# taz.de -- Film „Sunny Dancer“: Obacht, jetzt wird’s berührend!
> Der Film „Sunny Dancer“ von George Jaques spielt in einem Sommercamp für
> krebskranke Jugendliche. Witz gehört zum Ernst des Themas für ihn auch
> dazu.
(IMG) Bild: Spaß mit Seifenblasen: Ivy (Bella Ramsey) und Jake (Daniel Quinn-Toye) in „Sunny Dancer“
Dass ein Film, der in einem Sommercamp für krebskranke Jugendliche spielt,
mit furchtlosem Humor vorangeht, ist erst mal ein gutes Zeichen. Als die
17-jährige Ivy (Bella Ramsey) von ihren Eltern in ebenjenes Ferienlager
chauffiert wird, ruft ihre Mutter den möglichen neuen Freund:innen der
Tochter vor Abfahrt zu: „Wenn sich einer von euch mit ihr anlegt, ist Krebs
sein geringstes Problem!“
Am besten stellt man sich das in britischem Englisch vor. Lachen ist also
erlaubt, denkt man erleichtert und stellt weiter fest, dass Diagnosen und
Krankheitsverläufe in dieser Geschichte nur am Rande stattfinden. Sie
stellen die emotionale Kulisse, vor der die jungen Menschen im
Coming-of-Age-Film „Sunny Dancer“ Dinge erleben dürfen, die altersgerechter
erscheinen als vier Runden Chemotherapie.
Ivy hat noch keinen Schulabschluss, weiß aber schon, wie sie mit Glatze
aussieht und was Remission bedeutet. Das hinterlässt Spuren, auch bei
erfolgreicher Behandlung. Die Hoffnung der Eltern: Vier Wochen im „Children
Run Free“-Camp werden dem Kind neuen Lebensmut einhauchen. Weil auch ein
Teenager mit Anamnese ein Teenager ist, stößt Ivy allein der Name des gut
gemeinten Ferienprogramms ab. Die mit Sinnsprüchen tapezierten Räume hat
sie da noch gar nicht betreten.
Bella Ramsey ist als kindliche Königin aus „Game of Thrones“ oder der
[1][apokalyptischen Videospiel-Adaption „The Last of Us“] bekannt. In
George Jaques’ zweiter Regiearbeit spielt Ramsey nun eine junge Frau, die
es mit innerlichen Herausforderungen aufnehmen muss. Bei Ankunft am
Ferienort wirkt Ivy skeptisch und auffallend schlagfertig, ihre
unbefangene, empfindsame Seite steckt längst unter einem Panzer.
Selbstverständlich werden die Wochen im Camp daran rütteln. Es wird auf
einer Insel gezeltet, im Wald zu viel Wodka getrunken, Freundschaft
geschlossen. Zwei Menschen verlieben sich so kopflos und schnell
ineinander, wie es sich für ihr Alter gehört.
## Mehr als Figuren im Pflegehemd
Das sind erwartbare Entwicklungen, die „Sunny Dancer“ wie so vielen
Genrefilmen nicht schaden. Und über die Montagesequenzen, die Ivy im Stil
eines weichgezeichneten Camp-Imagefilms mit ihrer neuen Clique
zusammenwachsen lassen, lässt sich hinwegsehen. Obwohl die Gruppe um die
Protagonistin eher stereotypisch gezeichnet ist: Man schließt den Cast aus
neuen oder unerwarteten Gesichtern ziemlich problemlos ins Herz. Mit dem
Film als Gesamtwerk gelingt das nicht so leicht.
„Sunny Dancer“ gesteht den Jugendlichen zwar zu, mehr zu sein als Figuren
im Pflegehemd, die Mitleid wecken und Gesündere zu etwas mehr Dankbarkeit
inspirieren. Seinem Publikum gönnt er dagegen wenig Spielraum. Nahezu jede
Szene, die von der emotionalen Verfasstheit der Protagonist:innen
kündet, wird nach etwa fünf seligen Sekunden mit jener Kategorie Filmmusik
garniert, die noch den Affektärmsten beibringt: Obacht, jetzt wird’s
berührend! So wird ein weiterer Film eines besseren Scores beraubt, während
sich eine Falte zwischen Zuschaueraugen schiebt, die eben noch feucht
werden wollten.
Vielleicht hat der junge Regisseur Sorge um den ursprünglich unbefangenen
Umgang mit dem Thema bekommen? Das könnte auch erklären, warum eine
Geschichte, die sonst auf dramatisch inszenierte Schicksalsschläge
verzichtet, schließlich doch noch die Unglückskeule schwingt. Dabei haben
die befreienden Witze und schönen Momente gar nicht verschleiert, dass
schwere Erkrankungen das Leben in ein Davor und ein Danach teilen.
„Sunny Dancer“ berührt gerade dann, wenn sich zwei Mädchen nebenbei
erzählen, wie sie mit dem therapiebedingten Haarverlust umgegangen sind
oder das erste Mal so eilig herbeisehnen, weil sie fürchten, dass ihnen
nicht genug Zeit dafür bleibt. Muss das Schicksal also zwingend ein mieser
Verräter sein, damit eine emotionale Geschichte als gelungen gelten kann?
Ivy und die anderen im Camp hätten darauf wahrscheinlich eine Antwort.
12 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katharina Böhm
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