# taz.de -- Grüne in der Kommunalpolitik: Gegen die Gutsherrenart
> Seit 2019 ist Anna Kebschull die erste grüne Landrätin Deutschlands – im
> eigentlich konservativen Landkreis Osnabrück. Jetzt will sie
> wiedergewählt werden.
(IMG) Bild: Will weitermachen als Landrätin: die Osnabrücker Grüne Anna Kebschull
Als Anna Kebschull 2019 Landrätin des Landkreises Osnabrück wurde, war das
ein kleines Wunder. Mit 52,2 Prozent der Stimmen schlug sie CDU-Konkurrent
Michael Lübbersmann. Damit war sie die erste grüne Landrätin Deutschlands.
Eigentlich ist der Landkreis eine Hochburg der CDU. Seit 1949 hat sie alle
Landräte gestellt – sämtlich Männer. Kebschull, seit 2009 Grüne, hat diese
Dominanz erschüttert. Durch die Kommunal- und LandrätInnenwahl Mitte
September könnte sich das verstetigen: Kebschull tritt überparteilich an,
unterstützt durch die Kreistagsfraktion ihrer Partei. Die CDU stellt ihr
Thomas Spieker entgegen, ein betont wirtschaftsnaher Kandidat.
Wer Kebschull bittet, ihre Amtszeit zu bilanzieren, braucht viel Zuhörzeit
– da hat sie vom Ausbau der Breitbandversorgung auf 85 Prozent bis zur
Einwerbung von 350 Millionen Euro Fördermitteln für Zukunftsinvestitionen
viel zu berichten. Der Landkreis sei „Boomregion“ bei
Unternehmensneugründungen, die Steuereinnahmen seien seit 2019 dynamischer
als im niedersächsischen Vergleich. Es gebe mehr Kita-Plätze, mehr Flächen
für die Windkraft, mehr Digitalverwaltung. Und, und, und.
Am Beginn ihrer Amtszeit stand der Wunsch, für Transparenz zu sorgen.
„Früher wurde hier viel im Hinterzimmer geklärt“, sagt Kebschull der taz.
„Nicht alle wurden über alles informiert oder einige später als andere und
unvollständiger. Das hat auch uns Grüne betroffen. Insgesamt wurde viel
weniger diskutiert, auch in den Ausschüssen.“ Das sei heute anders: „Manche
finden das anstrengend. Aber so ist Demokratie nun mal. Aber es braucht
eine Vorbedingung dafür: die Bereitschaft aller, sach- und nicht
machtorientiert zu sein.“
## Landrätin beklagt Backlash
Die Grünen haben im Kreistag mit knapp 16 Prozent zwar keine starke
Hausmacht. Funktioniert hat es trotzdem: „Bei Einzelnen gab es Widerstände,
aber insgesamt hat der Kreistag ganz wunderbar gearbeitet!“, sagt
Kebschull. „Meine Ziele, für die ich gewählt wurde, sind umgesetzt oder auf
einem guten Weg. Wenn man zusammenarbeitet, ist viel möglich.“ Ein neuer
politischer Geist war geboren.
Und genau dieser neue Geist ist jetzt in Gefahr. „Seit ich meine erneute
Kandidatur angekündigt habe, gibt es einen massiven Backlash“, sagt die
Landrätin. „Da werden Vorgänge und Themen ausgebremst, um mir dann
anzukreiden, dass es zu langsam geht. Da wird Sperrfeuer geschossen, um
meine Wiederwahl zu verhindern. Und weil das über Sachargumente nicht geht,
wird skandalisiert, öffentlich diskreditiert.“
Teil der Gegenseite ist die AfD. Kebschulls Bilanz sei „verheerend“,
behauptet sie auf ihrer Website. Auch die CDU feuert gegen die Grüne. Sie
stellt in Frage, ob bei Kebschulls Social-Media-Kanälen zwischen
Amtsführung und Wahlkampf getrennt werde. Und sie behauptet, in Sachen der
Geschäftsführerbezüge der Kreismusikschule habe Kebschull eine „Affäre“ zu
verantworten. Kebschull ärgert das. „Da wird Unhaltbares in den Raum
gestellt und die Schritte zur Klärung werden verhindert.“ Die Strafanzeige
zur Kreismusikschule ist inzwischen von der Staatsanwaltschaft eingestellt
worden.
Für Kebschull, als Hoffnungsträgerin gehandelt, waren die letzten sieben
Jahre eine Bewährungsprobe: „Es galt, Verkrustungen aufzubrechen, neue
Themen zu priorisieren, eine Verwaltung mit über 1.000 Mitarbeitenden und
einen Kreistag Schritt für Schritt in die Moderne zu führen“, so Kebschull.
## Umweltverbände loben bessere Zusammenarbeit
„Auffällig war der neue Stil“, findet Matthias Schreiber vom Umweltforum
Osnabrücker Land. „Für Umweltverbände war auf einmal die Kreisspitze
erreichbar – in den 40 Jahren zuvor dagegen so gut wie nie. War
Moorrenaturierung vorher eher eine Privatangelegenheit des Nabu, bekam sie
nun großen Schwung – mit Rückendeckung aller Parteien übrigens.“ Unerwartet
kam, „dass sich ein neues, konstruktives Arbeitsverhältnis mit der
Landwirtschaft entwickelte“, so Schreiber. „Erwachsen sind daraus
Vereinbarungen zu Stallbauvorhaben, [1][profitiert hat der Moorschutz,] es
wurde ein gemeinsames Gewässerrandstreifenprogramm umgesetzt“.
Tobias Demircioglu vom Kreisverband des ökologisch orientierten
Verkehrsclub Deutschland blickt in Sachen nachhaltiger Mobilität eher
„verhalten“ auf Kebschulls Amtszeit. Der ÖPNV und das Radwegenetz seien
„lange vernachlässigt“ worden. Ein angeschobenes ÖPNV-Modellprojekt
verdiene indes Lob. Allerdings gehe noch mehr: „Im Rahmen des
Nahverkehrsplans von Stadt und Landkreis Osnabrück sind zwar
Reaktivierungen von Bahnstrecken und Haltepunkten als wünschenswert genannt
worden. Aber das schon seit mindestens 15 Jahren und passiert ist bislang
noch nicht viel“, sagt Demircioglu. „Hier hätten wir uns mehr Ehrgeiz und
verstärkten Druck bei der Landesnahverkehrsgesellschaft gewünscht.“
Mehr noch: „Dass sich Frau Kebschull für eine Direkt-Inlandsflugverbindung
vom Flughafen Münster/Osnabrück nach München eingesetzt hat, kritisieren
wir scharf“, so Demircioglu. „Mit dieser Initiative hat sie bei uns an
Pluspunkten verloren.“
„Mein Verständnis von Politik ist das Wir“, sagt Kebschull. Manchmal
verlangt das [2][Kompromisse zwischen Pragmatik und Ideal.]
17 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Landkreis-will-mehr-Energie-ernten/!6161343
(DIR) [2] /Gruene-ueber-ihren-Job-als-Landraetin/!5648821
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
## TAGS
(DIR) Osnabrück
(DIR) Grüne Niedersachsen
(DIR) Kommunalpolitik
(DIR) Umweltpolitik
(DIR) Moor
(DIR) Windkraft
(DIR) Protest
(DIR) Grüne Niedersachsen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Landkreis will mehr Energie ernten: Osnabrück dreht am Rad
Der Kreis Osnabrück will die Windenergienutzung massiv ausbauen. Das hat
viele Vorteile. Das Umweltforum sieht aber auch Probleme.
(DIR) Anti-Lärm-Demo mit Rasenmähern: Volle Dröhnung für die Landrätin
Lärmgegner*innen protestieren in Osnabrück gegen Motorräder, indem sie
mit Rasenmähern Krach machen. Genehmigt wurden nur 30 Minuten.
(DIR) Grüne über ihren Job als Landrätin: „Die Loyalität ist enorm“
Anna Kebschull ist die neue Landrätin im Landkreis Osnabrück – und damit in
Deutschland die erste Grüne in dieser Position.