# taz.de -- Gedenken an den Mauerbau vor 65 Jahren: Die Zeitzeugin stiehlt der Politprominenz die Show
       
       > Mit einer Kunstinstallation und Open-Air-Ausstellung vor dem
       > Brandenburger Tor erinnert Berlin an den Bau der Mauer. Rahmenprogramm
       > bis 16. August.
       
 (IMG) Bild: Die Kunstinstallation von Hubertus Hamm zum Mauerbaugedenken ist sehenswert
       
       Renate Werwigk-Schneider trägt heute Perlenkette und passende Ohrringe,
       dazu eine Sonnenbrille. Es ist ein sonniger Tag – so wie vor 65 Jahren, als
       am 13. August 1961 der Bau der Berliner Mauer begann. Nur das es damals
       rund 10 Grad kühler war als an diesem heißen Mittwochmittag.
       Werwigk-Schneider ist als Zeitzeugin geladen und hat viel zu erzählen.
       Minutenlang steht sie der angereisten Politprominenz Rede und Antwort,
       bevor diese vor dem Brandenburger Tor durch eine kleine
       Open-Air-Ausstellung geführt wird und die große Kunstinstallation [1][zum
       Gedenken an den Mauerbau vor 65 Jahren] aus der Nähe bestaunt.
       
       Die rund 30 Meter lange und gut drei Meter hohe Installation von Hubertus
       Hamm erinnert an die Berliner Mauer, die hier einst verlief, ist aber
       natürlich keine Rekonstruktion, sondern Kunst. Das Ganze ist aus Aluminium,
       dessen Grau chargiert im Sonnenlicht.
       
       Dieser temporäre Erinnerungsort ist faszinierend: Aus der Ferne betrachtet,
       steht die Kunstmauer wie ein monolithischer Block und undurchdringlich da,
       man kann nicht hindurchschauen. Wer dem Material aber auf die Pelle rückt,
       erkennt, dass es transparent ist, man kann von hüben nach drüben gucken und
       umgekehrt. Der Clou: Der Blickausschnitt durch die „Mauer“ wird immer
       kleiner, je näher man ihr kommt. Am Ende geht der Blick durch eine Art
       Gespinst, das an Bienenwaben erinnert – und an die historische Tatsache,
       dass die Berliner Mauer aus Stahl und Beton nicht von Dauer war.
       
       Über die Zeit der Spaltung, den alltäglichen Irrsinn diesseits und jenseits
       der Mauer und ihren Fall erinnert die Open-Air-Ausstellung „Mauerblicke.
       Berlin 1961–1990“ in neun Blöcken mit kurzen Texten auf Deutsch und
       Englisch und historischen Fotografien. Axel Klausmeier, Direktor der
       [2][Stiftung Berliner Mauer], führt unter anderem Kai Wegner, Regierender
       Bürgermeister von Berlin, und Wolfram Weimer, Beauftragter der
       Bundesregierung für Kultur und Medien, durch die Ausstellung – beide sind
       Geldgeber.
       
       ## Hollywoodschaukel direkt vor der Mauer
       
       Ein Farbfoto von 1989 etwa zeigt, wie selbstverständlich die Mauer in
       Neuköllner Kleingartenkolonien dazu gehörte: Neben Beeten voller Gemüse
       steht direkt vor der Mauer, gewissermaßen am ruhigen Rand, eine
       Hollywoodschaukel, darauf sitzen scheinbar glückliche Menschen, die bunte
       Magazine lesen.
       
       Auf der östlichen Seite der Mauer entstanden solche beschaulichen Bilder
       kaum, auch wenn es touristische Schnappschüsse vorm Brandenburger Tor gab.
       Das lag von den Absperrgittern weit entfernt in nicht greifbarer Nähe. Auf
       den Bildern aus dem Osten dominieren die Sicherheitsvorkehrungen, die die
       Flucht aus der DDR verhindern sollten. Axel Klausmeier erinnert an
       gelungene wie vereitelte Fluchtversuche und an das erste Todesopfer der
       Mauer: [3][Günter Litfin wurde gezielt erschossen], weil er aus der DDR
       fliehen wollte.
       
       An der Stelle kommt Renate Werwigk-Schneider wieder ins Spiel, die gefragt
       wird, warum sie damals die DDR verlassen wollte? Sie hat zwei
       Fluchtversuche unternommen und musste dafür büßen, saß drei Jahre im
       berüchtigten Knast von Hohenschönhausen. Und das nur, weil sie „von Mitte
       nach Lichterfelde wollte“, wie sie erzählt, „das hätte nur eine
       Viertelstunde mit der S-Bahn gedauert“.
       
       Die Zeitzeugin spricht von „einer echten Motivation“ zur Flucht: Sie war
       mit 14 Jahren von der Oberschule „geflogen“, weil sie in einer
       Kirchengemeinde aktiv war. Sie war nicht Mitglied der Freien Deutschen
       Jugend, der DDR-Jugendorganisation, und „flog später auch von der Uni“ – da
       „baute sich eine gewisse Abneigung gegen diesen Staat auf“. Einer ihrer
       Fluchtversuche ging schief, weil der Tunnel, durch den sie fliehen wollte,
       verraten wurde. „Der Fluchttunnel in der Brunnenstraße wird auf der Tafel
       hier vorn thematisiert“, lotst Klausmeier die Zeitzeugin samt Tross aus
       Politik und Medien weiter.
       
       In gleich mehreren Reden wird den Macher:innen von Installation,
       Ausstellung und [4][Rahmenprogramm] gedankt. Bis zum 16. August wird das
       Gedenken am Brandenburger Tor um Führungen, Lesungen, Konzerte und
       Gespräche mit Zeitzeugen:innen ergänzt. Nur am 15. August nicht, da
       sind Kunstinstallation und Ausstellung nicht zugänglich und abgesperrt,
       weil dort Rave the Planet vorbeizieht – eine Tanz- und Musikdemonstration
       für Demokratie und Freiheit. Das passt doch gut zum Thema Mauerbau und
       Mauerfall und Mauerjubiläum.
       
       12 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://kulturprojekte.berlin/projekte/65-jahre-mauerbau-2026/
 (DIR) [2] https://www.stiftung-berliner-mauer.de/
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Litfin
 (DIR) [4] https://kulturprojekte.berlin/festival/veranstaltungen/?project=33331
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Andreas Hergeth
       
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