# taz.de -- Lieferketten und Nachhaltigkeit: Zölle können ein Stresstest sein
       
       > Die US-Zollpolitik setzt die Weltwirtschaft unter Druck. Darauf können
       > Unternehmen mit Preissteigerungen – oder mit ethischen
       > Produktionsbedingungen reagieren.
       
       Globale Lieferketten sind instabil – das zeigen die aktuellen
       geopolitischen Entwicklungen nur allzu deutlich. Nun sind ausgerechnet
       Unternehmen in sich ständig verändernden Branchen, etwa die
       Konsumgüterproduktion und die Mode, auf verlässliche Beziehungen zu
       Lieferanten angewiesen, sprich auf funktionierende Lieferketten. Die Pflege
       dieser Lieferketten ist für die Unternehmen ein hohes Gut, [1][Lieferketten
       sind nicht nur aus strategischen Gründen für Unternehmen notwendig],
       sondern für nachhaltig agierende Firmen ebenso ein ethisches Gebot. Daher
       achten nachhaltige Unternehmen bei ihren Bestellungen auf ökologische,
       soziale und monetäre Aspekte. Durch die aktuell erratische Zollpolitik der
       US-Regierung stehen die Unternehmen allerdings stark unter Druck.
       
       Davon ist vor allem die Modebranche betroffen. Hohe Zölle führen zu
       Verwerfungen innerhalb der Produktionsketten und erschweren es, festgelegte
       Klima- und Nachhaltigkeitsziele einzuhalten. Laut einer Umfrage der United
       States Fashion Industry Association beklagten 2025 nahezu alle führenden
       Bekleidungsmarken und Einzelhändler die [2][Zollpolitik von US-Präsident
       Donald Trump]. Mehr als die Hälfte der Unternehmen bezeichnete dadurch
       entstehende politische Unsicherheiten sowie Vergeltungszölle als überaus
       problematisch.
       
       Darauf reagieren die global agierenden Großunternehmen auf ihre Weise.
       Anstatt mit kurzfristigen Kosteneinsparungen zu kontern, tätigen sie vor
       allem im Bereich der [3][Konsumgüterproduktion] strategische Investitionen,
       um sich gegen Marktveränderungen und höhere Preise abzusichern. So hatten
       2025 beispielsweise die Einzelhandelsunternehmen Walmart und Target schon
       im Sommer ihre Lagerbestände aufgefüllt, um Zollschocks vor der
       Weihnachtssaison abzufedern. Der Technologiegigant Apple wiederum hatte
       Frachtflüge gechartert, um 1,5 Millionen iPhones aus Indien einzuführen.
       
       Das war jedoch nur möglich, weil bei wichtigen Lieferanten die Produktion
       kurzfristig massiv erhöht wurde. Das allein zeigt, wie wichtig Lieferketten
       insbesondere in unsicheren Zeiten sind. Dem Marktanalysetool Gartner
       zufolge hat fast die Hälfte der großen Unternehmen in den vergangenen
       Monaten Lieferantenverträge neu ausgehandelt oder ihre
       Beschaffungsstrategien geändert, um die mit den Zöllen verbundenen Risiken
       abzufedern.
       
       Instrumente wie die sogenannte Lieferkettenfinanzierung, durch die
       Lieferanten beispielsweise früher bezahlt werden und Zahlungspflichtige
       später zahlen können, gelten daher zunehmend als Puffer gegen
       Marktunsicherheiten. Diese Trends sind Ausdruck einer wachsenden
       Einstimmigkeit: Resiliente, transparente und wertebasierte Lieferketten
       sind der Schlüssel, um größere Lücken in der Produktion zu vermeiden und
       die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.
       
       Die [4][Modebranche hinkt an dieser Stelle leider hinterher]. Sie erreichte
       in der Better Buying 2025 Garment Industry Scorecard, einer Art
       Bewertungsskala zur Einkaufs- und Beschaffungspraxis von Unternehmen, nur
       66 von 100 Punkten. In wichtigen Bereichen wie Kostenverhandlungen,
       Zahlungsbedingungen und Produktentwicklung sind im Vergleich zum Vorjahr
       sogar Rückschritte zu verzeichnen. Dies ist insofern besorgniserregend,
       weil sich das auf vorgelagerte Produktionsbereiche ausbreiten kann, sobald
       sich neue unerwartete Zölle oder andere Schocks ergeben.
       
       Ohnehin müssen Produktionskosten oft neu verhandelt werden, ohne starke
       Beziehungen zu Lieferanten kann es dabei zu Verzögerungen und Änderungen
       der Produktion kommen, zu [5][arbeitsrechtlichen Risiken, insbesondere für
       die Arbeiter:innen], und zu Reputationsschäden.
       
       Unabhängig davon schadet eine erratische Zoll- und Wirtschaftspolitik dem
       Klima. Setzt sich dieser Trend fort, kann das besorgniserregende Folgen
       haben, die Modebranche mit ihren komplexen globalen Lieferketten ist
       diesbezüglich besonders anfällig. Die US-Zölle wirken sich direkt auf
       Beschaffungszentren aus, die wiederum einen überproportionalen Einfluss auf
       den CO2-Fußabdruck der Branche haben. Die Non-Profit-Allianz Cascale, die
       durch Kooperation in der Konsumgüterproduktion gegen den Klimawandel und
       für faire Arbeitsbedingungen kämpft, hat festgestellt, dass nur 1.800
       Fabriken in neun Ländern für über 80 Prozent der gemessenen CO2-Emissionen
       der Bekleidungs-, Textil- und Schuhindustrie verantwortlich sind.
       
       ## Zölle gegen China und mehr Produktion in Vietnam
       
       Sechs dieser Länder – China, Bangladesch, Vietnam, Indien, Türkei, Pakistan
       – sind direkt von neuen Zöllen betroffen. Würden die Modefirmen ihre
       Bestellwege ändern, könnten sie zwar kurzfristige Zollkosten vermeiden,
       aber dadurch laufende Bemühungen um verringerte CO2-Emissionen weiter
       beeinträchtigen. Derartiges konnte schon 2018 beobachtet werden, als Zölle
       gegen China zu einem Produktionsanstieg in Vietnam führten.
       
       Da es in der Regel durchschnittlich 14 Monate dauert, bis Firmen neue
       Lieferanten gewinnen können, lösen derartig rasche Veränderungen einen
       Dominoeffekt aus: Verstöße gegen Arbeitsrechte, längere Vorlaufzeiten,
       Qualitätsprobleme. Ohne koordinierte Planungen besteht die Gefahr, dass
       sowohl Klimaziele als auch Arbeitsbedingungen massiv leiden.
       
       Obwohl es sich bei der Mode um eine 3 Billionen Dollar schwere Branche
       handelt, war sie auf der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Brasilien
       im vergangenen November (COP30) nur minimal präsent. Wie schon in den
       Vorjahren wurden Reisebudgets gekürzt und Teams verkleinert, da sich die
       Branche angesichts der Marktvolatilität verschlankt. Im Gegensatz zu
       klimafokussierten Konferenzen wie der Climate Week NYC, die in diesem
       September stattfindet, oder der London Climate Action Week im vergangenen
       Mai hat sich die COP30 mehr auf Anpassungsfinanzierung, den CO2-Preis und
       naturbasierte Strategien konzentriert als auf neu gestaltete Handels- oder
       Beschaffungslinien.
       
       ## Branchenführer müssen umdenken
       
       Die Akteure der Modebranche sollten ein Gespür für das globale Interesse an
       nachhaltigen Finanzierungen und Investitionen bekommen. Diskussionen über
       die Bepreisung der CO2-Emissionen können einen größeren Einfluss auf den
       internationalen Handel und Wertschöpfungsketten haben als jede
       branchenspezifische Handelsreform. Da handelsbezogene Kosten immer bestehen
       bleiben, müssen die Branchenführer umdenken: Die Widerstandsfähigkeit ihrer
       Unternehmen wird nicht durch Diplomatie oder einen präsidentiellen
       Handschlag erreicht, sondern durch vertrauensvolle Beziehungen, faire
       Einkaufspraktiken und Innovationen sowie Nachhaltigkeit. Marken und
       Einzelhändler sollten Zölle nicht nur als Kostenbelastung betrachten,
       sondern als Stresstests für ihre Lieferantenpartnerschaften.
       
       Unternehmen, die standardmäßig auf preisorientierte Strategien setzen,
       laufen Gefahr, ihre Möglichkeiten hinsichtlich Qualität, Schnelligkeit und
       Innovation für verantwortungsbewusste Verbraucher von heute zu untergraben.
       Im Gegensatz dazu können Unternehmen, die auf Transparenz und
       Zusammenarbeit setzen – unter anderem durch Kontinuität und faire
       Arbeitsbedingungen und Zahlungsbedingungen – mit größerer
       Wahrscheinlichkeit arbeitsrechtliche Verstöße vermeiden und Investitionen
       in den Klimaschutz bewahren.
       
       In einer Zeit, in der Zölle und klimabedingte Veränderungen
       Beschaffungsstrategien über Nacht verändern können, stellen belastbare
       Partnerschaften mehr als nur operative Instrumente dar. Vielmehr sind sie
       strategische Unterscheidungsmerkmale, die einer wachsenden Zahl von
       langfristig denkenden Stakeholdern Verantwortungsbewusstsein, Stabilität
       und ethische Führungsstärke signalisieren.
       
       Copyright: Project Syndicate. Der Text ist redaktionell bearbeitet. 
       
       Project Syndicate mit Sitz in Prag ist eine Non-Profit-Organisation, die
       internationalen Medien Essays und Meinungsbeiträge von namhaften
       PublizistInnen und WissenschaftlerInnen anbietet.
       
       23 Aug 2026
       
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