# taz.de -- Tiere in der Großstadt: Gruppenwohl schlägt Egotrip
> Fledermäuse, die Wesen der Dämmerung, führen ein kluges, komplexes
> Sozialleben. Das reicht von Umarmungen bis zu Trost und Fürsorge.
(IMG) Bild: Flirrende Umrisse, im Nu mit der Dämmerung verschmolzen: braunes Langohr
Manchmal ist man ja einfach naiv. Oder man fragt nicht nach, weil man es ja
zu wissen glaubt. Oder man ist zu träge zum Hinterfragen; die Welt scheint
kompliziert genug. Jedenfalls hatte ich mir jahrelang keine tiefergehenden
Gedanken gemacht über die schwarzen Striche, die in der Dämmerung aus der
alten Tanne flogen, über die Gartenhecke hinweg ins Irgendwo. Das würden
Vögel sein, auf nächtlichem Beutezug. Jedenfalls nichts Spektakuläres.
Hätte ich es genauer überlegt, wäre mir aufgefallen, dass dafür außer dem
nachtaktiven Ziegenmelker, der „Nachtschwalbe“, allenfalls Eulen infrage
kämen. Aber für sie alle waren jene Wesen zu klein und zu filigran.
Flirrende Umrisse, im Nu mit der Dämmerung verschmolzen.
Eines Sommerabends, wir saßen bei Campari und Kirschen auf der Terrasse,
löste eine Nachbarin das Rätsel, das für mich bis dato keins war:
[1][Fledermäuse] seien das, seit vielen Jahren schon bewohnten sie diesen
Baum. Sie dachte, ich wüsste Bescheid, sonst hätte sie schon eher was
gesagt.
Und jetzt, da ich das weiß, gucke ich ganz anders auf diesen Baum. Etwas
Geheimnisvolles, sogar Heimeliges hat er bekommen, umfängt wie eine
mittelalterliche [2][Schutzmantel-Madonna] eine verschworene
Tiergemeinschaft. Denn die meisten Fledermausarten leben in Kolonien,
hängen tagsüber zu Hunderten kopfüber schlafend in Bäumen oder Höhlen.
So ist die über-haushohe Tanne plötzlich zum Biotop geworden, zur
Wohnstatt, die nicht nur den Garten bewacht, sondern auch diese kleinen
Wesen. Die ja – und das macht den Baum zur fast schon politischen
ökologischen Nische – in Deutschland vom Aussterben bedroht und streng
geschützt sind. Und hier, bei mir, haben sie Zuflucht gefunden, scheinen
zufrieden mit dem Habitat, sonst wären sie längst weggezogen!
## Dämonen des Mittelalters
Wohlwollend beobachten wir bei unserem Abendtrunk das Herumgefliege im
Dämmerlicht, das die Menschen des Mittelalters so ganz anders deuteten:
Dämonisch, teuflisch seien die Fledermäuse, dazu mit negativen magischen
Kräften behaftet. Man fürchtete sich sehr vor diesen Säugetieren, die rast-
und lautlos durchs Dunkel flogen und sich so exakt orientierten. Man wusste
ja noch nichts von deren Ultraschall-Ortung, die sie im Dunkel „sehen“
lässt.
Bram Stokers 1897 erschienener Roman [3][„Graf Dracula“] tat ein Übriges,
um den Mythos der Vampir-gleichen Fledermaus zu befeuern. Ungünstigerweise
heißt eine Art tatsächlich „Vampirfledermaus“, weitere tragen den
[4][Vampir] zumindest im lateinischen Namen. Dabei fressen die weitaus
meisten Arten ausschließlich Insekten und tun keinem was zuleide.
Und sind im Übrigen eine weitere unterschätzte Tierart. Eine [5][neue
Studie] zum Familienleben der „Großen Spießblattnase“ in Costa Rica
offenbarte deren komplexes Sozialverhalten: Umarmungen, gemeinsames Jagen,
sogar das Teilen von Futter – man zeigt den Jungtieren, wie man Beute
zerlegt – bezeugen den Zusammenhalt der Gruppe. Tierärzte berichten
außerdem, dass befreundete Fledermäuse nebeneinander hängen, einander sogar
trösten und vermissen. Die Zurückbleibende sucht dann nach dem Freund und
mag nichts fressen.
Sogar medizinische Behandlungen lassen Fledermäuse über sich ergehen,
halten still, sobald sie begreifen, dass man ihnen hilft. Das ist leider
oft nötig, wenn man vor Dachsanierung oder Baumfällung nicht, wie
vorgeschrieben, nach Fledermäusen schaut und dann ihre feinen Knochen
verletzt.
Und ihr Sozialverhalten reicht noch weiter: Wenn eine Fledermaus
versehentlich durchs Fenster in ein Zimmer fliegt, ruft sie, für uns
unhörbar, um Hilfe, und die ganze Sippe fliegt herbei. Raus kommen sie
meist nicht ohne menschliche Hilfe, aber man sieht: Fürsorge ist
selbstverständlich unter diesen Tieren, denen ist die Mitfledermaus nicht
egal.
## Kranke Tiere halten Abstand
Überdies fanden Forscher 2020, mitten in der Coronapandemie, als viele mit
den Distanzregeln haderten, heraus, dass kranke Fledermäuse [6][freiwillig
Abstand] zur Gruppe halten, um die Artgenossen nicht anzustecken. Wie in
der Tierwelt üblich, haben sie die Evolution, die Mechanismen des
langfristigen Erhalts der eigenen Art verinnerlicht. Das Ego und die
Kurzfrist-Befindlichkeit des Einzelnen spielen keine Rolle. Da kann mensch
noch lernen.
Und nein, schön sind nicht alle unter ihnen – die Hufeisennase ist da schon
herausfordernd –, aber was ist Schönheit gegen die Fähigkeit, lautlos und
elegant durchs Dunkel zu gleiten?
Ich werde immer stolzer, während ich das alles bedenke – obwohl dieses
Baum-Fledermaus-Biotop ja gar nicht meine Leistung ist. Fast gerührt
blicken die Nachbarin und ich auf diesen Baum, der tagsüber Vogelgesänge
ausstößt und nachts diese kleinen, klugen Wesen. Möge er ihnen noch lange
eine ungestörte Heimstatt sein!
20 Aug 2026
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(DIR) [6] https://www.forschung-und-wissen.de/nachrichten/biologie/social-distancing-kranke-fledermaeuse-halten-abstand-13374276
## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
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