# taz.de -- Turn-EM und Ukrainekrieg: Frostige Stimmung
       
       > Bei der Turn-EM standen im Reckfinale zwei ukrainischstämmige Athleten
       > und ein Russe. Die neue Zulassung russischer Turner ohne
       > Neutralitätsprüfung bringt Spannungen.
       
 (IMG) Bild: Balanceakt in allerlei Hinsicht: Ilia Kovtun beim Reckfinale
       
       Radomyr Stelmakh eröffnete das Finale der besten europäischen Reckturner
       für Deutschland und stürzte. Es folgte Ilia Kovtun für Kroatien, der zuvor
       die Entscheidung am Barren gewonnen hatte und in Zagreb mit Standing
       Ovations bedacht wurde. Er lag auch am Reck auf Medaillenkurs, bis ihn
       schließlich der Russe Savelii Sieedin auf den vierten Rang schob.
       
       Die Konstellation hört sich nicht aufregend an und war doch höchst brisant,
       traten hier doch zwei ehemalige ukrainische Teamkollegen gegeneinander und
       beide gegen einen Russen an. Ja, es ging um mehr oder weniger gelungene
       Flugelemente, Adlerschwünge oder Dreifachsalti zum Abgang. Aber auch um
       Flucht und Migration seit [1][dem russischen Angriff auf die Ukraine] im
       Februar 2022.
       
       Damals war [2][Ilia Kovtun] 18 Jahre alt und beim Weltcup in Cottbus. In
       der Folge erfuhren er und Trainerin Irina Gorbacheva viel Solidarität
       europäischer Turner: Im Frühjahr fanden sie einige Wochen Unterschlupf –
       und Trainingsmöglichkeiten – im italienischen Ferrara, im Sommer startete
       Kovtun in der französischen Liga, danach ging es nach Osijek in Kroatien.
       Kovtun ließ in den folgenden Jahren kaum ein internationales Turnier aus,
       trainierte an ungezählten Orten und vergaß nie, dem gastgebenden Verein
       oder Turnzentrum via Social Media Dank auszusprechen – vor einer
       ukrainischen Flagge.
       
       In seine Heimatstadt Tscherkassy kehrte er nicht zurück. Bei der EM in
       Rimini vor zwei Jahren erklärte das Gespann, man werde sich in Osijek auf
       die Olympischen Spiele vorbereiten. In Paris gewann Ilia Kovtun Silber am
       Barren für die Ukraine. Dann vollzog er den Bruch, beantragte den
       kroatischen Pass und den Wechsel des Startrechts. Doch der ukrainische
       Turnverband gab ihn nicht frei.
       
       ## Stimmung eher unterkühlt
       
       In Zagreb ging Kovtun nach zwei Jahren erstmals wieder an die Geräte. Der
       Zwangspause kann er durchaus Positives abgewinnen: „Nach zehn Jahren harter
       Arbeit war das gut. Mein Körper konnte ganz gesund werden und jetzt bin ich
       besser als vorher“, so Kovtun. Letzteres stellte er im Mehrkampf unter
       Beweis, den er vor den Russen Arsenii Dukhno und Daniel Marinov für sich
       entschied.
       
       „Das erste Gold für Kroatien, der erste Mehrkampftitel für mich, das ist
       der größte Erfolg“, sagte Kovtun über die EM in seiner neuen Heimat. Die
       Stimmung bei der Siegerehrung war eher unterkühlt. Die übliche Pose, bei
       der alle Medaillengewinner gemeinsam auf dem Goldpodest stehen, blieb aus.
       
       ## Flaggen weiter verbannt
       
       Die russischen Turner gingen in Zagreb unter der Abkürzung WG2 an den
       Start. „World Gymnastics“, so nennt sich mittlerweile der Internationale
       Turnerbund, die Ziffer 1 hat man den Belarussen verpasst, den Russen die 2.
       Ein Umstand, der letztlich auf eine Initiative des Deutschen Turner-Bundes
       (DTB) zurückgeht. Nachdem der Weltverband im Mai alle Beschränkungen
       mitsamt der Prüfungen [3][der vermeintlichen Neutralität der Athleten]
       aufgehoben hatte, erwirkte der DTB eine außerordentliche Generalversammlung
       auf europäischer Ebene, um zumindest Flaggen, Symbole und die russische
       Hymne weiterhin zu verbannen.
       
       Die kroatische Regierung drohte damit, keine Visa zu erteilen. Da die EM
       als Qualifikation für die anstehende WM gilt und dort die ersten Tickets
       für die Spiele 2028 vergeben werden, lenkte der Weltverband in Teilen ein,
       der europäische Verband schloss sich an, das zuständige kroatische
       Ministerium erteilte nach einigem Ringen fast alle Visa.
       
       ## „Alle sind freundlich“
       
       Auf dem Siegertreppchen im Mehrkampf hätte auch Radomyr Stelmakh stehen
       wollen und das Ansinnen war nicht vermessen. Gut ein Punkt fehlte dem
       letztlich Achtplatzierten nach einem großen Fehler am Pauschenpferd auf den
       Bronzerang. Stelmakh war im März 2022, damals noch minderjährig, nach
       Cottbus geflohen. Den dortigen Trainer Oleksandr Suprun kannte er da
       bereits seit Jahren. Auch Stelmakh stand im ukrainischen Aufgebot für die
       Olympischen Spiele in Paris. Auch für ihn war der Auftritt in Zagreb der
       erste große internationale Wettkampf nach rund zwei Jahren Pause, was er
       als „megageil“ bezeichnete.
       
       Mit seinen ehemaligen Teamkollegen habe er gesprochen, sagte Radomyr auch:
       „Alles gut, wir haben uns gesehen und alle sind freundlich.“ Mit seinem
       ersten Auftritt im deutschen Trikot allerdings war der 21-Jährige alles
       andere als zufrieden. Im Reckfinale wurde er Letzter.
       
       23 Aug 2026
       
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