# taz.de -- Die Wahrheit: Aber bitte mit Creme!
> Was wirklich abgeht in Läden, die von Kopf bis Fuß aufs Schmieren
> eingestellt sind.
(IMG) Bild: Produkt hilft bei der Ausbildung zum cremenden Krakenmenschen
Auf der großen Einkaufsstraße gibt es ein Cremegeschäft. Einen Laden, der
ausschließlich Creme führt. Creme für alle Felle und alle Hauttypen:
Gesichtscreme, Handcreme, Fußcreme, Salatcreme. Selbst die Sonne kann man
sich eincremen. Falls sie einem irgendwo herausscheint.
Dass die dort bloß Creme haben, das nehme ich jedenfalls an. Ich war noch
nie drin im Laden. Und trotzdem bin ich jeden Tag da. Um mich einzucremen.
Am Eingang gibt es nämlich mehrere Cremespender, wo man sich gratis
eincremen kann. Das lass ich mir natürlich nicht nehmen. Täglich creme ich
mich ein mit Pasten über Pasten, die duften so anders nach Blüten und
Früchten, die haste noch nicht probiert. Soll ja gut sein für die Haut.
Gesicht, Hände, Füße, Bauch. Ja, auch den Rücken. Ich selbst komme da
allerdings nicht so gut ran. Bin ich Krake, oder was?
Und deswegen ist es gut, dass ich das nicht zu Hause tun muss. Zu Hause den
Rücken eincremen? Nee, da kannste gleich mit der Nummer in den Zirkus
gehen. Und da haste ja jemanden, der dich eincremt. Der von Kopf bis Fuß
auf Schmieren eingestellt ist.
Oder du machst das eben auf der Straße. So wie ich vor dem Cremegeschäft.
Gut, dass das auf der großen Einkaufsstraße liegt, wo immer jemand
vorbeikommt. Es sei denn abends. Nach Feierabend ist niemand mehr auf der
großen Einkaufsstraße. Aber da bin ja auch ich nicht dort. Weil: Die räumen
nachts die Cremeflaschen ins Cremegeschäft. Nicht, dass sich jemand die
ungefragt mitnimmt.
## Hände sanft und weich wie Dehnungsfugen
Ich hatte extra Schraubendreher und Zange dabei, aber alle waren fort.
Cremepullen genauso wie Passanten. Muss ich also tagsüber machen das
Eincremen. Vor allem den Rücken. Da kann ich mir selbst aussuchen, wen ich
bitte, mir den Rücken einzucremen. Ein jeder soll ja da auch nicht
Handauflegen dürfen bei mir! Bauarbeiter mit rauen Pfoten etwa sollten sich
die erst mal selbst geschmeidig schmieren. Und das kann dauern. Bis die
Hände sanft und weich wie Dehnungsfugen sind, ist die Ausbildung zum
Krakenmenschen abgeschlossen.
Nee, es sollte schon ein Mitglied der Crème de la Crème sein. Bestenfalls
eine adlige Person. Oder jemand aus dem höheren diplomatischen Dienst, was
in der Regel das Gleiche ist. Wenn nicht dasselbe. Solche Leute haben doch
ihre ersten 20 Jahre damit verbracht, sich einzucremen. Wenn sie nicht
gerade Tennis gespielt oder die Stute gestriegelt haben.
Und da hört es bei mir auf. Will ich mich von jemandem eincremen lassen,
der geübt ist in der Pferdepflege? Jetzt gar nicht despektierlich gemeint.
Da bestehen ja oft verwandtschaftliche Verhältnisse zwischen Schloss und
Stall. Realistisch betrachtet muss ich ohnehin zugeben: Die
Wahrscheinlichkeit, so jemandem in der Einkaufsstraße zu begegnen, könnte
eher gering sein. Und wenn wirklich mal, dann ist das Ross, auf dem
Durchlaucht zu sitzen geruht, zweifelsohne zu hoch für eine bequeme
Becremung meiner bildungsbürgerlichen Haut.
Und käme ich mir nicht auch arg schäbig vor mit meinem ungepflegten Rücken?
Auf den ich solch schlechten Zugriff habe und bei dem ich nicht einmal
davor gefeit bin, dass dort sprießt und schwillt, was als Ausdruck meiner
inneren Unreinheit missdeutet werden könnte. Vom irregeleiteten
Falschhaarwuchs mal ganz abgesehen.
## Bitte einmal Probeeinrieb
Ob das Cremegeschäft auch Enthaarungspaste führt? Sollte ich mal
hineingehen und um einen Probeeinrieb bitten? Oder wäre er dann flugs hin,
mein Status als anonymer Eincremer, und ich müsste Stellung beziehen zur
Produktlinie. „Hier, der Herr, hätten wir einen Body Cleanser aus dem
Extrakt von gerösteten Sesamsamen für die anspruchsvolle Rückenhaut Ü50,
der erzeugt einen samtigen Schaum. Für Ihre – ich sehe schon – lang
vernachlässigten Hände empfehle ich einen verjüngenden Balsam aus
Erdnussfasern und Süßholzwurzelextrakt. Das hat so einen angenehmen
holzigen Duft in der Nase, da möchte man selber gleich die Axt schwingen,
nicht wahr? Und übrigens, Ihre Naseninnenflächen sollten Sie regelmäßig mit
dieser nährstoffreichen Komposition hier aus Quittenkernöl,
Geranienblättern und Bergamotteschalen bestreichen …“
Während ich dieses Beratungsgespräch so imaginiere, tritt zu mir an die
Cremespender ein kräftiger Bartträger mit grauem Zopf und knarzender
Lederjacke, die einen Duft von Milchsäure, Sandstein und altem Käse
verströmt. Er zapft sich drei kräftige Stöße in die Hände und beginnt, sich
Gesicht, Bart und Hände großzügig einzufetten. Dabei seufzt er
genießerisch. Ratlos starre ich ihn an. Nach einer Weile hält er mir seine
nach Lakritz und Zwiebeln riechenden Pranken entgegen, alles noch voller
Creme. „Soll ich?“, fragt er. „Das reicht für uns beide.“
„Nee, lass mal“, sage ich. „Das gefährdet bloß meine Street Credibility.
Und die Leute denken am Ende gar, ich verkehre in Cremeläden. Dabei ist
sanft-seidige Haut echt nicht so meins.“
3 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Thilo Bock
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