# taz.de -- Israel zerstört Dörfer im Libanon: Die Toten finden keine Ruhe
       
       > In rund 60 besetzen Grenzdörfern in Südlibanon hat Israels Armee auch
       > Friedhöfe zerstört. Dabei sind Grabstätten völkerrechtlich besonders
       > geschützt.
       
 (IMG) Bild: Zerstörter Friedhof in Khiam. Für schiitische Muslime sind Gräber nicht bloß Ruhestätten. Sie verleihen Orten Bedeutung
       
       Die Eltern von Tarek Mazraani liegen auf dem Friedhof in Hula im Süden
       [1][Libanons]. Oder: lagen begraben? Der Sohn weiß nicht, ob die Gräber
       noch existieren. Hula liegt an der Grenze zu Israel. Das Dorf ist seit fast
       drei Jahren [2][von der israelischen Armee besetzt], so wie 59 andere
       Dörfer in Südlibanon. Mazraanis Haus ist zerstört, die Straße dorthin
       ebenfalls. „Kein Stein steht mehr auf dem anderen“, sagt der Ingenieur der
       taz am Telefon. Selbst den Friedhof kann er nicht besuchen.
       
       „Israel hat viele Friedhöfe angegriffen. Die meisten wurden bombardiert,
       Gräber ausgegraben und geschändet. In vielen der besetzen Dörfer gibt es
       überhaupt keine Friedhöfe mehr“, erzählt Mazraani. Er hat eine
       Bürgerinitiative gegründet. Sie fordern von Libanons Regierung,
       zurückkehren zu können, Hilfe beim Wiederaufbau und den Stopp der Gespräche
       mit Israel – bis die Zerstörung wirklich aufhört. Wann sie wirklich
       zurückkönnen, wissen die über 360.000 Kriegsvertriebenen nicht.
       
       Mazraani schickt Fotos der Grabsteine: Ein weißer für seine Mutter und ein
       schwarzer für seinen Vater; „Ruhevolle Seele, kehre zu deinem Herrn
       zurück“, steht darauf. „Wir haben sie regelmäßig besucht“, sagt er,
       „besonders an Feiertagen.“ Am Grab rezitierte Mazraani die Sure Al-Fatiha,
       um der Verstorbenen zu gedenken. Seine Kinder habe er damals mitgenommen,
       damit sie sich an ihre Großeltern erinnerten. „Unter Schiiten ist es
       Tradition, Gräber zu besuchen.“
       
       Laut Tarek Mazraani ist die Zerstörung systematisch. „Neben Denkmälern und
       Statuen werden auch öffentliche Plätze verwüstet, Wahrzeichen, Straßen,
       Symbole. Sogar uralte Bäume werden gefällt und gestohlen“, erzählt er. „Als
       ob es einen Plan gäbe, die Erinnerung auszulöschen, jede Verbindung zum
       Land und zur Geschichte zu kappen.“
       
       ## Die Erinnerung auslöschen
       
       Hussein Chaabane dokumentiert die Zerstörung. Er arbeitet bei der
       libanesischen Organisation Legal Agenda und spricht von israelischen
       Kriegsverbrechen. Das zeige sich anhand des ersten Dorfes, das 2024
       gesprengt und völlig zerstört wurde: Mhaibib.
       
       Israels Armee behauptete damals, sie habe nicht das Dorf selbst gesprengt,
       sondern einen Tunnel darunter. Chaabane hat Videos der israelischen Armee
       analysiert und das Dorf während eines Waffenstillstands im November 2024
       selbst besucht. „Unsere Untersuchung konnte zweifelsfrei belegen, dass die
       Häuser selbst gesprengt wurden. Wäre ein Tunnel darunter gesprengt worden,
       wäre das gesamte Haus mit Fundament eingestürzt.“
       
       In diesem Dorf stellte Chaabanes Team auch fest, dass die Friedhöfe dem
       Erdboden gleichgemacht wurden. „Die Gräber wurden vollständig mit
       Bulldozern eingeebnet.“ Das entwickelte sich zu einem Muster, sagt
       Chaabane. „32 Dörfer sind mittlerweile vollständig zerstört.“
       
       Israels ultrarechte Regierung behauptet, sie wolle in der Region eine
       Pufferzone einrichten, um Nordisrael vor Angriffen der Hisbollah zu
       schützen. Mittlerweile spricht Verteidigungsminister Israel Katz
       ausdrücklich von einer Politik der Zerstörung ganzer Dörfer. Aus Chaabanes
       Sicht geht es um die dauerhafte Vertreibung der Bevölkerung: Die
       vollständige Zerstörung von Friedhöfen spiele dabei „eine entscheidende
       Rolle“, sie ermögliche ethnische Säuberung. „Für Schiiten sind Gräber nicht
       bloß Ruhestätten der Verstorbenen“, erklärt er. „Sie sind davon überzeugt,
       dass die Toten sie hören und nicht gänzlich verschwunden sind.“
       
       Wenn Israels Armee die Friedhöfe vernichtet, tilgt sie nicht nur die Toten
       aus, sondern auch die Bedeutung des Ortes für die Lebenden, sagt Chaabane.
       „Sie sehen in den Gräbern ihre Wurzeln, die Ruhestätte ihrer Liebsten, ein
       Zeugnis ihres Daseins im Dorf. Es ist eine Verbindung zu den Generationen,
       die vor ihnen dort gelebt haben.“
       
       ## Keine rechtliche Handhabe
       
       Aufgrund ihrer religiösen und kulturellen Bedeutung sind Gräber
       völkerrechtlich besonders geschützt. Tarek Chabaane hofft, das
       Beweismaterial des israelischen Vorgehens in der Region vor Gericht bringen
       zu können. Doch Libanon ist kein Mitglied des Internationalen
       Strafgerichtshofs. Dieser hat deshalb keine Erlaubnis, Kriegsverbrechen in
       dem Land zu untersuchen. Hinzu kommt: Libanons Regierung hat im Abkommen
       mit Israel unterschrieben, auf Strafverfolgung zu verzichten.
       
       Während Libanons Regierung noch mit Israel verhandelt, [3][verwüsten
       israelische Truppen weiter die Dörfer]. Täglich gibt es Berichte über
       Sprengungen, Demolierungen und Feuer. In dem Grenzdorf Yaroun hat Israels
       Armee diesen Monat ganze Olivenhaine verbrannt. „Es scheint, als sei nichts
       mehr von unseren Olivenbäumen übrig“, sagt Bürgermeister Adib Ajaka der
       taz.
       
       Selbst der Bürgermeister weiß nur durch Satellitenbilder, wie es um das
       Dorf bestellt ist. „Soweit wir wissen, ist unser Dorf völlig zerstört.“ In
       Yaroun wohnten schiitische Muslime und katholische Christen. Es gab zwei
       Moscheen und eine Kirche. Zwischen Dezember 2024 und Ende Februar 2025
       besetzte die israelische Armee das Dorf zum ersten Mal. „Damals hat das
       israelische Militär die Kirche zerstört, auch die Moscheen und das
       Gemeindehaus. Sie haben sogar unseren Eichenwald vernichtet. Und
       jahrhundertealte Häuser sowie Friedhöfe beschädigt“, sagt er.
       
       Am 2. März dieses Jahres hat Israels Armee Yaroun erneut besetzt. Fotos und
       Satellitenbildern zufolge wurden ein Kloster und eine von Nonnen geführte
       Schule mit einer Planierraube zerstört. Seitdem wartet Adib Ajaka
       sehnsüchtig auf die Möglichkeit zurückzukehren. Selbst wenn sein Haus, ein
       weiteres Haus seiner Familie und der Garten mit seinem geliebten
       Zitronenbaum nicht mehr stehen. Ajaka möchte alles wieder aufbauen, so
       schnell wie es geht.
       
       Das will auch Tarek Mazraani. Er erzählt, dass nicht nur die Lebenden
       zurück in die Dörfer möchten. Auch die Toten würden darauf warten.
       „Diejenigen, die jetzt sterben, werden auf sogenannten provisorischen
       Friedhöfen beigesetzt.“ Sie würden dort nur vorübergehend begraben. „Falls
       wir jemals zurückkehren können, müssen wir das Grab ausheben, den Leichnam
       bergen und ihn in unserem Dorf wieder beerdigen.“
       
       Die gesamte Situation sei qualvoll, sagt Mazraani. Viele Menschen sehnten
       sich nach ihrem Land und danach, ihre Angehörigen dort zu bestatten. „Viele
       sterben an gebrochenem Herzen, weil sie von ihrer Heimat getrennt wurden.“
       
       22 Aug 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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