# taz.de -- Migrantische Selbstorganisation: Das Megafon selbst in die Hand nehmen
> In linken Aktionsbündnissen sind Geflüchtete unterrepäsentiert. Woran das
> liegt und wie das Netzwerk We’llcome United das ändern will.
(IMG) Bild: Da geht zusammen, was zusammen steht: We´llcome United begleitet auf der Protestaktion gegen den AfD-Parteitag in Erfurt
Es ist ein kalter Julimorgen, als Mohamed Muridi sich gemeinsam mit den
Aktivist*innen von We’llcome United auf den Weg zur Demo in Erfurt
macht. Es ist halb sechs, zum Frühstück gab es nur schnell einen Apfel, die
meisten haben nur wenige Stunden geschlafen. Trotzdem ist die Stimmung
kämpferisch. Für einige ist es die erste Demo ihres Lebens.
Für Muridi, der vor sechs Jahren aus Somalia nach Deutschland geflüchtet
ist, ist es nicht seine erste Demo. Er engagiert sich in Würzburg, wo er
lebt, bei unterschiedlichen Gruppen und hat bereits einige
Protesterfahrungen gesammelt. Am Samstagmorgen ist er dennoch sehr
gespannt, denn auf so einer großen Demo war er bisher noch nicht. Es ist
[1][die versuchte Blockade gegen den AfD-Bundesparteitag, die am Ende
scheitern wird,] aber rund 50.000 Menschen zum weitgehend friedlichen
Protest gegen die Rechtspopulisten auf die Straßen treiben wird.
Einige Wochen vor der Demonstration in Erfurt war sich Muridi noch nicht
sicher, ob er überhaupt teilnehmen würde. Gegen die AfD auf die Straße zu
gehen, hält er für wichtig. Gleichzeitig fürchtet er, dass politischer
Protest Folgen für sein Asylverfahren haben könnte. „Es besteht diese
Angst, dass ich abgeschoben werde, wenn ich zu laut bin“, sagt er.
## Die Angst bestimmt die Protestform
Diese Angst bestimmt auch, welche Formen des Protests für ihn infrage
kommen. Während Aktivist*innen des Bündnisses Widersetzen versuchen,
den AfD-Parteitag mit Blockaden zu stören, mobilisiert We’llcome United
gemeinsam mit Widersetzen-Aktivist*innen zu einem antirassistischen Block
auf einer angemeldeten Demonstration. Denn das Risiko, wegen einer Blockade
ein Strafverfahren zu bekommen, trifft nicht alle Aktivist*innen
gleich. Für Menschen mit ungesichertem Aufenthaltsstatus können
strafrechtliche Konsequenzen Auswirkungen auf ihren Aufenthalt haben.
Zu Straftatvorwürfen kann es bei Aktionen wie in Erfurt zum Beispiel dann
kommen, wenn Polizeiketten durchbrochen werden. Dann kann es vor Gericht
unter anderem um Landfriedensbruch, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte
oder einem tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte gehen.
Eine Verurteilung zu mehr als 90 Tagessätzen verhindert die Einbürgerung.
Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Strafmaß ist zwar eher gering, aber
auch niedrigere Strafen können Auswirkungen haben, denn mehrere
Verurteilungen zu Geld- oder Freiheitsstrafen werden zusammengezählt.
Muridi entscheidet sich für die Teilnahme am antirassistischen Block.
Jemand drückt ihm ein Megafon in die Hand. Von da an rufen die beiden
gemeinsam ihre Parolen durch die Straßen von Erfurt.
In Somalia, erzählt Muridi, hätte er sich nicht vorstellen können, auf
einer Demonstration ein Megafon in die Hand zu nehmen. Heute gehört
politisches Engagement zu seinem Alltag. Er beteiligt sich an
unterschiedlichen Gruppen und bringt sich in die Plena von We’llcome United
in Wiesbaden ein. Die Angst, mit seiner politischen Arbeit den eigenen
Aufenthalt zu gefährden, kennt er trotzdem – auch von anderen Geflüchteten.
Zugleich, sagt Muridi, habe er durch sein Engagement Freund*innen
gefunden und erfahren, dass er selbst etwas verändern könne. Es sei das
Positive, das er einem Leben in Deutschland abgewinnen könne, das er
ansonsten als deutlich ablehnender erlebt habe, als er es sich vor seiner
Ankunft vorgestellt hat.
We’llcome United will Geflüchteten wie Muridi genau diese Erfahrung der
Selbstermächtigung ermöglichen. Bekannt geworden ist das Netzwerk vor allem
durch große antirassistische Paraden: In den Jahren 2017 bis 2019
mobilisierte das Netzwerk dafür insgesamt Zehntausende Menschen, 2025 griff
es die Aktionsform zum [2][Abschluss einer Karawane für Bewegungsfreiheit]
wieder auf.
Der politische Alltag von We’llcome United sieht meist unspektakulärer aus
als auf einer Großdemonstration. An einem verregneten Mittwoch Anfang Juli
stehen einige Aktivist*innen vor einer Erstaufnahmeeinrichtung in
Leipzig. Sie haben einen kleinen Stand aufgebaut. Viel los ist an diesem
Tag nicht. Nach einem außergewöhnlich heißen Wochenende ist der öffentliche
Nahverkehr teilweise ausgefallen.
Manche Bewohner*innen gehen an dem Stand vorbei, ohne stehenzubleiben.
Andere beginnen ein Gespräch, erzählen von ihrer Situation oder fragen nach
Unterstützung. Einige kennen die Aktivist*innen bereits von früheren
Besuchen. Sie bleiben länger, begrüßen Bekannte und versuchen, weitere
Bewohner*innen der Unterkunft dazu zu bewegen, nach draußen zu kommen.
Etwa alle zwei Wochen besucht die Leipziger Ortsgruppe eine der
Unterkünfte. We’llcome United nennt diese Besuche „Camp Actions“. Die
Aktivist*innen vermitteln Beratungsangebote, etwa zu Fragen des
Aufenthaltsrechts, und versuchen, über die regelmäßigen Besuche Beziehungen
aufzubauen. Dabei geht es ihnen nicht nur darum, Unterstützung anzubieten.
Sie wollen Bewohner*innen dafür gewinnen, sich selbst politisch
einzubringen.
## Politische Arbeit – keine Sozialarbeit
Doro Köhler, die We’llcome United 2016 mitgegründet hat, legt Wert auf
diese Unterscheidung. Beratungen zum Bleiberecht, Unterstützung bei
Kirchenasyl oder Besuche in Abschiebegefängnissen will sie nicht als
Sozialarbeit verstanden wissen. Der Anspruch sei, gemeinsam politisch zu
handeln.
Auch für Muridi begann der Weg in den Aktivismus mit einer solchen
Einladung. In der Gemeinschaftsunterkunft, in der er damals lebte,
entdeckte er eines Tages ein Plakat an seiner Zimmertür. Darauf wurde zu
einem Workshop über Abschiebungen eingeladen – und darüber, wie Betroffene
sich dagegen wehren können. Muridi ging hin. Dort lernte er Menschen
kennen, aus Kontakten wurden Freundschaften, über sie kam er zu weiteren
politischen Gruppen.
Doch eingeladen zu werden, bedeutete für ihn noch lange nicht, überall auch
als gleichberechtigter Mitstreiter wahrgenommen zu werden. In einigen
Gruppen, erzählt Muridi, sei er vor allem „der Geflüchtete“ geblieben. Zum
World Refugee Day habe man ihn etwa gebeten, eine Rede zu halten. In die
alltägliche Arbeit und die Strukturen der Gruppen sei er dagegen kaum
einbezogen worden.
„Die Menschen trauen uns die Aufgaben nicht zu, oder sind überfordert
damit, dass sie uns Abläufe erklären müssen“, sagt Muridi. Dahinter müsse
nicht immer eine schlechte Absicht stehen. Das Ergebnis sei trotzdem, dass
Geflüchtete zwar gehört würden, aber nicht unbedingt mitentscheiden
könnten. „Es ist aber wichtig, dass Aktivist*innen, die zum Thema Rassismus
arbeiten, nicht nur Geflüchteten zuhören, sondern ihnen die Möglichkeit
geben, aktiv teilzunehmen.“ Damit berührt Muridi eine Frage, die auch
We’llcome United selbst betrifft: Wie lässt sich aus Unterstützung
tatsächlich gemeinsame politische Arbeit machen?
## Die Frage nach der Augenhöhe
Bei einem bundesweiten Treffen von We’llcome United in Frankfurt wird die
Frage nach Augenhöhe auch innerhalb des Netzwerks diskutiert. Neben Muridi
berichten weitere Menschen mit Migrationsgeschichte davon, dass sie in
politischen Kreisen häufig vor allem als Geflüchtete oder Migrant*innen
wahrgenommen werden – und weniger als Mitstreiter*innen oder
Freund*innen.
Muridi richtet sich dabei auch an die weißen Aktivist*innen im Raum:
„Wenn ihr mit Geflüchteten in Kontakt tretet, dann begegnet ihnen als
Menschen, als Freundinnen, als Nachbar*innen und nicht nur als
Geflüchtete.“ Geflüchtete hätten oft weniger Ressourcen, sich zu engagieren
– neben den Herausforderungen, die ihr Alltag sonst noch bereithält.
Darüber sei es wichtig, zu reden, sagt Muridi.
Doro Köhler beschäftigt diese Frage auch mit Blick auf ihre eigene Position
im Netzwerk. Sie hat We’llcome United 2016 mitgegründet und setzt sich seit
Jahrzehnten für Bewegungsfreiheit ein. Als weiße Person ohne eigene
Migrationsgeschichte verfügt sie über andere Zugänge und Möglichkeiten als
viele ihrer Mitstreiter*innen. Dieser strukturellen Ungleichheit sei sie
sich bewusst, sagt sie, und sie müsse in der gemeinsamen politischen Arbeit
berücksichtigt werden.
Ihr eigenes Engagement versteht Köhler dabei nicht als Unterstützung für
einen Kampf, der sie selbst nichts angeht. „Niemand ist frei, solange nicht
alle frei sind. Deshalb kämpfe ich für Veränderung und suche mir dafür all
diejenigen als Bündnispartner*innen, die das auch wollen.“
## Im Widerstand begegnen
Für Köhler folgt daraus auch eine bestimmte Vorstellung davon, wie Menschen
innerhalb von We’llcome United miteinander arbeiten sollen. „Wir begegnen
uns hier sehr persönlich im Widerstand gegen rassistische Gesetze und als
Freund*innen und nicht in der Rollenverteilung als Unterstützende und
Geflüchtete.“
Wie die Gruppe versucht, diesen Anspruch im politischen Alltag umzusetzen,
zeigt sich auch im Plenum der Leipziger Ortsgruppe. Damit jede Person in
der Sprache sprechen kann, in der sie sich am wohlsten fühlt, gibt es
Übersetzer*innen. Am Ende des Plenums steht außerdem eine sogenannte
Direct-Support-Runde. Dort wird gefragt, ob jemand aktuell Unterstützung
braucht – etwa bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen oder bei der Suche
nach einem Sprachkurs.
Ähnliche Erfahrungen wie Muridi hat auch Muro Akbaba gemacht. Der 1987 in
Darmstadt geborene Sohn türkischer Gastarbeiter*innen kam schon früh
mit politischem Engagement in Berührung: zunächst im alevitischen
Kulturverein seiner Eltern, später in der linken Szene. Dort ist er mit
Unterbrechungen seit seiner Jugend aktiv, heute bezeichnet er sich als
Vollzeitaktivist. Besonders wichtig ist ihm die Vernetzung
unterschiedlicher politischer Gruppen. Über die Jahre hat er dadurch
Einblick in viele aktivistische Zusammenhänge gewonnen.
In diesen Gruppen hat Akbaba häufig erlebt, was es bedeutet, die einzige
Person mit Migrationsgeschichte zu sein. Auch in linken und
antirassistischen Netzwerken sei es nicht selbstverständlich, sich mit
rassistischen Strukturen in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen. „Wir
wurden alle in einem System sozialisiert, das von rassistischen Strukturen
geprägt ist. Hiermit braucht es eine aktive und selbstkritische
Auseinandersetzung“, sagt er.
## Der Rassismus in den eigenen Reihen
Solche Reflexionsprozesse anzustoßen, sei allerdings nicht immer leicht.
Gerade in politischen Gruppen, die sich selbst als antirassistisch oder
antisexistisch verstehen, bestehe teilweise die Überzeugung, dass es
Rassismus oder Sexismus in den eigenen Strukturen nicht geben könne. „Wenn
ich dann Situationen anspreche, wurde mir nachgesagt, die Dinge zu
persönlich zu nehmen. Es sind aber strukturelle Probleme und selbst wenn
ich es persönlich nehmen würde, sollte dafür Raum sein.“
Diese Auseinandersetzungen zu führen, sei mühsam, berge aber auch großes
Potenzial, sagt Akbaba. Bei We’llcome United erlebe er zumindest die
Ambition, Menschen mit Migrationsgeschichte direkt mitwirken zu lassen und
sie „nicht als Rohstoff für die eigene Sache zu behandeln“.
Trotzdem halten Muridi und Akbaba es zugleich für wichtig, dass es auch
Räume gibt, wo Menschen mit Migrationsgeschichte unter sich sind. Für
Akbaba geht es dabei vor allem darum, nicht erst um Teilhabe an bereits
bestehenden Strukturen kämpfen zu müssen, sondern selbst über diese
Strukturen bestimmen zu können. „Dabei geht es gar nicht um Migras gegen
Weiße oder so“, sagt er, „sondern es geht darum, dass wir einen Raum haben,
in dem wir zu 100 Prozent die Entscheidungsmacht haben und es geht darum,
einen Safer Space zu schaffen.“
## „Mein Aktivismus ist ein anderer“
Aus dieser Motivation heraus hat er im August 2025 die Gruppe Migra4Migra
in Darmstadt mitgegründet. Die unterschiedlichen politischen Räume –
selbstorganisierte und gemeinsame – seien für ihn dabei kein Widerspruch.
Die Lebensrealitäten von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte seien
schlicht unterschiedlich. „Mein Aktivismus wird deshalb immer ein anderer
sein!“
Wie schwierig es sein kann, unterschiedliche politische Perspektiven in
einem gemeinsamen Bündnis zusammenzubringen, erlebt auch We’llcome United.
Bei der Nachbesprechung der Anti-AfD-Proteste in Erfurt am folgenden Tag
ist die Stimmung unter den Aktivist*innen überwiegend positiv.
Gleichzeitig kritisiert die Gruppe in einem Statement gegenüber der taz,
dass sie teilweise um ihren Raum kämpfen musste.
So wurde dem antirassistischen Block ein eigener Lautsprecherwagen auf der
Demonstration versagt. Nach Angaben von We’llcome United befürchteten die
Veranstalter*innen Redebeiträge mit Palästina-Bezug. Die Gruppe
kritisiert, dass der antirassistische Block damit unter Generalverdacht
gestellt und der Platz für unterschiedliche Perspektiven eingeschränkt
worden sei. Die Situation in Gaza sei ein Thema, das gerade auch viele
Menschen mit Migrationsgeschichte bewege. In einer Zusammenarbeit mit
diesen Gruppen könne es deshalb nicht kategorisch ausgeklammert werden.
Auch, dass Parteien mitliefen bei der Blockade, sorgte bei einigen
Aktivist*innen von We’llcome United für Unbehagen. Die Jusos führten
eine der Demonstrationen mit Parteifahnen an, auf einer Kundgebung sprachen
unter anderem Umweltminister Carsten Schneider von der SPD, der ehemalige
Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken und die ehemalige
Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckardt von den Grünen.
„Es war für mich widersprüchlich, Parteien hier präsent zu sehen, die auf
Bundesebene für eine politische Linie stehen, die zu meiner Abschiebung
führen könnte“, sagt Mohamed Muridi. Für ihn zeigt sich darin erneut, dass
der gemeinsame Protest gegen die AfD nicht bedeutet, dass alle Beteiligten
dieselben politischen Interessen verfolgen oder Erfahrungen teilen.
## Ermutigendes Signal
Trotz dieser Konflikte überwiegt für Muridi wie für die anderen
Aktivist*innen von We’llcome United das Positive. Es sei ermutigend
gewesen, so viele Menschen im Protest gegen die AfD zu erleben. Muridi
erinnert sich vor allem an einen Moment: Als der antirassistische Block am
Gothaer Platz an einer Blockade von Widersetzen vorbeizieht, bilden die
Aktivist*innen in den gelben Westen ein Spalier. Der Block läuft
hindurch, begleitet von lautem Applaus. „Hoch die internationale
Solidarität“, rufen die Demonstrierenden.
Für Akbaba, der selbst nicht mit nach Erfurt gekommen ist, entscheidet sich
die Bedeutung solcher Aktionen auch daran, was danach passiert. Es komme
nicht von ungefähr, dass [3][die AfD inzwischen in Umfragen die stärkste
Kraft in Deutschland sei]. „Deshalb müssen wir lokal in unserer
Nachbarschaft aktiv werden.“ Akbaba meint damit zum Beispiel Bildungsarbeit
mit Jugendlichen in den Schulen, Sprachcafés als niedrigschwellige
Treffpunkte für Geflüchtete. Demos wie gegen die AfD in Erfurt seien
wichtig. Nur könne man sich nicht, sagt er, auf ihnen ausruhen.
24 Aug 2026
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