# taz.de -- Psychisch Kranke in der Nachbarschaft: Allseitige Hilflosigkeit
       
       > In Melle bei Osnabrück fühlt sich die Nachbarschaft von einer psychisch
       > erkrankten Frau bedroht. Der Fall zeigt die Ohnmacht unseres
       > Hilfesystems.
       
 (IMG) Bild: Von Kameras erfasst: Die Situation in der Siedlungsstraße in Melle ist geprägt von gegenseitigem Misstrauen
       
       Die kleine Siedlungsstraße im niedersächsischen Melle wirkt friedlich. Aber
       wer genau hinsieht, bemerkt: Eine Bewohnerin wird ausgegrenzt.
       „Privatgelände. Betretungsverbot für …“ steht an einem Gartenschuppen, dazu
       ihr Name und eine schwarze erhobene Handfläche in einem roten Verbotskreis
       mit Schrägstrich. Nachbarn haben Kameras installiert, teils an hohen
       Masten, auch einen provisorischen Abwehrzaun, direkt an ihrem Grundstück.
       
       Die 57-Jährige*, die hier wohnt, leidet an paranoider Schizophrenie. Sie
       hat Wahnvorstellungen, war in Therapie, stand unter Medikation, war in
       Betreuung und mehrfach in der Psychiatrie. Nichts half. Seit 2022 eskaliert
       die Situation.
       
       Die Frau fühlt sich von ihren Nachbarn bedroht, reagiert konfrontativ,
       kontaktiert Mal um Mal die Polizei. Ihre Nachbarn tun dasselbe. Sie fühlt
       sich von Laserwaffen beschossen. Die Nachbarn berichten von zertrümmerten
       Autospiegeln, durch Steinwürfe beschädigte Solarpaneele, einem bedrohlich
       geschwungenen Hammer. Dass ihre Kameras das Haus der Kranken erfassen, auch
       öffentlichen Straßenraum, räumen sie ein, auch der Polizei ist das bekannt.
       Daten- und Persönlichkeitsschutzkonsequenzen hat das offenbar nicht.
       
       Der Sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises Osnabrück hat die Lage
       nicht entschärfen können. Die Angehörigen sind am Rande ihrer Kräfte. Es
       herrscht allseitige Hilflosigkeit.
       
       Vor dem Landgericht Osnabrück musste sich die psychisch erkrankte Frau
       jüngst wegen des Vorwurfs der Beleidigung, Sachbeschädigung und Bedrohung
       verantworten. Strafanzeige auf Strafanzeige hatten ihre Nachbarn erstattet,
       auch um „endlich Gehör zu finden“, wie eine von ihnen vor Gericht sagt.
       
       Sie sei die Angegriffene, nicht die Angreiferin, sagt wiederum die
       betroffene Frau vor Gericht. Ihre Nachbarn bezichtigt sie der Manipulation
       und „hammerharter Lügen“: „Wie ich von ihnen wahrgenommen werde, ist
       fehlgesteuert.“
       
       Der Prozess geht für sie gut aus. Der Gutachter stellt Schuldunfähigkeit
       fest. Das Gericht lehnt eine Zwangsunterbringung in der Psychiatrie ab.
       „Die Straftaten waren niedrigschwellig“, sagt Gerichtssprecher Christoph
       Willinghöfer der taz. „Und erhebliche sind für die Zukunft nicht zu
       erwarten.“ Kurz ist die Beschuldigte in Erzwingungshaft – sie hat einen
       Gerichtstermin versäumt.
       
       Anfang August hatte die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) Öl ins Feuer
       gegossen. In ihrem [1][Beitrag „Irgendwann wirst du mürbe“] gab sie den
       Nachbarn umfänglich Deutungshoheit, sprach von Terrorisierung.
       
       Der Artikel habe „leider dazu beigetragen, [2][Ängste und Vorurteile
       gegenüber psychisch erkrankten Menschen zu verstärken]“, schreibt eine
       Angehörige* der Kranken der taz. Betroffene bräuchten „keine Verurteilung,
       sondern Verständnis, Mitgefühl und verlässliche Unterstützung, die
       langfristig greift“.
       
       ## Keine Lösung für gesellschaftliche Hilflosigkeit
       
       „Die erkrankte Person ist nicht der Gegner“, schreibt sie. „Sie ist das
       eigentliche Opfer ihrer Krankheit.“ Schuldzuweisungen seien nicht
       hilfreich. Nur „Aufklärung, Menschlichkeit und der Wille, sowohl erkrankten
       Menschen als auch ihren Angehörigen echte Hilfe anzubieten“. Psychische
       Erkrankungen dürften kein Grund für Ausgrenzung sein. „Sie sind ein Grund,
       genauer hinzusehen, zuzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.“
       
       Beim Deutschen Presserat ist der NOZ-Text „in der Vorprüfung“, sagt Anna
       Ernst, die Sprecherin des Rats. Die NOZ hat ihn mittlerweile entschärft.
       
       Der Sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises Osnabrück schweigt zum
       Geschehen in Melle. Auch die Polizei hält sich bedeckt: „Wir nehmen die
       Situation sehr ernst“, schreibt Jannis Gervelmeyer, Sprecher der
       Polizeiinspektion Osnabrück, „und sind seit Jahren regelmäßig mit der Frau
       und den damit verbundenen Vorfällen befasst“. Man habe „zahlreiche
       Maßnahmen ergriffen und weitere zuständige Stellen eingebunden“. Geholfen
       hat das offenbar nicht.
       
       Sozialpädagoge Herbert Knappe, [3][Autor des Buches „Gewalt von und an
       psychisch Kranken. Wege aus einem Dilemma der Psychiatrie“], kennt
       Situationen wie diese gut: „Für diese gesellschaftliche Hilflosigkeit gibt
       es derzeit keine Lösung“, sagt er. „[4][Da herrscht ein gewaltiges
       Vakuum].“
       
       „Ein kleiner Teil psychisch Kranker überschreitet oft rote Linien, ohne
       dass dies für sie spürbare Folgen nach sich zieht“, sagt Knappe. „Und
       danach eskaliert es öfter. Wir brauchen eine Institution, die frühzeitig
       Einfluss auf das Geschehen nehmen kann, bevor es sich verschärft, in
       Zeitfenstern, in denen die PatientInnen zugänglich sind.“
       
       Knappe schlägt dafür eine „Task Force“ vor, fallbezogen zusammengesetzt,
       vom sozialpsychiatrischen Dienst bis zum Psychiater, auch unter punktueller
       Einbeziehung der Polizei. „Das muss allparteilich angelegt sein, da müssen
       alle Betroffenen Gehör finden, sonst funktioniert das nicht“, sagt er.
       [5][Unser Betreuungs- und Hilfesystem seien anlassbezogen und reaktiv]. Die
       Möglichkeit, proaktiv zu handeln, sei in diesem Handlungskonzept nicht
       vorgesehen. „Das führt zu verfahrenen Situationen, die oft in einen
       Teufelskreis münden.“
       
       Dass die moderne Psychiatrie und Psychotherapie stark auf Freiwilligkeit
       setzt, auf so viel Hilfe wie nötig, so wenig Zwang wie möglich, ist eine
       Reaktion auf die Verbrechen der NS-Zeit, in der Menschen mit psychischen
       Erkrankungen und geistigen Behinderungen verfolgt und ermordet wurden,
       [6][nicht zuletzt im „Euthanasie“-Programm „T4“].
       
       ## Öffentliche Aufmerksamkeit wirkt stigmatisierend
       
       „Da besonders zurückhaltend zu sein, war lange richtig und wichtig“, sagt
       Knappe. „Aber jetzt haben wir eine andere Zeit. Wir müssen sicherstellen,
       dass die körperliche und seelische Unversehrtheit des Umfelds psychisch
       Kranker ebenso gewahrt bleibt wie das Recht des Kranken auf adäquate
       Behandlung.“ Wenn Gewalttaten von psychisch Kranken zu Offizialdelikten
       werden und die Strafverfolgungsbehörden auf den Plan treten, sei das ein
       Zeichen, „dass im Vorfeld kein passendes Instrumentarium vorhanden war, um
       die Eskalationsspirale zu durchbrechen“.
       
       Die Folgen sind Strafverfahren und [7][Zwangsunterbringung in der
       forensischen Psychiatrie]. Knappe sagt, die öffentliche Aufmerksamkeit, die
       solche Prozesse erhalten, wirkten stets ein Stück stigmatisierend und
       diskriminierend, da diese Einzelfälle tendenziell auf alle psychisch
       kranken Menschen übertragen würden.
       
       Nach dem Landgericht befasst sich jetzt das Amtsgericht Osnabrück mit der
       57-Jährigen, in einem Betreuungsverfahren, initiiert durch den
       Sozialpsychiatrischen Dienst. Der Ausgang ist offen, die Kranke lehnt eine
       Betreuung ab. „Derzeit steht sie unter vorläufiger Betreuung“, sagt Damaris
       Fleige, die Sprecherin des Gerichts.
       
       Es ist also alles beim Alten. Geklärt ist nichts.
       
       * Name der Redaktion bekannt
       
       6 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.noz.de/lokales/melle/artikel/psychisch-kranke-frau-terrorisiert-nachbarn-in-melle-ich-hoere-sie-im-urlaub-50947464
 (DIR) [2] /Gewalt-und-psychische-Krankheiten/!6093945
 (DIR) [3] https://www.mabuse-verlag.de/mabuse/mabuse-buchversand/gewalt-von-und-an-psychisch-kranken-psychiatrie_pid_173_66179.html
 (DIR) [4] /Psychologe-ueber-Hamburger-Messerangriff/!6090880
 (DIR) [5] /Urteil-zur-Behandlung-psychisch-Kranker/!6052192
 (DIR) [6] /Historiker-ueber-Euthanasie-Verbrecher/!5515166
 (DIR) [7] /Krise-im-Massregelvollzug/!6159716
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harff-Peter Schönherr
       
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