
> Paris. Ein Gespräch über Hass, Hingabe und Milieus
GESPRÄCH STEFAN HOCHGESAND FOTO AMÉLIE LOSIER
Der „Kleine Tearoom“ eines Hotels in Berlin: Stuck, Lilien in der Vase. Sie
kommen gerade erst aus Frankfurt, sagt die Lektorin, morgen gehe es weiter
nach Köln, für Lesungen – Édouard Louis könnte etwas müde sein. 22 ist er
und Frankreichs neuer Literaturstar. Sein autobiografischer Debütroman „Das
Ende von Eddy“ erscheint in 18 Sprachen. Und er: Sehr wach. Louis sprudelt,
sobald er erzählt.
taz: 22 Jahre alt, 250.000 verkaufte Bücher. Das können Sie doch selbst
nicht glauben, oder?
Édouard Louis: Alle hat das überrascht, glaub ich. Mein Verleger meinte
anfangs, das Buch wird es schwer haben. Meine Freunde sagten: „Dein Buch
ist so stark, es verkauft sich bestimmt 5.000 Mal.“ Ich meinte: „Ihr spinnt
doch. 5.000, das wäre enorm!“ Jetzt ist es etwas mehr geworden.
Verändert Sie Ihr Erfolg?
Nicht wirklich. Ich reise viel, also bin ich öfter müde. Aber das
stimuliert mich wiederum zum Schreiben. Auch weil die anderen ja jetzt
sagen: „Du bist ein Schriftsteller.“ Es ist, als ob ich diesem Anspruch
gerecht werden müsste. Und, na ja, ich bin jetzt viel glücklicher.
Warum?
Ich habe das Buch von der ersten Zeile an auch als politisches Buch
verstanden. Es sollte die Leute berühren und verändern. Ein Student hat mir
nach einer Lesung gesagt: „Vor dem Buch war ich homophob, aber jetzt bin
ich es nicht mehr.“
Wie leben Sie nun so in Paris?
Ich gehe nicht viel zur Uni, das gefällt mir nicht besonders. Ich wache
spät auf, zwischen 11 und 12. Mittags fange ich mit dem Schreiben an, etwa
bis 20 Uhr. Danach ist die Zeit meinen Freunden gewidmet. Immer. Ich mag
diese heilige Vorstellung mancher Schriftsteller nicht, ihr ganzes Leben
dem Werk hinzugeben. Ich glaube, das geht auch anders. Aber Künstler mögen
das ja, sich zu unterwerfen. Ich weiß nicht, wieso.
Das romantische Ideal vom Genie, meinen Sie?
Ja. Nietzsche sagte über Flaubert, der den ganzen Tag schrieb, er sei ein
Blei-Arsch. Ich bin in Bewegung, ich tanze. Ich teile mehr mit Nietzsche
als mit Flaubert.
Sie haben immerhin 16 Mal angefangen, Ihren Roman zu schreiben.
Ich erzähle sehr Intimes, sehr Persönliches. Es war hart, darüber zu
schreiben, wenn man im Hinterkopf hat, dass es jemand lesen wird. Ich
musste also gegen mich selbst anschreiben, um diese Angst zu überwinden.
Wann dachten Sie, es könnte zu intim werden?
Als ich etwa die Sexszene mit meinem Cousin schilderte. Das geschah, als
ich zehn war. Oder die Angst, die ich vor den Jungs auf der Schule hatte,
die mich Schwuchtel nannten. Es ist zu brutal, zu sagen: Ich werde
dominiert. Es gibt einen Diskurs dagegen, sich als Opfer zu erkennen zu
geben. Die Leute sagen: Hör auf, einen auf Opfer zu machen.
Wer sagt so etwas?
Ich fürchte, das ist ein Gemeinplatz, man hört es ständig. Kürzlich habe
ich Imre Kertesz gelesen, den ungarischen Nobelpreisträger, den ich
bewundere: Selbst er schreibt, man solle sich nicht als Opfer beschreiben.
Wer hat Sie gestärkt?
Für mich begann es mit der Lektüre von Didier Eribon, der eine
Foucault-Biografie geschrieben hat, die es bei Suhrkamp auch auf Deutsch
gibt. Er hat aber auch ein Buch über eine Kindheit geschrieben und die
Flucht aus einem einfachen Milieu, um ein Intellektueller zu werden, in
Paris Bücher zu schreiben und Professor in Berkeley zu werden. Das Buch
versetzte mich in Schock. Erst dachte ich: Das ist genau mein Leben! Ich
möchte auch schreiben! Nachdem ich etwas darüber nachdachte, merkte ich,
dass das gar nicht mein Leben war: Ich schrieb nicht, ich bin nicht nach
Paris gegangen. Ich hatte nicht mal Lust aufs Schreiben. Im direkten
Vergleich war ich ein Barbar.
Und dann?
Dann dachte ich: Vielleicht kann man sich mit der Literatur in ein anderes
Leben fantasieren. Ich wollte meine Kindheit erzählen, die Gewalt, die ich
erfahren habe. Als „Eddy“ herauskam, bekam ich Tausende Briefe von Lesern,
in denen stand: Das Buch beschreibt mein Leben.
Sie sind in einem Dorf im Norden Frankreichs, in der Picardie,
aufgewachsen. Was raten Sie jungen Homo- und Transsexuellen, die, wie Sie,
Ausgrenzung und Gewalt in der Provinz erfahren müssen?
Es ist schwer, da einen Ratschlag zu geben. Wenn ich müsste, würde ich
sagen: weggehen, fliehen.
Das klingt aber sehr pessimistisch. Das klingt fatalistisch.
Nein, denn Flucht beinhaltet die Erfindung von etwas Neuem. Eddy entflieht
seinem Milieu, das ihn ablehnt, entflieht seiner Familie, die ihn hasst.
Ich habe daraus etwas Literarisches machen wollen, aber Ähnliches sieht man
auch in der Politik. Edward Snowden, Julian Assange und andere sagen: Wo
ich herkomme, ist die Situation so verfahren, dass ich wegmuss. Die Flucht
als revolutionärer Akt des 21. Jahrhunderts. Früher wurde Flucht doch eher
als ein Zeichen der Schwäche gedeutet. Man sagte: Es ist einfach,
wegzulaufen.
Wie war Ihre Flucht?
Als sich mir die Möglichkeit eröffnete, als Erster meiner Familie aufs
Oberstufengymnasium zu gehen: Wenn man mich da vor die Wahl gestellt hätte,
zu gehen oder im Dorf zu bleiben und der Männlichste von allen zu sein, ich
hätte keine Sekunde gezögert und wäre geblieben. Die Flucht war für mich
schmerzhaft. Ich kann mir denken, dass es viele gibt, die deshalb nicht
fliehen.
Sie besuchen das Dorf Ihrer Kindheit nicht mehr. Fehlt Ihre Familie Ihnen
manchmal?
Nicht sehr, nein. Dazu wäre es notwendig, dass ich mich ihr verbunden
fühlte. Aber ein inniger Kontakt kam nie zustande. Manchmal sah ich meine
Mutter, und sofort zog sich eine Mauer zwischen uns auf. Wenn ich zu reden
begann, sagte sie: „Du redest wie die Bourgeoisie.“ Selbst wenn ich ganz
einfache Klamotten und Sneakers trug, sagte sie: „Aha, du ziehst dich an
wie ein Minister. Du machst das, um uns zu demütigen.“ Ich sagte dann:
„Mama, ich zieh mich doch bloß ganz normal an.“ Wir konnten nur zehn
Minuten zusammensitzen, und sie sagte Sachen wie: „Die Frauen sind doch
alle Nutten!“ Ich sagte: „Aber Mama, du bist doch selbst eine Frau.“ Es
gibt eine objektive Distanz zwischen uns. Selbst wenn meine Mutter mich
liebt – und ich weiß nicht, ob ich sie liebe –, reicht der Wille zur
Begegnung nicht aus.
Stimmt Sie das traurig?
Nein. Doch, manchmal, aber es fällt mir schwer, das zuzugeben. Wenn Sie so
wollen, macht mich die Unmöglichkeit einer Beziehung zwischen meiner Mutter
und mir weniger traurig, denn ich habe mir eine neue Familie geschaffen.
Eine Familie aus Freunden, mit denen ich in Paris lebe. Die auf mich
achtgeben und auf die ich achtgebe.
Wollen Sie Ihre Mutter lieben?
Ich glaube, man kann solidarisch sein auch ohne Liebe. Man kann mitleiden
ohne Liebe. Auf eine solche Weise leide ich mit meiner Mutter. Nicht weil
ich sie liebe, sondern weil ihre Lebensumstände schrecklich sind.
Schrecklich inwiefern?
Im Buch erzähle ich, dass wir öfter mal gar nichts zu essen hatten oder nur
warme Milch aßen. Das empört mich. Ich habe das Buch in Empörung
geschrieben, durch die Empörung, gegen diese Ungerechtigkeit, gegen die
sehr starke Unterdrückung und Gewalt. Mit einem Studenten redete ich
neulich über die Zustände in Gefängnissen. Er meinte: „Die sind doch
gewalttätig, vielleicht würden sie dich als Schwuchtel beschimpfen.“ Ich
erwiderte: „Man kann jemanden verteidigen, auch wenn man nicht jeden Tag
mit ihm zu Abend essen will.“ So geht es mir mit meiner Mutter. Sie fehlt
mir nicht, aber ich kämpfe trotzdem für sie.
Wie sind die Freunde, die Ihre neue Familie bilden?
Fast alle älter als ich. Für mich ist das sehr wichtig: dass ich mein Leben
in neue Bahnen gelenkt habe. Etwas um mich herum aufbaue, Verbindungen.
Viele Menschen brauchen Freundschaft als Lebensweise. Bizarr, dass Staaten
das nicht anerkennen. Man kann keine „eingetragenen Freundschaften“
schließen.
Dafür bräuchte es ein Gesetz?
Ja, ich glaube, das wäre wichtig. Wenn Menschen erfahren, dass ich meine
Familie nicht mehr sehe, finden sie das oft schrecklich. Ich entgegne dann:
„Aber meine Freunde sind doch meine Familie.“ Das sei nicht das Gleiche,
heißt es dann. Ein Gesetz könnte die Redeweise darüber verändern und aus
der Unsichtbarkeit führen. Wenn ich morgen sterbe, hätte ich gerne, dass
sich meine Freunde um meine Beerdigung kümmern dürfen, nicht zwangsläufig
meine Eltern.
Wie haben Sie die Demonstrationen in Frankreich erlebt, gegen das
Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare?
Die Leute waren erstaunt: Woher kommt so viel Homophobie im Frankreich des
21. Jahrhunderts? Ich hingegen war erstaunt über dieses Erstaunen. Ich
kannte diesen Hass nur zu gut. Und ich glaube, die Literatur kann ein
Mittel sein, die Perspektive zu verschieben auf die Gewalt, die man
normalerweise nicht im Blick hat. Ein Buch sollte dort Licht ausstrahlen,
wo die Gesellschaft Schatten wirft.
Fürchten Sie die Gewalt in Ihrem Land?
Gewalt beginnt ja schon dabei, dass man einen Namen erhält, den man sich
nicht selbst aussucht. Und dann wird man in Kategorien gesteckt: Schwuler,
Jude, Araber. „Du bist eine Frau, bleib auf deinem Platz.“ Meine Mutter
sagte: „Ich hab die Schule mit sechzehn geschmissen. Das war einfach nichts
für mich.“ Aber tatsächlich wurde sie dazu gedrängt, weil sie ein Mädchen
aus sehr armem Milieu war. Das war keine freie Entscheidung. Viele Menschen
unterwerfen ihr Leben diesen Verdikten nicht mehr. Viele andere leider
doch.
Wann haben Sie akzeptiert, dass Sie schwul sind?
Ich war achtzehn. Es war lang und schmerzhaft für mich, denn ich wusste
eigentlich immer, dass ich schwul bin. Ein Hauptanliegen meines Buch war
darum, zu sagen: Eddy ist genau wie die anderen. Eddy hatte, genau wie die
anderen, Angst vor Ausländern, behandelte die Mädchen grob. Er beschimpfte
einen anderen Jungen als schwul.
So waren auch Sie?
So war ich. In vielen Romanen über sozialen Aufstieg bekommt man den
Eindruck, dass der Protagonist immer ganz anders war als die Menschen in
seinem Umfeld. Schaut her, wie außergewöhnlich er doch ist! Dass er immer
dagegen ankämpfte, um schließlich zu fliehen. Ich glaube nicht daran. Der
Flüchtling ist vorher so wie die anderen. Wäre doch auch vermessen zu
sagen: „Ich war immer klüger als meine Geschwister.“ Unerträglich, so etwas
könnte ich nie behaupten.
Sie sagen, die Konstruktion ist das Wesensmerkmal des Romans. Wie haben Sie
Ihren konstruiert?
Das hat gedauert. Anfangs schrieb ich einen kleinen chronologischen
Bericht. Später entstand dieses Tableau der Welt von Eddy, seinen Eltern,
seiner Schule. Ich habe das Buch auf den Punkt hin konstruiert, an dem Eddy
flieht. Erst dann kam mir die Idee, die Sprache meiner Kindheit
aufzunehmen.
War das schwierig?
Das Schwierigste im ganzen Schreibprozess: aus nichtliterarischem Material
was Literarisches machen. Ich finde, dass eine solche Sprache sonst aus der
Literatur ausgeschlossen wird. Als ob die Literatur sie ausschließen
müsste, um Literatur zu sein. Aber die Gewalt, die ich zeigen wollte, ist
eben auch eine Gewalt der Sprache. „Schwul“ ist nicht das Gleiche wie
„Schwanzlutscher“. „Araber“ nicht das gleiche wie „Kamelficker“.
Gab es die Gefahr, die Menschen auf dem Dorf zu karikieren, gerade durch
die Sprache?
Ich habe mich bemüht, die Figuren in ihrer Komplexität zu zeigen. Mein
Vater etwa verhielt sich meist homophob. Aber als einmal ein Schwuler
angegriffen wird, beschützt er ihn. Meine Mutter sagte einerseits, ich
bereite ihr Schande durch meine feminine Art. Andererseits sagt sie später:
„Wir sind stolz auf dich, weil du Erfolg hast.“ Das sind keine Karikaturen.
Sowieso ist das, was man Karikatur nennt, oft bloß ein Effekt aus der
Distanz heraus. Als ich zum ersten Mal nach Paris kam, ins Quartier
Saint-Germain-des-Prés – als ich da die Spaziergänger im Jardin du
Luxembourg sah, sagte ich mir: Das sind doch Karikaturen. Aber das sind
einfach Menschen.
Wird es eine Fortsetzung geben, den zweiten Band Ihrer Jugend?
Den zweiten Roman beende ich zurzeit. Er ist auch autobiografisch, aber
keine Fortsetzung. Diesmal geht es um Immigration, einen Text, der
Wirkliches erzählt, finde ich eben interessant: Das ist mein Leben, unsere
Welt. Die Literatur als Waffe der Wahrheit. Es gelingt mir gar nicht,
Geschichten zu erfinden. Es gibt so vieles in der Wirklichkeit, worüber zu
sprechen mir wichtig ist. Ich hätte fast das Gefühl, meine Zeit zu
verschwenden, wenn ich Geschichten erfände.
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4 Apr 2015
## AUTOREN
(DIR) STEFAN HOCHGESAND
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