# taz.de -- Jahrelange Verhandlungen: Ein Mietvertrag für die Subkultur
> Senat, Bezirk und Eigentümer des RAW-Geländes haben einen Vertrag
> unterschrieben, der zunächst die Zukunft des Areals sichert. Eine
> Sollbruchstelle gibt es.
(IMG) Bild: Nachtleben auf dem RAW-Gelände
Im Juni sah es wegen vorläufig eingestellter Verhandlungen noch düster aus
für das RAW-Gelände an der Warschauer Straße. Jetzt haben der Berliner
Senat, der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg und der
RAW-Grundstückseigentümer, die Kurth-Gruppe, nach langem Ringen eine
Einigung für das Gelände erzielt. Nach fast elf Jahren Verhandlungen ist
eine Vertragsbeziehung zustande gekommen, wie Lauritz Kurth,
Geschäftsführer der Kurth-Gruppe, Alexander Slotty (SPD), Staatssekretär
für Bauen und Florian Schmidt (Grüne), Bezirksstadtrat von
Friedrichshain-Kreuzberg am Dienstag bei einem Pressegespräch verkündet
haben.
Genauer handelt es sich bei der Vertragsbeziehung um einen Mietvertrag für
das Soziokulturelle L (SKL) auf dem Gelände sowie einen Rahmenvertrag für
die weitere städtebauliche und planungsrechtliche Entwicklung. Der Vertrag
ist auf zwei Jahre mit Option auf ein Jahr Verlängerung angesetzt, sollte
der Bebauungsplan bis dahin noch nicht abschließend festgesetzt sein.
„Der Rahmenvertrag beinhaltet eine wechselseitige Verpflichtung, die
Verhandlungen zu Ende zu bringen“, sagte Baustadtrat Florian Schmidt beim
Pressegespräch. Ein wichtiges Signal, fand Alexander Slotty, Staatssekretär
für Bauen: „Wir standen vor dem Punkt, an dem wir nicht sicher waren, wie
wir weitermachen. Jetzt haben wir aber eine gute Lösung gefunden.“
Zwei Millionen Euro Bezuschussung durch den Bezirk
Bis es zu einer Festsetzung des Bebauungsplans kommt, übernimmt der Bezirk
Friedrichshain-Kreuzberg die Vermietung an die Nutzer*innen des SKL,
also den L-förmig angeordneten Gebäuden, in denen zum Beispiel Ateliers,
die queere Bar zum schmutzigen Hobby und der Club Cassiopeia angesiedelt
sind. Der Interimsvertrag orientiert sich mit 11,20 Euro pro Quadratmeter
nun an der Marktmiete.
Zuvor zahlten die Mieter*innen im Schnitt vier Euro pro Quadratmeter,
damit sich an diesem Betrag für sie nichts spürbar ändert, soll nun aus
öffentlicher Hand aufgestockt werden, sagte Schmidt. Eine Million Euro
jährlich will der Bezirk in den ersten zwei Jahren der Vertragslaufzeit
bezuschussen, im dritten Jahr fließt der Aufstockungsbetrag aus der
Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.
Wieso investiert der Bund bei der angespannten Haushaltslage jetzt
insgesamt zwei Millionen Euro Steuergelder in das RAW-Gelände? „Es ist zum
einen die Anerkennung, dass der Eigentümer zuvor selbst elf Jahre lang die
Nutzung des Geländes gefördert hat, da gehört also auch Fairness dazu“,
sagte Alexander Slotty. Zum anderen wolle man zum Erhalt der Subkultur, die
für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg große Anziehungskraft hat, die
Mieter*innen vor Ort schützen. „Das ist eine unglaubliche
Prioritätensetzung“, stimmte Bezirksstadt Schmidt zu, der um die
soziokulturelle Bedeutung des Geländes für Friedrichshain-Kreuzberg weiß.
300 Mietwohnungen sollen entstehen
Von der Bezuschussung soll laut den neuen Verhandlungen auch die
Bausubstanz vor Ort profitieren: Etwa 40 Prozent des Aufstockungsbetrags
muss die Kurth-Gruppe in die Ertüchtigung der teils maroden Gebäude auf dem
Areal stecken. Außerdem ist die Erarbeitung eines Bebauungsplans
vorgesehen, der für den Bau von 300 Wohnungen angepasst werden soll.
[1][Noch im Juni wurde darüber gestritten], wann und wie viele Wohnungen
auf Teilen des Geländes nahe der Warschauer Straße und der Spree gebaut
werden sollen. Die Gespräche scheiterten daraufhin. Die Wohnungen, die nun
entstehen sollen, sind laut Lauritz Kurth, Geschäftsführer der
Kurth-Gruppe, ausschließlich als Mietwohnungen angedacht. Ein Drittel des
Wohnraums soll gefördert werden.
Doch mit dem Wohnungsbau entsteht für die Subkultur vor Ort ein neues
Problem, wie Marcel Weber, Chef der Berliner Clubcommission, im
RBB-Inforadio sagte. Da der Eigentümer, die Kurth-Gruppe, im Rahmen der
Einigung jetzt neue Wohnungen auf dem Gelände bauen könnte, werde der
Schallschutz zum größten ungelösten Problem.
Es gebe das Risiko, dass die neuen [2][Bewohner*innen sich irgendwann
über den Lärm der Clubgänger beschwerten] und forderten: Der Club muss weg.
„Und dann kriegen die womöglich auch noch Recht. Das ist ja die Situation,
die wir ganz oft haben“, sagte Weber. Es müsse daher ein tragbarer Plan für
den Bestand entwickelt werden, mit dem sich beides miteinander vertrage.
Gleichzeitig brauche es einen Plan B, etwa andere Orte, an denen die Clubs
im Fall der Fälle weitermachen könnten.
Schallschutz könnte zur Sollbruchstelle werden
Diese Problematik haben auch die Vertragspartner auf dem Schirm, vom Bezirk
ist daher ein Gutachten zur Schallemission gefordert, das zeigen soll, wie
sich die lebendige Soziokultur mit dem Wohnraum vertragen kann. Kurth
nannte dazu schon einen konkreten Plan: Gewerbegebäude zwischen
Sommergarten und Wohnungen könnten als sogenannter „abschirmender
Gewerberiegel“ Schall abfangen.
Eine Lösung dieses Problems ist für den Vertrag essenziell. Sollte keine
gefunden werden, spricht Florian Schmidt von einer Sollbruchstelle, diese
Frage müsse zuallererst geklärt werden. Außerdem müsse noch ein
[3][Generalmieter für die Gebäude des SKL gefunden werden], der für dreißig
Jahre eine „Nullmiete“ zahlen soll, sagte Schmidt. Im Gegenzug müsse der
Mieter die Gebäude sowohl verwalten als auch die baufälligen Teile wieder
instandsetzen. Der Generalmietvertrag wird parallel zum
Bebauungsplanverfahren verhandelt.
Doch, und das war Staatssekretär Slotty wichtig zu betonen: Die verhandelte
Einigung steht noch unter Vorbehalt der Bezirksverordnetenversammlung von
Friedrichshain-Kreuzberg und des Hauptausschusses des Abgeordnetenhauses.
Sie sollen noch vor der Wahl im September zustimmen. Weber von der
Clubcommssion lobte den Einsatz von Senat und Bezirk für eine tragfähige
Lösung, ein Wahlkampfmanöver sehe er in der Einigung nicht. „Es ist
wirklich gut, dass es jetzt eine Einigung auch noch vor der Wahl gibt.“
12 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Laura Mies
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