# taz.de -- Gesundheitsgefahr durch Stahlwerk: Schlacke-Verbot im Wartestand
> Das niederländische Parlament will Reststoffe aus der Stahlproduktion
> verbieten, weil sie giftige Schwermetalle enthalten. Doch es gibt
> Gegenwehr.
(IMG) Bild: Harter Bruch: der industrielle Komplex des Stahlwerks von Tata vor der Dünenlandschaft von Wijk aan Zee
Haushoch türmen sich die grau-schwarzen Berge hinter dem Zaun auf. Zwei
Bagger fahren auf dem Gelände herum. Hinter den Bergen erhebt sich eine
Kulisse aus Schornsteinen, die Wolken von bemerkenswertem Umfang in allen
Formen und Farben ausstoßen. Immer wieder bleiben Ausflügler*innen mit
Fahrrädern stehen und machen Fotos. Die Kombination aus Dünen und
Nordseehimmel, vor denen sich eine Landschaft aus schwerindustriellen
Abfallstoffen entfaltet, lässt manche Münder offenstehen.
Was zahlreiche Tourist*innen am Rand des kleinen Küstenorts Wijk aan Zee
auch in diesem Sommer beeindruckt, ist Teil einer brisanten, äußerst zähen
politischen Debatte: Werden die Niederlande Schlacke – die Reststoffe aus
der Stahlproduktion – ab 2027 permanent verbieten? Annet Bertram,
Staatssekretärin für Infrastruktur, spricht sich im Namen der
liberal-rechten Regierung dafür aus, es sei denn, die Benutzung sei „im
Hinblick auf Umwelt und Gesundheit sicher“.
Im Zentrum der Diskussion befindet sich der Konzern, dem das Areal gehört:
[1][Tata Steel]. Einst als Koniklijke Hoogovens eine industrielle
Trumpfkarte des Landes und seit 2007 in Händen der indischen Tata Group,
ist der Standort heute der größte niederländische Emittent von CO₂ und
Stickstoff. Zum Einfluss auf die Gesundheit der Anwohner*innen wurden
mehrere Studien veröffentlicht, die deutlich erhöhtes Auftreten von Lungen-
und asbestbedingtem Krebs in der Region belegen. Auch Herz- und
Gefäßkrankheiten und Bluthochdruck sind verbreiteter als im
Landesdurchschnitt.
Nach einer Sammelklage von 800 Anwohner:innen und anschließender
Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft gab diese im Juli bekannt, Tata
Steel wegen absichtlichen und widerrechtlichen Ausstoßens
gesundheitsschädigender Stoffe den Prozess zu machen. Ende November wird
dieser eröffnet. Im Zuge der jahrelangen öffentlichen Auseinandersetzung um
die Umweltbelastung durch Tata Steel rückten auch die Schlacken in den
Mittelpunkt. Am Standort fallen davon jährlich 650.000 Tonnen an.
## „Alle denkbaren Schwermetalle“
Laut dem in jeder niederländischen Kommune vertretenen Gesundheitsdienst
GGD führt Kontakt mit Stahlschlacken zu Reizungen von Atemwegen, Haut und
Augen sowie Nasenbluten, zudem enthalten sie Schwermetalle. Das
[2][staatliche Umwelt- und Gesundheits-Institut RIVM] warnte 2023, bei
Kontakt mit Regen- oder Grundwasser würden „alle denkbaren Schwermetalle“
in Boden und Oberflächenwasser gespült. Je größer die Mengen an Schlacken,
umso wahrscheinlicher sei dieser Effekt.
In den Niederlanden werden Schlacken vielfach weiterverwendet, etwa als
Baumaterial oder Untergrund von Wegen und Deichen. Eine Genehmigung braucht
es dafür nicht. Daher gibt es über die tatsächliche Verbreitung kaum
Informationen. Die Investigativp[3][lattform Investico veröffentlichte im
April 2025 eine Liste mit 115 betroffenen Orten]. Ein halbes Jahr später
umfasste diese bereits 216 Orte. Das Problem ist damit wesentlich größer
und struktureller als lediglich Tata Steel.
Zugleich ist das Unternehmen, das derzeit wegen der Lagerung
Hunderttausender Tonnen auf seinem Gelände den Boden sanieren muss, als
einziger Produzent der entscheidende Faktor, wenn es um das Totalverbot
geht. Für diesen Vorschlag der Partij voor de Dieren (PvdD) sprach sich im
Juni 2025 eine Parlamentsmehrheit in Den Haag aus. Beschlossen wurde
zunächst aber eine abgeschwächte, zeitlich begrenzte Version. Für ein
definitives Aus sollte das RIVM erst nähere Untersuchungen durchführen.
Weil diese im Frühjahr jedoch noch immer nicht begonnen hatten, verlängerte
Staatssekretärin Betram die vorübergehende Maßnahme einmalig bis Januar
2027. Die in der Sache gut informierte Regionalzeitung NH Nieuws führt dies
auf erheblichen Druck des Konzerns zurück. Anfang August veröffentlichte
sie eine Rekonstruktion der „innigen Beziehungen zwischen der Tata-Lobby
und dem politischen Den Haag“. Erstere habe den Beamt:innen
eingeschärft, ein Totalverbot führe zu einer finanziellen Katastrophe.
12 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Verklappung-und-Verpestung/!5851226
(DIR) [2] https://www.rivm.nl/en
(DIR) [3] https://www.platform-investico.nl/onderzoeken/verdacht-grind-en-schepen-vol-tata-spul
## AUTOREN
(DIR) Tobias Müller
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