# taz.de -- „The Shards“ bei Disney+: Der Glanz vor dem Abgrund
> Jugend, Luxus und Mord: Die Serienadaption von „The Shards“ hat Glamour –
> doch aus der subtilen Bedrohung des Romans wird oft greller Horror.
(IMG) Bild: Die Schönen und das Böse: „The Shards“
Es steckt noch in dieser Serie, das grandiose Buch von [1][Bret Easton
Ellis]. Nach 13 Jahren Schreibpause zeichnete der Popstar des literarischen
Nihilismus darin das Bild einer jugendlichen Clique, das sich zwar in
seinen typischen luxuspessimistischen Schilderungen ergeht, dabei aber
weitgehend ohne den markschneidenden Zynismus seiner früheren Werke
auskommt.
„The Shards“ hält die feine Balance zwischen leise läuternder Sezierung und
einer seltsamen Bewunderung für die schamlose Dekadenz der schillernden
Hollywoodwelt, in der sich die Hauptfigur „Bret“ – der Roman ist als
autofiktionales Spiel angelegt – bewegt.
In den frühen 1980ern befindet sich Bret an der Schwelle zu seinem letzten
Jahr an einer exklusiven Privatschule. Das Werk erzählt vom unbedingten
Willen seiner ausnahmslos reichen Freunde, es zu etwas Besonderem zu
machen.
Es ist ein von der Melancholie des Überflusses durchzogener Abschied von
einer bis dahin wohlbehüteten Jugend. Die verbringt Bret mit
vormittäglichen Drinks in luxuriösen Restaurants, auf exklusiven
Privatpartys seiner Partnerin Debbie und zwischen allerhand Kokain und den
subtilen Machtspielen seiner Freundesgruppe. Über alledem liegt der
Schatten des Serienmörders „The Trawler“, der Jagd auf die [2][Oberschicht
von Los Angeles] macht und unaufhaltsam näher rückt.
## Die Versuchung des Schocks
Noch im Erscheinungsjahr des Buches, 2023, wurde eine Serienadaption
angekündigt. Schon damals war beinahe damit zu rechnen, dass dieses
Vorhaben von herben Schwierigkeiten begleitet werden würde.
Nicht nur wegen der Allüren, die dem Autor nachgesagt werden, sondern auch,
weil die besondere Stimmung und damit die Essenz des Buchs ins Visuelle
umzusetzen, eine denkbar große Herausforderung ist. Und tatsächlich
wechselte die Regieverantwortung vom anfänglich angedachten Luca Guadagnino
bald zu Kristoffer Borgli, ehe von HBO verkündet wurde, dass das Projekt
aufgrund kreativer Differenzen aufgegeben wurde.
Dann übernahm doch [3][Ryan Murphy]. Eine Nachricht, die nach einem Segen
für die tatsächliche Umsetzung klang, immerhin zählt er zu den
bestbeschäftigten Serienschöpfern der Stunde. Auch künstlerisch scheint
vieles stimmig: Die gelungensten seiner Arbeiten atmen eine fast morbide
Faszination für sowohl den Glamour als auch den unmittelbar dahinter
lauernden Verfall. Doch es hat sich zuletzt abgezeichnet, dass Ryan Murphy
zunehmend dazu tendiert, auf den billigen Schock zu setzen, statt die viel
aufwendigere Gratwanderung zwischen Anziehung und Abscheu herauszuarbeiten.
## Die Kunst des schmalen Grats
Der Serie ist nun gewissermaßen beides eingeschrieben. Herausragend gelingt
es, eine Atmosphäre heraufzubeschwören, die zwischen der sorglosen Freiheit
der Jugendlichen und der existenziellen Leere ihres Umfeldes changiert, das
sie schon so meisterlich zu imitieren gelernt haben.
Ebenso weiß Ryan Murphy um die Tragik, die einer Figur wie Bret (Igby
Rigney) innewohnt, der insgeheim Männer liebt, sich aber kaum etwas
Schlimmeres als ein Outing vorstellen kann und daher ein Doppelleben führt.
Im Neuankömmling der Schule, Robert (Homer Gere), kulminiert sein innerer
Aufruhr: Bret fühlt sich von ihm angezogen, gleichzeitig stößt ihn ab, dass
er das strahlende Paar ihrer Freundesgruppe entzweien und Susan (Kaia
Gerber) selbst besitzen möchte.
Als schließlich zwei Schüler verschwinden, darunter Matt (Owen Painter),
mit dem Bret ein Verhältnis hat und seine Vorzeigefreundin und
Produzententochter Debbie (Hayes Warner) betrügt, beschuldigt er Robert,
der „Trawler“ zu sein. Ausgerechnet dort aber, wo Ellis im Alltäglichen zu
seinen schärfsten Beobachtungen fand, verdichtet Murphy die grafische
Gewalt, rückt das Serienmördermotiv noch mehr in den Vordergrund und fügt
weitere reißerische Aspekte hinzu. Womöglich, um eine Serie, die wohl mit
sechs Folgen deutlich besser funktioniert hätte, auf zehn Episoden zu
strecken.
Verpassen sollte man „The Shards“ dennoch nicht. Oft genug blitzt zwischen
dem Hang zum Exzess noch die desillusionierte Präzision auf, die Ellis'
Roman so außergewöhnlich macht und oft liegt Murphy auch genau richtig. Wo
er übertreibt, wird es frustrierend – aber eben auch nie langweilig.
7 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Arabella Wintermayr
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