# taz.de -- Arbeitsunfähigkeit mit psychischer Krise: Immer mehr unter 30-Jährige betroffen
> Rehakliniken berichten von mehr jungen Patientinnen und Patienten, die
> wegen psychischer Probleme in die Erwerbsminderungsrente rutschen. Was
> helfen könnte.
(IMG) Bild: Manche erkrankte Menschen berichten, dass die Arbeitsstelle ihnen hilft, psychische Krisen zu meistern – wegen der Kontakte
epd | Vor zwei Jahrzehnten war der Durchschnittspatient von Achim Schäffner
Mitte bis Ende 50 und psychisch so erkrankt, dass ein Aufenthalt in einer
Rehaklinik nötig war. In aller Regel gelang danach die berufliche Rückkehr.
Das sei inzwischen nicht mehr so, berichtet der Oberarzt des Reha-Zentrums
in Bad Dürrheim. Sehr junge Patienten habe er derzeit zu rehabilitieren,
viele landeten in der Erwerbsminderungsrente.
Laut noch unveröffentlichten Zahlen der Deutschen Rentenversicherung, die
dem Evangelischen Pressedienst (epd) vorliegen, erhielten im vergangenen
Jahr knapp 176.000 Menschen eine solche staatliche Zahlung für jene, die
gar nicht oder sehr eingeschränkt arbeiten können. Das sind vier Prozent
mehr als im Schnitt der vorangegangenen zehn Jahre.
In Bad Dürrheim werden Menschen behandelt, die etwa wegen einer Depression
nicht arbeiten können. Das betrifft laut Schäffner zunehmend Jüngere: „Über
35 unserer 175 Betten sind derzeit mit Patienten unter 30 Jahren belegt.“
## Chronische Leiden erschweren Behandlung
Zu schaffen macht dem Team im Bad Dürrheimer Reha-Zentrum, dass viele
Patienten und Patientinnen chronifizierte Leiden mitbringen. Zum Teil
bestehen Depressionen seit Jahren. Viele schleppten sich monatelang bis zum
Zusammenbruch durch den Job, sagt Oberarzt Schäffner. Würden sie endlich
diagnostiziert und werde eine Reha beantragt, ziehe sich dies ebenfalls oft
lange hin: „Denn der Run ist groß.“ [1][Allerdings lassen sich
chronifizierte Leiden schwerer behandeln als neu aufgetretene Störungen].
Arbeit gibt Struktur, Arbeit bringt in Kontakt mit anderen Menschen, daher
wollen viele Depressive laut Schäffner unbedingt arbeiten. Kürzlich habe
ihm eine Patientin gesagt: „Ich würde zurückkehren, auch wenn das
Betriebsklima schlecht ist. Ein schlechtes Betriebsklima ist besser als
keines.“
Die Sozialpädagogin Hildegunde Blankenburg leitet den Sozialdienst der
Gräflichen Kliniken Bad Driburg. Hier werden Patienten mit neurologischen
und orthopädischen Problemen rehabilitiert. Soeben schaffte es jemand Mitte
40 trotz Hirntumor in seinen Job zurück.
In diesem Fall gelang es, sich mit allen gut abzusprechen, die am
Wiedereingliederungsprozess beteiligt sind, allen voran mit dem
Arbeitgeber. Dies wird laut Blankenburg zunehmend schwierig. Es scheitere
oft an der Technik: „Aus datenschutzrechtlichen Gründen kommen wir nicht
mehr an Arbeitgeber heran.“ Sensible Gesundheitsdaten können nicht einfach
per Mail verschickt werden. In Bad Driburg gilt das Faxgerät als sicherster
Übertragungsweg. Doch das sei in vielen Unternehmen abgeschafft. Auch
telefonisch seien Arbeitgeber oft kaum mehr zu erreichen.
## Verbindliches Eingliederungsmanagement gefordert
Dass so viele Menschen wegen psychischer Erkrankungen in die Rente
rutschen, verwundert Ivon Ames nicht. Die Vizepräsidentin des
Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen macht auf hohe
[2][Arbeitsanforderungen und Zeitdruck] aufmerksam. Hinzu kämen geringe
Entscheidungsspielräume, Konflikte und [3][überlange Arbeitszeiten]. All
dies erhöhe das Risiko, seelisch zu erkranken, sagt sie: „Die gleichen
ungünstigen Bedingungen können den Wiedereinstieg nach einer psychischen
Erkrankung erheblich erschweren.“
Eine Wiedereingliederung darf laut Ames nicht bedeuten, Menschen
schrittweise an unveränderte Arbeitsbedingungen zurückzuführen: „Sie muss
prüfen, was sich an der Arbeit verändern muss.“ Dies solle durch ein
Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) geschehen.
Laut der Vizepräsidentin erhielt 2024 jedoch nur gut die Hälfte der
potenziell berechtigten Beschäftigten ein solches Angebot. Die Psychologin
fordert ein verbindliches, qualitätsgesichertes BEM mit individuell
angepassten Aufgaben, Arbeitszeiten und Anforderungen: „Führungskräfte
müssen dafür qualifiziert werden.“
## Erkenntnisse aus Projekten
Bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin startete soeben
eine Studie mit dem Titel: „Von der Früherkennung psychischer Krisen bis
zur Rückkehr in den Betrieb“. Anlass der Forschungsinitiative, die sich bis
Ende August 2029 hinzieht, ist die Erkenntnis, dass mehr Beschäftigte ihren
Arbeitsalltag mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen bestreiten.
Belastbare Ergebnisse wird es laut Pressesprecherin Lea Deimel
voraussichtlich erst ab 2028 geben.
Aus vergangenen Projekten ließen sich jedoch Erkenntnisse ableiten: „Unsere
Untersuchungen zeigen, dass psychische Krisen häufig schleichend verlaufen
und im betrieblichen Alltag oft erst spät wahrgenommen werden“, sagt
Deimel. Beim BEM müsse erörtert werden, was zur Überforderung geführt
hatte, appelliert auch sie. Betriebe, die systematisch so vorgehen, könnten
Maßnahmen entwickeln, um psychische Krisen zu reduzieren.
22 Aug 2026
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