# taz.de -- Antiabtreibungsparade am Jungfernstieg: Mit Blasmusik gegen Selbstbestimmung
> Katholische Rechtsextreme demonstrieren in Hamburg gegen
> Schwangerschaftsabbruch. Und bekommen es mit jungen Frauen zu tun.
(IMG) Bild: Abtreibungsgegner der TFP in München; dieses Jahr liefen sie außer in Hamburg auch in Bremen und Göttingen auf
Ein sonniger Freitagnachmittag am Jungfernstieg in Hamburg.
Spaziergänger:innen flanieren zwischen Baustellen über die breiten
Bürgersteige der Alsterpromenade. So weit, so normal. Doch etwas
irritiert:. Ein gutes Dutzend junge und zwei ältere Männer in Uniform
stehen auf beiden Seiten des Jungfernstiegs. Über ihren grauen Uniformen
tragen sie rote Schärpen.
Zur Binnenalster hin halten drei ein Banner, etwas weiter blasen fünf von
ihnen einen ohrenbetäubenden Marsch mit Dudelsack und Posaune durch die
Hamburger Feierabendluft. Unterstützt werden sie von zwei Trommlern, die
ihre Instrumente um den Bauch gehängt haben.
An den Standarten, die die jungen Männer am 14. August in den Himmel halten
wehen rote Stoffbanner im Wind. Das Wappen mit einem Löwen und die
geschwungenen Linien der Aufschrift erinnern an Richard Löwenherz.
„Tradition, Familie, Privateigentum“ steht da.
Die jungen Männer sind Mitglieder der ultrakatholischen, [1][aus Brasilien
kommenden Organisation TFP]. Ursprünglich aus Ablehnung der Bodenreform in
Brasilien entstanden, wurde sie eine Stütze der dortigen Militärdiktatur.
Heute ist sie international aufgestellt, verfügt über viel Geld und ist mit
Rechtsextremen vernetzt, auch zur AfD gibt es Verbindungen. [2][Russland
steht im Verdacht] sie zu finanzieren.
## Beten und Handeln
Ihr größter Feind: das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Darum seien sie
auch heute in Hamburg, erklärt ihr Pressesprecher, auch er in Uniform. Hier
auf der anderen Seite der Straße verteilen TFP-Aktivisten Flyer an
Passant:innen. „Beten und Handeln, um die Sünde der Abtreibung zu stoppen“
steht darauf.
Eine Person, die stehen bleibt, ist Nins, 28 und nichtbinär. „Peinlich“
findet Nins den Aufzug. Aber Nins ist auch wütend und versucht spontan über
Instagram Gegenprotest zu mobilisieren. „Vielleicht haben ein paar von euch
Bock, mich zu unterstützen und ein bisschen Lärm zu machen“, schreibt Nins.
Ein älterer Herr mit Strohhut im Rollstuhl und ein Tourist aus Stuttgart
mit modischem Antifa-Shirt bleiben stehen und kommen ins Gespräch. Ob
Frauen auch zum Privateigentum gehören, fragt der eine, der andere, dem die
taz zu links und Helmut Schmidt gerade recht ist, macht sich Sorgen wegen
der Erfolge der AfD und erzählt von der Pistole seines Onkels im
Bankschließfach, mit der er sein verfassungsmäßiges Widerstandsrecht
ausüben will.
Doch nicht alle empören sich über die uniformierten Aktivisten. Ein junger
Mann Anfang zwanzig gibt einem der Aktivisten im Vorbeigehen einen
Handschlag. Er sei Christ und gegen Abtreibung. Ein junges Pärchen geht
vorbei, er schaut interessiert, ein kurzer Wortwechsel zwischen den
Männern. Seine Freundin habe selbst abgetrieben, erzählt er, aber es sei
gut, wenn nicht alles erlaubt sei. Die Freundin lächelt gequält und geht
schnell weiter.
## Diskutiert wird auf Englisch
Es sind vor allem junge Frauen, die stehen bleiben. Eine Dreiergruppe
diskutiert besonders lange mit einem in Uniform, der ungefähr so alt sein
dürfte wie sie: eine ist 18, zwei 17. Diskutiert wird auf Englisch, es
fällt immer wieder das Wort „proof“, „Beweis“.
Nach der Diskussion sind die Gesichter der jungen Frauen gerötet. „Sie
verstehen nicht mal, dass es gegen unsere Rechte geht!“, sagt eine.
„Abtreibung ist das einzige Recht, dass nur Frauen betrifft“, eine andere.
„Es ist einfach der Beweis, dass Männer und Frauen nicht gleichberechtigt
sind.“ Ihre Stimme zittert vor Wut. „Warum seid ihr in Hamburg, geht mal
weg!“, ruft sie in Richtung der Uniformierten.
Die Formation auf der anderen Straßenseite setzt sich in Bewegung, die
Trommeln werden lauter. Nins taucht wieder auf, stellt sich allein vor die
pustenden und marschierenden Männer und hält sich die Ohren zu. „Es war ein
bisschen scary“, erzählt Nins danach. Die Männer hätten mit Polizei und
Verhaftung gedroht.
Kurz darauf ist alles vorbei, die Aktivisten sind verschwunden. Zwei junge
Frauen gratulieren Nins zur Aktion. Ob die TFP-Aktivisten Freundinnen
haben, fragt sich die eine: „Ich hoffe nicht.“
22 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Valentin Endraß
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