# taz.de -- 1.000 Mal „Guten Morgen Eberswalde“: Wie kostenlose Kultur eine Stadt beleben kann
       
       > Am 5. September feiert eine Kulturreihe Jubiläum, die das Leben in
       > Eberswalde geprägt hat. Für Bürger und lokale Wirtschaft brachte sie
       > spürbare Verbesserungen.
       
 (IMG) Bild: Zur 998. Ausgabe der Kulturreihe „Guten Morgen Eberswalde“ kamen rund 100 Menschen ins Barnimer Brauhaus
       
       Wer an diesem Sonnabendmorgen bei kühlem, wechselhaftem Wetter den Weg nach
       Niederfinow auf sich nimmt, muss das wollen. Mehr als einhundert Menschen
       wollen und finden sich im Hof einer kleinen Brauerei, eine Autostunde
       nordöstlich von Berlin, ein. Es ist die 998. Ausgabe der Kulturreihe „Guten
       Morgen Eberswalde“, die heute außerhalb der Stadt am Finowkanal gastiert.
       
       Eine Handvoll Künstler:innen sind in Tretbooten angereist und bespielen
       die improvisierte Bühne. Ihr „Festival der leisen Gesten“ verbindet Musik,
       Clownerie, Jonglage, Prosa, Pantomime und Tanz. Dieser Vormittag zeigt im
       Kleinen, was die Guten-Morgen-Reihe als Ganzes ausmacht: die
       allwöchentliche Portion Kunst aller Couleur im öffentlichen Raum in und um
       Eberswalde.
       
       Die erste Ausgabe von „Guten Morgen Eberswalde“ liegt 19 Jahre zurück. An
       der Ursprungsidee hat sich seither nichts verändert. An ausnahmslos jedem
       Sonnabend um halb 11 wird kostenfrei Kultur geboten. „Wir haben eine
       Tageszeit gewählt, die es allen Bürgern ermöglicht, teilzunehmen. Dass
       Alte, die abends nicht mehr rausgehen, und Familien mit Kindern die
       Möglichkeit haben, vorbeizukommen“, sagt der Begründer der Reihe, Udo
       Muszynski. Das generationenübergreifende Programm ist sein Gegenentwurf zur
       Ausdifferenzierung von Kulturangeboten. Und außerdem, da ist er überzeugt,
       sei die Konzentrationsfähigkeit des Publikums am Vormittag am größten.
       
       Wenn der 1961 in Ostberlin geborene Wahl-Eberswalder am Sonnabendvormittag
       ein Jazztrio, eine Autorin oder einen Puppenspieler ankündigt, spricht er
       mit leiser Stimme und ebenso leisem Humor. Auf der Bühne wirkt der
       großgewachsene Mann fast schüchtern und passt gerade deshalb nach
       Eberswalde.
       
       ## Ruf der Stadt auf dem Tiefpunkt
       
       In den 1990er Jahren war Eberswalde wie viele Städte auf dem Gebiet der
       untergegangenen DDR geprägt vom Dreiklang aus wirtschaftlichem Abstieg,
       Arbeitslosigkeit und Abwanderung. Bahnwerk, Kranbau und Walzwerk hatten
       tausende Menschen beschäftigt; nach der Wende schrumpfen die Großbetriebe
       zu [1][marktwirtschaftstauglichen Unternehmen] zusammen. Hinzu kam der
       Ausländerhass. 1990 prügelten Neonazis den angolanischen Gastarbeiter
       Amadeu Antonio bewusstlos, Tage später erlag er seinen Verletzungen. Der
       Ruf der Stadt war auf dem Tiefpunkt.
       
       Anfang der 2000er Jahre ändert sich das langsam. Und Kultur hat einen
       Anteil daran. Die Stadt gibt sich ein neues Zentrum, schließt Lücken, die
       der Zweite Weltkrieg geschlagen hatte. 2007 öffnet das
       Paul-Wunderlich-Haus, eigentlich ein Verwaltungsgebäude. Benannt wird es
       nach dem in Eberswalde geborenen Künstler. Dessen Dauerausstellung setzt
       einen Kontrapunkt zum trockenen Aktengewerbe. Und dann ist da mit „Guten
       Morgen Eberswalde“ eine Veranstaltungsreihe, die sich vorgenommen hat,
       Bürger:innen mit Kultur ins Stadtzentrum zu locken.
       
       Gerade am Wochenende ist das nötig. Der Sonnabend ist für Händler:innen
       der umsatzschwächste Tag. „Guten Morgen“ kommt zur rechten Zeit, um das
       neue Zentrum zu beleben. Muszynski spricht rückblickend von einem Jahrzehnt
       des Aufbruchs zwischen 2005 und 2015, getragen von der Zusammenarbeit von
       Politik, Kultur und Bürgerschaft.
       
       Heute hingegen spricht der selbsterklärte Vermittler zwischen
       Künstler:innen und Publikum von Stagnation. Dabei steht die Stadt von
       außen betrachtet so gut da wie nie. Die Hochschule für nachhaltige
       Entwicklung lockt international junge Leute an, in der
       Genossenschaftskneipe trifft sich der queere Stammtisch, der Name des
       Bürgerbildungszentrums ehrt den zu Tode geprügelten Amadeu Antonio. Und:
       „Der Sonnabend ist ein umsatzstarker Tag geworden. Da haben wir vielleicht
       einen von mehreren Impulsen gesetzt“, so Muszynski.
       
       ## Finanzierung jedes Jahr wieder offen
       
       Trotz ihres zwei Jahrzehnte währenden Erfolgs stellt sich die Frage der
       Finanzierung der Reihe jedes Jahr neu. Zwar hat sich die
       Stadtverordnetenversammlung 2024 über alle Parteigrenzen hinweg einstimmig
       für die Reihe ausgesprochen. Ob sich das 2027 bei angespannter Finanzlage
       der Kommunen wiederholt wird, muss sich zeigen. Wichtig bleiben private
       Förder:innen aus Gastronomie und Einzelhandel sowie Spenden des
       Publikums.
       
       Was solches Engagement bewirken kann, zeigen vier Wohnungsbaugesellschaften
       in Eberswalde. Fernab des Stadtzentrums fördern sie im Brandenburgischen
       Viertel die „Helle Stunde mit Kultur“ – das ist die „kleine Schwester“ der
       Guten-Morgen-Reihe, die Muszynski auf Impuls der städtischen
       Wirtschaftsförderung etabliert hat.
       
       Das einst moderne Neubauviertel war nach 1990 von Tristesse geprägt. Wer
       konnte, zog weg. Heute arbeiten Quartiersmanagement und Wohnungsbau gezielt
       am Image des Viertels, legen Wohnungen zusammen, schaffen Spielplätze,
       lassen Hauseingänge von Künstler:innen gestalten. Und die „Helle Stunde“
       sorgt in den Sommermonaten für Leichtigkeit am Mittwochvormittag. Damit
       erreicht sie nicht nur junge Familien, die heute wieder hierherziehen,
       sondern auch nichtberufstätige Bewohner:innen, Rentner:innen oder
       Kita-Gruppen.
       
       Während die „Helle Stunde“ gerade 100 Ausgaben zählt, wird „Guten Morgen
       Eberswalde“ am 5. September die tausendste feiern. „Die wird ’n bisschen
       üppiger ausfallen“, erzählt Muszynski und kündigt langjährige
       Wegbegleiter:innen wie die „Saxpuppets“ an – jene kostümierte
       Marching-Band, die in der ersten Ausgabe am 14. Juli 2007 aufgespielt
       hatte.
       
       Udo Muszynski hat mittlerweile ein kleines Team um sich gescharrt. Aber die
       Zukunft der Reihe steht und fällt mit ihrem Begründer. Der indes nähert
       sich dem Rentenalter. Was also tun? Muszynski: „Fit bleiben, so ’nen
       richtigen Plan habe ich nicht.“
       
       2 Sep 2026
       
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