# taz.de -- Dissident Lukaschewski über Russland: „Die Jugend bereitet dem Kreml Kopfzerbrechen“
> Im September wird die Duma gewählt. Sergej Lukaschewski über den
> Ausschluss der Oppositionspartei Jabloko und das Risiko, gegen den Krieg
> zu reden.
(IMG) Bild: Schiere Verzweiflung: Unterstützer*innen der Partei Jabloko am Montag vor dem Obersten Gericht in Moskau
taz: Herr Lukaschewski, Russlands Oberstes Gericht hat Anfang der Woche
entschieden, dass die liberale oppositionelle Partei Jabloko bei den
Duma-Wahlen im September nicht antreten darf. Haben Sie damit gerechnet?
Sergej Lukaschewski: Am meisten hat mich überrascht, wie schnell das
letztlich passiert ist. In den Tagen zwischen der Einreichung der Klage und
der Gerichtsentscheidung kursierte die Vermutung, Jabloko solle mit diesem
Verfahren in einer Art Schwebezustand gehalten werden, damit dieses
Damoklesschwert ständig über der Partei schwebt. Und es würde erst kurz vor
der Abstimmung entschieden, [1][ob Jabloko zugelassen wird oder nicht].
Doch es ist anders gekommen und das war schon erstaunlich.
taz: Die Partei wurde von der Zentralen Wahlkommission ja erst im
vergangenen Juli registriert. Warum das alles?
Lukaschewski: Einmal abgesehen davon, dass die Wahlergebnisse sowieso
gefälscht werden, wurden bis zu der Gerichtsentscheidung zwei Versionen
diskutiert. Die erste lautet zu zeigen, dass es eine gewisse Anzahl von
Menschen gibt, die den Krieg ablehnen. Diese haben zwar abgestimmt, jedoch
hat die Mehrheit der Wähler*innen für die richtigen Parteien und die
richtigen Positionen votiert. Die zweite Version besagt, dass es einen
Machtkampf gibt, in dessen Zentrum die Partei „Neue Leute“ steht. Jabloko
sollte „Neue Leute“ Stimmen abjagen, damit diese Partei nicht auf dem
zweiten Platz landet. „Neue Leute“ unterstützt den stellvertretenden Leiter
der Präsidialverwaltung Sergej Kirijenko. Es geht also um einen Kampf
zwischen verschiedenen Gruppen im Kreml.
taz: Können Sie diesen Kampf etwas genauer erklären?
Lukaschewski: Machtkämpfe hat es schon immer gegeben. Das bedeutet jedoch
nicht zwangsläufig eine Spaltung der Eliten. Doch wenn sich die gesamte
Macht letztlich in den Händen einer einzigen Person konzentriert, gibt es
stets Klans oder Gruppen, die im Konflikt sind. Der Konflikt zwischen den
Sicherheitskräften und der Präsidialverwaltung unter Kirijenko ist
systemischer Natur. Jeder will beweisen, dass er gebraucht wird – und zwar
mit seinen eigenen Methoden.
taz: Und die wären?
Lukaschewski: Zu den Methoden des FSB gehören Strafverfahren, Vergiftungen,
Provokationen und dergleichen. Das Vorgehen der Präsidialverwaltung ist
weniger brutal. Es geht, wie beispielsweise bei einem Ausschluss von
Wahlen, eher um Intrigen und „schwarze PR“. Wenn die Machthaber jedoch all
ihre Probleme ausschließlich dadurch lösen, dass sie Menschen ins Gefängnis
stecken oder umbringen lassen, wozu braucht man dann eine Abteilung für
Inneres in der Präsidialverwaltung? Sie wäre überflüssig. Doch kein
Bürokrat und kein Beamter möchte entbehrlich sein.
taz: Kommen wir jetzt zu Jabloko. Sie wird immer als einzige
Antikriegspartei beschrieben. Würden Sie das so stehen lassen?
Lukaschewski: Bei Jabloko ist ein Antikriegsgeist bewahrt worden, der all
jene Menschen angezogen hat, die gegen den Krieg sind. Gleichzeitig
vertreten der Mitbegründer und frühere Chef von Jabloko, Grigori Jawlinski,
sowie andere Führungskräfte der Partei den Standpunkt: Lasst uns die
Kampfhandlungen um jeden Preis beenden. Das jedoch bedeutet, einen Großteil
der Forderungen anzuerkennen, die der Kreml stellt. Jawlinski und Wladimir
Putin verbindet eine lange persönliche Beziehung. Jawlinski hat Putin zwar
politisch nie unterstützt, sich jedoch gleichwohl stets begrenzt loyal
verhalten – nach dem Motto: die Regeln nicht verletzen. Doch jetzt hatte
Putin wohl einen anderen Einflüsterer.
taz: Da relativiert sich das Bild von Jabloko doch etwas …
Lukaschewski: Wenn wir davon ausgehen, was unter einer Antikriegshaltung in
Europa verstanden wird, so war und ist die Position von Jabloko ziemlich
fragwürdig. Doch unter den Bedingungen in Russland spielt das eine
untergeordnete Rolle. Dort ist es gefährlich, überhaupt irgendeine Form von
Antikriegshaltung zum Ausdruck zu bringen. Oder um es anders zu sagen: Im
Westen Pazifist zu sein, wenn es um den russisch-ukrainischen Krieg geht,
ist eine zweifelhafte Position. In Russland hingegen ist diese Position
sehr gefährlich.
taz: Besonders unter jungen Menschen scheint Jabloko gut anzukommen.
Empfindet der Kreml sie als Bedrohung?
Lukaschewski: Zweifellos fürchtet sich der Kreml vor der russischen Jugend.
Allen soziologischen Umfragen zufolge findet sich unter jungen Menschen der
höchste Anteil an Kriegsgegnern. Die Jugend ist aktiv – sie engagiert sich
rege in den sozialen Netzwerken und zeigt ein starkes
zivilgesellschaftliches Engagement. Dennoch würde ich nicht von einer
realen Bedrohung, etwa durch Proteste, sprechen. Doch fest steht: Die
Jugend bereitet dem Kreml Kopfzerbrechen.
taz: Sie haben ja noch Kontakte nach Russland. Was können Sie über die
derzeitige Stimmung der Menschen sagen?
Lukaschewski: Vor allem habe ich Kontakt mit Menschen, die den Krieg nicht
unterstützen. Sie sind definitiv müde, jedoch nicht von den ukrainischen
Angriffen. Vielmehr sind sie erschöpft angesichts der Atmosphäre von Druck,
Spannung und Angst. Sie haben Angst vor Repressionen und den Wunsch, dass
das alles ein Ende findet. In der späten Sowjetzeit war ich ein Kind bzw.
Schüler und erinnere mich noch gut an dieses quälende Gefühl. Man weiß, was
die Wahrheit ist, kann sie aber nicht öffentlich aussprechen, weil alle um
einen herum sagen, dass es gefährlich sei und man das nicht tun dürfe.
taz: Doch trotz Drucks und Angst haben sich am Montagabend vor dem Gericht
in Moskau aus Solidarität mit Jabloko rund 500 Menschen versammelt …
Lukaschewski: Diese Bilder haben mich an den Februar 2022 erinnert. Da
standen auch wir vor diesem Gebäude. Russlands vollumfängliche Invasion
hatte bereits begonnen und es war die letzte Anhörung zur Auflösung der
Menschenrechtsorganisation „Memorial“. Niemand glaubte an eine andere
Entscheidung als jene, die die Auflösung von „Memorial“ bestätigen würde.
Und so kam es dann ja auch. Jetzt sind erneut Hunderte Menschen gekommen,
was mich überrascht hat. Darin besteht auch der Sinn der Wahlkampagne von
Jabloko. Ich meine damit eine unglaubliche Möglichkeit für diese Leute, die
Wolke aus Angst und Druck ein wenig zu durchbrechen sowie öffentlich die
Wahrheit auszusprechen.
taz: Glauben Sie, dass die Vertreter*innen von Jabloko in Russland
jetzt noch stärkere Repressionen zu befürchten haben?
Lukaschewski: Jabloko ist schon lange unter Druck. Sieben Personen befinden
sich entweder im Gefängnis oder gegen sie laufen Ermittlungen. Der
Wahlkampf ist für die Partei übrigens noch nicht zu Ende. Denn die
Kandidaten, die für Direktmandate antreten, wurden bislang nicht aus dem
Rennen genommen. Der Druck wird also bestehen bleiben, aber ich glaube
nicht, dass er sich drastisch verschärfen wird. Grundsätzlich möchte ich
sagen: Alle Mitglieder von Jabloko, die öffentlich in Erscheinung treten,
sind sehr mutig. Sie setzen ihre Freiheit aufs Spiel.
taz: Jabloko will gegen die Gerichtsentscheidung in Berufung gehen. Ergibt
das überhaupt Sinn?
Lukaschewski: Das ist so eine Art russische Tradition oder Mentalität. Ein
Gerichtsverfahren wird bis zum bitteren Ende durchgezogen. Daher hat es
mich nicht überrascht, dass Jabloko Berufung eingelegt hat. Was die Chancen
angeht – na ja. Sie stehen bei 1 zu 99.
taz: Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert schon viereinhalb
Jahre. Wie lange wird er weitergehen, wie lautet Ihre Prognose?
Lukaschewski: Wladimir Putin hat entschieden, die Städte Slowjansk und
Kramatorsk im Gebiet Donezk einzunehmen – das ist für ihn das Minimum.
Solange das nicht der Fall ist und keine außergewöhnlichen Entwicklungen
eintreten, wird er sich nicht auf ernsthafte Friedensverhandlungen
einlassen. Ich glaube übrigens nicht, dass es zu einer Massenrekrutierung
kommen wird. Sollte es sie dennoch geben, dann wohl eher in einer
schleichenden Form – das heißt, hier und da werden einzelne Personen
einberufen. Eine Verhängung des Kriegsrechts halte ich für möglich,
allerdings nur, falls sich die Lage extrem zuspitzen sollte. [2][Ein Ende
des Krieges: nicht vor 2027.]
14 Aug 2026
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