# taz.de -- Berliner Bildungssystem: Jetzt wird abgerechnet
> Rund 2 Millionen Stunden Mehrarbeit leisten Berlins Lehrkräfte im Jahr.
> Nun macht die GEW Druck: mit einer App zur Arbeitszeiterfassung.
(IMG) Bild: Rechnen muss gelernt sein
Noch sind Sommerferien. Doch am Montag stehen Berlins Lehrkräfte wieder vor
ihren Klassen – und neben dem Unterricht warten Vorbereitungen und
Korrekturen, Konferenzen, Elterngespräche, Vertretungen und
Verwaltungsarbeit. Pünktlich zum Schulstart nimmt die Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (GEW) nun genau diese Arbeit ins Visier.
Am Dienstag stellte sie eine App vor, mit der Lehrkräfte, die Mitglieder
bei der GEW sind, ihre gesamte Arbeitszeit erfassen können. Der Stundenplan
lässt sich direkt einspielen, alles Weitere wird mit wenigen Klicks
dazugebucht. Entwickelt wurde die App gemeinsam mit der GEW Hessen – [1][in
Bremen hat das Zählen mit einer ähnlichen App bereits begonnen].
[2][„Millionen Stunden Arbeit bleiben unsichtbar“], sagt der Berliner
GEW-Vorsitzende Gökhan Akgün. Nach Berechnungen der Gewerkschaft leisten
Berliner Lehrkräfte etwa 2 Millionen Stunden Mehrarbeit im Jahr. Eine
Arbeitszeitstudie ermittelte im Schnitt 100 Stunden unbezahlte Mehrarbeit
pro Lehrkraft im Jahr. Ein Drittel der Lehrkräfte überschritt zudem
regelmäßig die gesetzliche Höchstarbeitszeit von 48 Wochenstunden.
## Die GEW wartet nicht länger auf den Senat
Dass es ein Problem gibt, ist also längst bekannt. Neu ist: Die GEW wartet
nicht länger auf den Senat. Parallel zur App bereitet sie Musterverfahren
vor. In anderen Bundesländern haben Lehrkräfte bereits erfolgreich geklagt.
„Wenn nötig, gehen wir vor Gericht“, sagt Akgün. Gesprächsbereit sei man
weiterhin – aber nicht „unendlich geduldig“, wie er es formuliert.
Dabei geht es um weit mehr als Überstunden. Berlin braucht auch langfristig
mehr engagierte Lehrkräfte – und muss sie nicht nur einstellen, sondern
auch halten. Wie schwierig schon die Gewinnung ist, zeigt die Antwort des
Senats auf eine Kleine Anfrage der Linken-Abgeordneten Franziska Brychcy:
Von 3.678 Neueinstellungen für das Schuljahr 2026/27 waren zum 1. Juli
lediglich 773 voll ausgebildete Lehrkräfte, etwa 21 Prozent. Zugleich ist
die Fluktuation hoch: Lehrkräfte kündigen oder wechseln frustriert in
andere Bundesländer, wo die Bedingungen manchmal nicht ganz so haarig sind.
Umso wichtiger wird die Frage, wie attraktiv der Beruf in Berlin überhaupt
ist. Maximilian Tessenow, Lehrer in Neukölln, berichtet von zunehmender
Armut und Gewalt bei den Kindern. Lehrkräfte übernähmen Sozialarbeit, für
die sie nicht ausgebildet seien. Hinzu kommen neue Aufgaben durch
Digitalisierung und KI.
Gerade das, was Schule zusammenhält, braucht Zeit: Gespräche führen,
Konflikte lösen, Vertrauen schaffen – Beziehungsarbeit. Bei Personalmangel
werde die Arbeit jedoch auf immer weniger Anwesende verteilt, sagt
Tessenow. Die Folge: stärkere Durchtaktung und weniger Zeit für einzelne
Schüler*innen. „Wenn sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, dann
verbessern sich auch nicht die Lernbedingungen der Schüler.“
Auch Schulleiter Stephan Wahner erlebt das täglich. An seiner Grundschule
in Prenzlauer Berg fehlen rechnerisch anderthalb Lehrkräfte in Vollzeit,
Erzieher*innen sind ebenfalls knapp. Krankheitsbedingter Ausfall und
Vertretungen machen die Organisation zum Kraftakt. Für Schulentwicklung
bleibt kaum Zeit. Wahner sieht Rückschritte bei der Inklusion und immer
weniger Raum für ganzheitliche Bildung.
## Die finanziellen Spielräume bleiben eng
Arbeitszeiterfassung klingt da fast nach einem technischen Detail.
Tatsächlich könnte sie Ausgangspunkt einer überfälligen Bildungsreform
sein. Berlin muss wissen, wie viel Zeit guter Unterricht, Inklusion und
Beziehungsarbeit brauchen – und wie viel Personal dafür tatsächlich nötig
ist.
Das wird nach den Wahlen auch eine Haushaltsfrage. Die finanziellen
Spielräume bleiben eng. Doch weitere Einsparungen könnten einen Kreislauf
verschärfen: Überlastete Lehrkräfte reduzieren ihre Stunden, kündigen oder
wechseln das Bundesland, der Personalmangel wächst – und für die
Verbliebenen steigt der Druck weiter.
Gute Bildung kostet Geld. Zu wenig davon ganz sicher noch mehr: Eine Stadt,
die an ihren Schulen keine guten Lernbedingungen schafft, handelt sich
gesellschaftliche Probleme ein, die sie später an anderer Stelle teuer
bezahlen muss. Die GEW beginnt nun zu zählen. Damit könnten aus 2 Millionen
unsichtbaren Stunden Mehrarbeit schockierend konkrete Anforderungen an die
nächste Landesregierung werden.
18 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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