# taz.de -- Marxsche Ausbeutungstheorie: Riskante Geschäfte
> Gewinne von Unternehmern sollen wegen ihrer Risiken gerechtfertigt sein?
> Da werden doch zu viele Fakten unterschlagen, meint unsere Autorin.
(IMG) Bild: Wer schafft den Wert, wer erhält den Gewinn? Eine BMW-Mitarbeiterin arbeitet in der Fahrzeugproduktion im Münchner Werk
Sehr geehrter Herr Meier,
haben Sie Dank für Ihren Leserbrief zu meinem Buch*. Ihre Einwände gegen
meine Argumentation sind geradezu repräsentativ. Es lohnt sich also, mit
Verlaub, meine Antwort öffentlich zu machen.
Sie drücken Ihr Unbehagen damit aus, wie ich die Entstehung von
Unternehmergewinn erkläre. Sehr kurz: Menschen, die ihre Arbeitskraft an
Unternehmenseigentümer verkaufen, schaffen durch ihre Arbeit etwas Neues –
etwas von neuem Wert. Dafür erhalten sie einen Lohn. Dieser Lohn aber
repräsentiert nur einen Teil des neu geschaffenen Werts. Den anderen Teil
eignet sich das Unternehmen an, und zwar unbezahlt. Diese [1][unbezahlte
Arbeit] ist die Quelle des Gewinns.
So weit, so gut, sagen Sie. Immerhin. Im Gegensatz zu vielen anderen, die
auch das bestreiten würden. Eine verbreitete Lesart ist nämlich, dass das
investierte Kapital Gewinne abwirft, wie der Birnenbaum die Birne, quasi
aus sich heraus. Abrakadabra. Aber Sie, Herr Meier, gehen mit mir mit:
Gewinn kommt von der unbezahlten Arbeit der Beschäftigten. Allerdings – und
hier beginnt Ihr Unwohlsein – finden Sie das gar nicht schlimm. Sondern
legitim: Der unternehmerische Einsatz von Kapital berge schließlich das
Risiko, jederzeit pleite zu gehen und dieses Risiko müsse kompensiert
werden. Gewinn als Belohnung für ein Wagnis. Außerdem – führen Sie weiter
aus – stünde es doch jedem frei, dieses Wagnis einzugehen, als Unternehmer
am Marktgeschehen teilzunehmen. Dazu müsse man nur einen Kredit aufnehmen.
Wo also, fragen Sie sich, ist das Problem?
## Wer hat überhaupt Schäfchen fürs Trockene?
Eigentümer von Produktionsmitteln können ab einem bestimmten Vermögen ihre
Schäfchen selbst bei einem Konkurs noch ins Trockene bringen, während die
Beschäftigten in der Regel wenig Schäfchen im Trockenen haben. Sie sitzen
auf der Straße, erhalten vielleicht Arbeitslosengeld, und je nach Alter
oder Qualifikation erreichen sie vielleicht nie wieder das Einkommen, das
sie mal hatten. Das Risiko einer Pleite tragen auch sie.
Und würde wirklich jeder mit einer tollen Geschäftsidee einen Kredit
bekommen? Und wenn ja: Könnten alle ein Unternehmen gründen und dann
Gewinne machen? Soziale Ungleichheit wird hier auf eine individuell
unterschiedliche Risikobereitschaft zurückgeführt. Man übersieht:
Aufstiegshürden von Menschen mit Migrationsgeschichte. Fehlender
Bildungshintergrund. Soziale Herkunft. Die gläserne Decke. Netzwerke,
Vitamin B und die feinen Unterschiede, die es den einen leicht machen, sich
unter Reichen zu bewegen wie der Fisch im Wasser, während die anderen wie
erstarrt vor drei Reihen Besteck sitzen.
Ohnehin: Chancengleichheit im Wettbewerb führt nicht dazu, dass es allen
gut geht, sondern lediglich dazu, dass die Chancen, in der Konkurrenz zu
verlieren oder zu gewinnen, etwas gleichmäßiger verteilt werden.
Dass die [2][Lohnarbeiter*innen] mehr Wert schaffen, als sie erhalten,
bedeutet, dass sie über das hinaus arbeiten, was sie für ihr eigenes Leben
bekommen. Das ist aber in jeder arbeitsteiligen Gesellschaft der Fall.
Warum? Weil in jeder Gesellschaft Menschen leben, die nicht arbeiten
können, die aber mitversorgt werden müssen: Kinder, Kranke, Alte. Das
heißt, Menschen, die arbeitsfähig sind, arbeiten mehr, als sie selbst
individuell benötigen.
## Vermögen schützt
Diese Mehrarbeit war historisch höchst unterschiedlich organisiert. Im
Kapitalismus landet ein großer Teil der Mehrarbeit in Form von Gewinnen in
den Händen jener wenigen, denen die Produktionsmittel gehören. Wenn alle
Unternehmer wären, gäbe es keine Lohnabhängigen mehr. Wer würde dann die
Gewinne erarbeiten? „Wär ich nicht arm, wärst Du nicht reich“ brachte
Brecht die strukturelle Ungleichheit auf den Punkt.
Woraus die gesellschaftliche Mehrarbeit besteht und unter welchen
Bedingungen sie entsteht – das sind Fragen, die jeder demokratischen
Entscheidung entzogen sind. Arbeit im Kapitalismus ist stattdessen einer
bestimmten Logik untergeordnet: der Konkurrenz zwischen Unternehmen. Diese
bewirkt nicht nur, dass Unternehmen pleitegehen, sie treibt zu einem end-
und maßlosen Wachstum mit zerstörerischen Folgen für Mensch und Natur.
Jene, die Vermögen haben, können sich davor schützen. Wer also, sehr
geehrter Herr Meier, trägt das Risiko [3][einer solchen Produktionsweise?]
Und: Ist sie wirklich eine Belohnung wert?
Mit Grüßen,
Sabine Nuss
21 Aug 2026
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