# taz.de -- Arbeitszeiterfassung in der Schule: Lehrer*innen arbeiten viel umsonst
> 26 Stunden pro Woche unterrichten Lehrer*innen an Berliner Gymnasien.
> Faktisch arbeiten sie mehr – und auch deutlich mehr als andere
> Berufsgruppen.
Es war ein kleiner Moment in den Weihnachtsferien, in dem Nicole Schreiber
kurz die Luft wegblieb. Mal wieder. Vor der Haustür traf sie ihren
Nachbarn. Kurzer Gruß, Smalltalk. Dann sagt der Nachbar: „Na, jetzt hast du
ja Urlaub.“
Schreiber atmet tief durch, als sie das erzählt. Sie ist Lehrerin für
Deutsch, Bio und Naturwissensachaften in Berlin. „Ich war gerade auf dem
Heimweg und wusste, was mich auf meinem Schreibtisch erwartet. Drei
Klassenarbeiten zu korrigieren und ich musste anfangen, die Noten fürs
erste Halbjahr vorzubereiten“, sagt sie. Auch noch im Hinterkopf: die
Planung ihres Unterrichts in den kommenden Wochen. Arbeit, die ihr Nachbar
und auch die Gesellschaft allgemein „nicht sieht“.
„Das Bild ist: Die Schüler haben frei, dann hat Frau Schreiber natürlich
Ferien“, sagt sie. Und fügt hinzu: „Das trifft.“ Schreiber rechnet allein
für die Korrekturen knapp drei Arbeitstage. 6 bis 7 Stunden brauche sie, um
rund 26 Deutscharbeiten etwa einer 7. Klasse zu korrigieren. „Die Texte
lesen, sie mit Anmerkungen versehen und mit Verbesserungsvorschlägen, das
braucht Zeit“, sagt sie. „Und man kann das auch nicht am Stück machen.“
Die Korrektur einer Deutsch-Arbeit teilt sie sich meist auf drei Tage auf.
„Ich lese sie mehrmals, vor allem die Aufsätze, die ich als erstes gelesen
habe, gehe ich später noch mal durch, um innerhalb der Klasse objektiv
beurteilen zu können“, sagt Schreiber.
Die Korrektur einer Mathe-Arbeit gehe deutlich schneller, Schreiber setzt
dafür 3 Stunden an. „Aber um eine Arbeit zu konzipieren, dafür brauche ich
6 Stunden, in Mathe genauso wie in Deutsch“, sagt sie. Dazu gehöre, Hilfen
anzugeben, die Bepunktung festzulegen, und für Deutsch auch, einen schönen
Text herauszusuchen, das ganze dann noch in einer zweiten Version für
Kinder mit Lernschwierigkeiten.
Es sind Aufgaben, an denen Schreiber durchaus Freude hat. „Aber dafür
brauche ich Ruhe. In einer laufenden Schulwoche wäre das undenkbar“, sagt
sie. Deshalb lege sie die Korrekturen und solche Vorbereitungen in die
Ferien, so wie ihre Kolleg*innen auch.
Dass Lehrer*innen in den Schulferien arbeiten, ist offiziell so
vorgesehen. Mit dann im Idealfall kürzeren Arbeitstagen sollen sie
arbeitsintensive Tage während der Schulzeit ausgleichen. „Die Idee ist,
dass sie aufs Jahr gerechnet im Schnitt auf eine Arbeitszeit von um die 40
Stunden pro Woche kommen“, sagt Frank Mußmann. In weniger Wochen müssten
Lehrer*innen also mehr Arbeit leisten.
Mußmann leitet die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der
Universität Göttingen und hat dort bereits mehrere Studien zur Arbeitszeit
von Lehrer*innen durchgeführt. Ein Ziel: Herauszufinden, wie viel
Lehrer*innen tatsächlich arbeiten. Denn bisher gibt es dazu viele
Mutmaßungen, viel gefühltes Wissen, hartnäckige Vorurteile und nur wenige
wissenschaftliche Erkenntnisse.
In Berlin hat Mußmann mit Kolleg*innen 2023/24 eine Studie durchgeführt.
Die teilnehmenden Lehrer*innen hatten ein Schuljahr lang mit einer App
ihre Arbeitszeit „minutengenau“ erfasst und dabei auch eingetragen, wofür
sie die Zeit aufwenden. Ein Ergebnis: Lehrer*innen leisten in Berlin im
Schnitt 100 Stunden unbezahlte Mehrarbeit pro Jahr. Wie viel das ist, wird
im Vergleich deutlich, denn bundesweit arbeiten Arbeitnehmer*innen auf
alle Berufe gerechnet rund 15 Stunden pro Jahr unbezahlt. Ein weiteres
Ergebnis war, dass ein Drittel der Lehrer*innen regelmäßig die
gesetzlich festgelegte Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche
überschreitet. „Da wird es dann ein Thema für den Arbeitsschutz“, sagt
Mußmann.
Bei vergleichbaren Studien in anderen Bundesländern kamen Mußmann und sein
Team zu ähnlichen Ergebnissen. Eine vom Sächsischen Staatsministerium in
Auftrag gegebene Studie, bei der die Teilnehmer*innen zufällig
ausgewählt worden waren, zeigte [1][hohe Mehrarbeit vor allem unter
denjenigen, die in Teilzeit] arbeiten.
Diese Studien und die Diskussion darum befeuern den Ruf nach verbindlicher
Arbeitszeiterfassung für Lehrer*innen (siehe Kasten). Vieles deutet
darauf hin, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis diese kommt. In
[2][Bremen] und Bremerhaven [3][bereiten sich aktuell 8 Schulen aller
Schulformen darauf vor, dass Lehrer*innen dort ab dem Sommer ihre
Arbeitsstunden genau zählen, zwei weitere Schulen] sollen noch dazukommen.
Es ist bundesweit das erste Pilotprojekt und schon jetzt ist klar, dass
andere Bundesländer mit Spannung auf die dortigen Ergebnisse gucken werden.
„Wir wollen ein transparentes Modell entwickeln, das perspektivisch
Orientierung für alle Bundesländer geben kann“, sagt Bremens
Bildungssenator Mark Rackles (SPD) der taz. Er hat sich mehrfach [4][dafür
stark gemacht, dass Lehrer*innen ihre Arbeitszeit nicht nur anhand der
Unterrichtsstunden berechnen]. Das Thema habe für ihn hohe politische
Priorität, bestätigt er. „Erkenntnisse werden zum Teil übertragbar sein,
weil wir von Anfang an eine länderübergreifende Lösung im Blick haben“,
sagt Rackles.
In Berlin bestätigen die Gewerkschaft GEW und die Senatsverwaltung für
Bildung, dass sie „kontinuierlich“ in Gesprächen über mögliche Entlastungen
seien. Auch Arbeitszeiterfassung sei ein Thema, doch ob auch in Berlin eine
Pilotstudie kommt, wie etwa von der GEW gefordert, ist noch unklar. In
Brandenburg wiederum rufen Verbände und Gewerkschaften die Lehrer*innen
aktuell dazu auf, ihre Arbeitszeit genau zu notieren und [5][empfehlen
dafür Apps oder Excel-Tabellen], hier allerdings mit einem etwas anderen
Hintergrund. Die Landesregierung hatte zum aktuellen Schuljahr
Lehrer*innen [6][zu einer zusätzlichen Unterrichtsstunde pro Woche]
verpflichtet. Mit Arbeitszeiterfassung wollen sie nun [7][Argumente gegen
diese Arbeitszeiterhöhung] sammeln.
Die Frage, wie viel Lehrer*innen arbeiten, ist auch aus einem weiteren
Grund schwer zu beantworten. Denn anders als in anderen Berufen bemisst
sich die Arbeitszeit von Lehrer*innen in sogenannten Stundendeputaten.
Eine volle Stelle bedeutet etwa für eine Grundschullehrer*in in Berlin
28 Stunden Unterricht, an einem Gymnasium oder einer integrierten
Sekundarschule (ISS) bedeutet eine volle Stelle 26 Stunden Unterricht,
wobei eine Unterrichtsstunde mit 45 Minuten angesetzt wird. Die Vorgaben
unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. In Hamburg kommen noch
Unterschiede je nach Schulfach dazu. (Siehe Beitext).
Unterrichten und die Vorbereitung des Unterrichts ist allerdings nur ein
Teil der Arbeit, die Lehrer*innen leisten müssen. Offiziell wird
unterschieden zwischen „unterrichtsnahen Tätigkeiten“ (etwa Unterricht,
Vor- und Nachbereitung, Korrekturen) und „nicht-unterrichtsbezogene
Tätigkeiten“ (etwa Konferenzen, Teamsitzungen, Gremienarbeit,
Elterngespräche Dokumentation, Verwaltung, Schulentwicklung,
Konzepterstellung, Fortbildungen, Vertretungen, Aufsichten).
Dabei kommen Studien inzwischen zu dem Schluss, dass Unterrichten rund 40
bis 45 Prozent ausmachen, die anderen Tätigkeiten 55 bis 60 Prozent. Und es
zeigt sich, dass der Anteil der nicht-unterrichtsbezogenen Tätigkeiten
stark angestiegen ist im Vergleich zu vor 10 Jahren.
Nicole Schreiber hat an der Arbeitszeitstudie in Berlin teilgenommen. Sie
notiert seitdem auch weiterhin, wie viel Zeit sie auf ihre Arbeit aufwendet
– und für welche Tätigkeiten. „Letzte Woche habe ich 50 Stunden gearbeitet
– wohlgemerkt mit einer Teilzeitstelle“, sagt sie. Sie meint damit die
dritte Januarwoche, die Schulen stehen kurz vor Ende des Halbjahres.
Zu den alltäglichen Aufgaben kommen Zeugniskonferenzen, Notenvergabe und
letzte Korrekturen. „Das sind auf jeden Fall Spitzenzeiten, es ist keine
normale Schulwoche“, sagt Schreiber. Aber auch solche Wochen gäbe es eben
regelmäßig. In einer normalen Arbeitswoche komme sie mit ihrer
80-Prozent-Stelle auf 42 bis 43 Stunden.
Die Arbeitszeit bei Lehrer*innen ist allerdings nicht nur in den Wochen
verdichtet, sondern gleichzeitig entzerrt, erklärt Mußmann, und er meint
damit, dass unklar ist, wann ein*e Lehrer*in wirklich Feierabend hat. Das
beobachte sie bei sich auch, sagt Schreiber. „Ich habe eine 7-Tage-Woche,
ich arbeite von Montag bis Sonntag“, sagt sie. Unter der Woche sei es an
den meisten Tagen so, dass sie von 8:15 bis 13:50 unterrichte. „Das
bedeutet, dass ich spätestens um 7:45 in der Schule bin, um letzte
Vorbereitungen zu treffen, etwa die Kopien für den Tag und Absprachen mit
den Kolleg*innen.
Und dann habe ich bis zum Unterrichtsende um 13:40 meistens keine Pause und
nicht mal Zeit, auf die Toilette zu gehen“, sagt sie. „Ich habe das Wort
‚Lehrerblase‘ inzwischen gelernt und mir eine antrainiert.“ Denn auch die
Pausen zwischen den Unterrichtsblöcken brauche sie, etwa um den Raum
vorzubereiten oder nach einem Experiment aufzuräumen und um mit
Schüler*innen zu sprechen, zum Beispiel, wenn jemand im Unterricht
unruhig war und gestört hat.
„Oder auch, weil die Schüler*innen, die einen gern haben, dann nach vorn
kommen und kurz Zeit mit mir haben wollen. Auch das passiert alles in den
Pausen“, sagt sie. Und all das gehöre zu ihrer Arbeitszeit. Zweimal in der
Woche habe sie außerdem Pausenaufsicht. Und an zwei Tagen in der Woche
kämen nach dem Unterricht dann von 14-16 Uhr Teamsitzungen oder
Konferenzen.
Es bedeutet auch: Wenn Nicole Schreiber an solchen Tagen um 16 Uhr nach
Hause geht, hat sie bereits ihre 8 Stunden voll. Zu Ende ist ihr Arbeitstag
aber noch nicht. Nach einer Runde mit den Hunden und dem Abendessen setze
sie sich um 18, 19 Uhr wieder an den Schreibtisch, um den Unterricht für
den nächsten Tag vorzubereiten und Mails zu beantworten.
„Und das dauert dann so lange, wie es dauert“, sagt sie, meist mindestens
zwei Stunden. Freitag sei der einzige Tag, an dem sie etwas früher Schluss
habe. „Das ist der Tag, an dem ich nach der Schule Einkäufe erledige, zum
Arzt gehen kann oder an dem ich Dinge besorge, die ich für den Unterricht
brauche“, sagt Schreiber.
Diese Dinge für den Unterricht: Das ist weit mehr als Schreibbedarf. Um den
Schüler*innen das Prinzip der Oberflächenvergrößerung näher zu bringen,
kauft die Bio-Lehrerin etwa im Tierbedarfsladen ein Stück getrocknete Lunge
oder getrockneten Darm. Eigentlich Futter für Hunde. „Ich lege das in
Wasser ein. Denn so eine Lungenoberfläche oder eine Darmwand mit Zotten,
die stark gewunden ist, das versteht man nicht anhand eines Bildes in einem
Buch. Das muss man anfassen, genau untersuchen und – leider – auch
riechen!“, sagt sie.
Manchmal besorgt sie auch Gallenflüssigkeit, das Maler und Künstler zum
Reinigen ihrer Pinsel nutzen. „Wenn wir da Sonnenblumenöl reingießen, dann
wird das Fett zu kleinen „Kügelchen“, wie die Kinder sagen. Auch das ist
das Prinzip der Oberflächenvergrößerung: Fettlösliche Enzyme können dann
von allen Seiten ran und bei der Verdauung helfen“, sagt Schreibe. „Manche
erinnert das an ein geschütteltes Balsamico-Dressing, nur dass bei der
Gallenflüssigkeit ein kurzes Umrühren reicht.“ Diese Dinge kauft sie, um
kreativen und anschaulichen Unterricht zu gestalten. Und erwähnt eher
nebenbei, dass sie das „natürlich aus eigener Tasche“ bezahle. „Warum es
kein Budget dafür gibt? Ja, das wüsste ich auch gern“, sagt Schreiber.
Das Geld scheint ihr aber eher nebensächlich. „Wer einen Anspruch an seinen
Unterricht hat, wer nicht möchte, dass das Niveau absinkt, der legt etwas
oben drauf“, sagt sie. „Das ist erstens unsere freie Zeit, zweitens
finanzielle Mittel, nicht nur für Unterrichtsmaterial, sondern auch, indem
wir in Teilzeit gehen und trotzdem noch Überstunden machen“, sagt sie.
„Drittens sehe ich auch, dass einige von uns große persönliche Opfer
bringen“, fügt sie an. Eins davon sei Kinderlosigkeit, ein anderes ein
Verzicht auf private Freizeit. „Ich persönlich wüsste nicht, wie ich noch
Kinder in meinem Alltag unterbringen sollte“, sagt sie. „Das sehe ich bei
anderen auch. Oder dass Paare sich trennen, weil die Belastung so immens
ist.“ Spitze Bemerkungen aus der Gesellschaft träfen daher umso mehr.
Auch deshalb ist ihr die Arbeitszeiterfassung so ein großes Anliegen. „Eine
Klarstellung, eine Richtigstellung wäre das für mich“, sagt sie. „Dass
dieses Belächeln aufhört, bei gleichzeitiger Überlastung.“ Denn weit
verbreitet sei ein hartes Vorurteil, dass Lehrer*innen vormittags ein
bisschen in der Schule unterrichteten und nachmittags frei hätten.
„Ich werde ständig mit meinem Beruf konfrontiert, ungefragt“, sei es wenn
sie ein Paket abhole, und der Nachbar sagt, er habe sich gewundert, das sei
am Nachmittag angekommen, da müsste sie doch eigentlich zu Hause sein? Oder
im Taxi, wo der Fahrer auf ihre Auskunft, dass sie Lehrerin sei, nur lapiar
fallen ließ: Ach, die Schüler werden ja auch immer dümmer. Wieder ein
Moment, um tief durchzuatmen für Nicole Schreiber.
Durch verpflichtende Arbeitszeiterfassung würde sichtbar werden, wie viele
Lehrer*innen fehlen, aber auch, dass es mehr Verwaltungskräfte an den
Schulen braucht“, sagt sie. Mit ihren Notizen hätte sie selbst einen
besseren Überblick – und könnte dann gegenüber Kolleg*innen oder dem
Schulleiter auch besser argumentieren, um auch mal Nein zu einer weiteren
Aufgabe zu sagen. „Ziel ist nicht, dass wir die Überstunden ausgezahlt
bekommen“, sagt sie. „Es geht auch um Arbeitsschutz, um bessere
Ausstattung, um Vertretungen und um die Überlastung darzustellen, so dass
die Verwaltung nachsteuern kann.“
„Dem Taxifahrer habe ich dann gesagt, dass Schule heute ganz anders ist,
als noch vor 30 Jahren und dass auch den Kindern ganz andere Fähigkeiten
abverlangt werden“, sagt sie. Sachlich bleiben, um Verständnis werben, das
sei ihr in solchen Situationen wichtig. Denn auch, wenn der Beruf sie oft
an die Grenzen bringt.
„Die Kinder, das Unterrichten: Das ist meine Essenz“, sagt Schreiber. „Es
sind die Umstände, die es schwierig machen.“ Geholfen habe ihr auch die
Arbeit im Personalrat, die ihr das Gefühl wieder gegeben habe, etwas ändern
zu können und der Austausch mit Kolleg*innen, zu sehen, dass es ihnen geht
wie ihr. „Das zeigt: Es liegt nicht an mir.“
23 Jan 2026
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