# taz.de -- Ratten fangen Fledermäuse im Flug: Der Trick der Wunderratten
       
       > Im Kalkberg von Bad Segeberg, dem bedeutendsten Fledermausquartier
       > Norddeutschlands, haben Forscher Ratten bei einer spektakulären Jagd
       > beobachtet.
       
 (IMG) Bild: Eine Ratte fängt eine Fledermaus aus der Luft
       
       Im Bad Segeberger Kalkberg ist Forschern eine spektakuläre Beobachtung
       gelungen: Sie konnten filmen, wie Ratten am Eingang der Höhle Fledermäuse
       im Flug fangen – in völliger Dunkelheit und ohne abzustürzen. Zu der Jagd
       kam es unter anderem deswegen, weil die Ratten die Beobachtungsinstallation
       der Wissenschaftler für den Aufstieg nutzten.
       
       Der frostfreie Kalkberg gehört zu den wichtigsten Winterquartieren für
       Fledermäuse in der gemäßigten Klimazone Nordeuropas. Rund 30.000 Tiere
       suchen hier Schutz. Für die stark gefährdete Teich- und Bechsteinfledermaus
       sei der Kalkberg „zwischen dem Weserbergland und Südschweden der genetische
       Pool schlechthin“, sagt Ole Eggers, Landesgeschäftsführer des
       Umweltverbandes BUND.
       
       Der Schutz der Fledermäuse hat bis vor Kurzem sogar einen Weiterbau der A20
       bei Bad Segeberg verhindert. Erst [1][in der vergangenen Woche einigten
       sich der BUND und das Land Schleswig-Holstein] auf einen Kompromiss, der
       eine Stiftung zum Schutz der Tiere und Verbesserungen beim Naturschutz
       vorsieht, weshalb der BUND eine anhängige Klage fallen lässt.
       
       Doch nicht nur der Mensch mit seinen Siedlungsaktivitäten, auch invasive
       Arten können solche Tierpopulationen destabilisieren, wie Florian
       Gloza-Rausch, Anja Bergmann und Mirjam Knörnschild vom Naturkundemuseum in
       Berlin jetzt in einem Forschungsbericht dargestellt haben.
       
       ## Im Dunkeln aus der Luft geschnappt
       
       „Das mit den Ratten ist ein reiner Zufall gewesen“, sagt Florian
       Gloza-Rausch, der Hauptautor des Berichts. Seine Kollegin Anja Bergmann
       habe am Einflugloch des Kalkberges Ultraschallaufnahmen der Soziallaute
       gemacht, die die Fledermäuse äußern. Parallel installierten Gloza-Rausch
       und seine Kollegen eine Videoanlage mit einem Infrarotscheinwerfer, um zu
       sehen, was da so ein- und ausfliegt. Um die Aufnahmen zu verbessern,
       befestigten sie schwarzen Stoff an den Wänden der Fluglöcher.
       
       Was sie auf ihrem Bildschirm zu sehen bekamen und mit dem Handy abfilmten,
       hat die Forscher verblüfft. Eine [2][Ratte postiert sich auf dem Sims des
       Fluglochs] und streckt sich blitzschnell, um eine Fledermaus mit ihren
       Vorderpfoten aus der Luft zu schnappen. Dabei schafft sie es, sich
       festzuhalten und mit dem Schwanz auszubalancieren, während sie sich tief
       hinunterbeugt, um ihre Beute nicht zu verlieren.
       
       Ratten können Infrarotlicht nicht sehen. Die Forscher vermuten deshalb,
       dass sie die Fledermäuse mit ihren Schnurrhaaren und durch den Luftzug
       ihres Flügelschlages lokalisierten. Solch ein komplexes Verhalten sei zwar
       bisher in Laborstudien beschrieben worden, direkte Beobachtungen bei der
       Jagd in freier Wildbahn seien aber selten.
       
       Erkenntnistheoretisch interessant ist eine Beobachtung am Rande: Der
       schwarze Stoff des Beobachtungsarrangements wurde von Ratten als
       Kletterhilfe benutzt und ermöglichte so überhaupt erst den Beutezug. Schön
       zu sehen ist auf einem der Videos, wie sich eine Ratte mit ihrer Beute im
       Maul die Wand hinauf davonmacht.
       
       „Unsere Beobachtungen zeigen zum einen, wie anpassungsfähig und geschickt
       sich Wanderratten in [3][städtischen Ökosystemen] Nahrungsquellen
       erschließen und weisen gleichzeitig auf ein Artenschutzproblem durch
       invasive Tierarten hin“, sagt Florian Gloza-Rausch. Dass die Ratten so
       schnell lernten, diese nicht intendierte Kletterhilfe zu benutzen, habe er
       nicht erwartet.
       
       Wie gefährlich die Ratten den Fledermäusen werden können, schildern die
       Forscher mit einer Beispielrechnung: Bei einer typischen Gruppengröße von
       15 bis 60 Individuen würde die Ratten bei einer 90-tägigen
       Überwinterungssaison zwischen 2.100 und 8.400 Fledermäuse vertilgen –
       sofern sie sich ausschließlich davon ernährten. Die Forscher bezeichnen das
       zwar als unwahrscheinlich, es illustriere aber die Gefahr.
       
       Eine weitere wichtige Erkenntnis für die Forscher ist die Beobachtung an
       sich, dass Wanderratten systematisch Fledermäuse erbeuten. Das liefere
       „seltene Hinweise auf direkten Kontakt zwischen zwei bedeutenden
       Wildtierreservoirs in einer städtischen Umgebung und weist auf eine
       potenzielle Schnittstelle für den Austausch von Krankheitserregern hin“.
       
       Zwar [4][zeigten die Studienergebnisse] kein unmittelbares entsprechendes
       Risiko. Dennoch empfehle es sich, vorzubeugen. „Eine gezielte Bekämpfung
       von Wanderratten an wichtigen Fledermaus-Winterquartieren würde sowohl
       gefährdete Fledermauspopulationen schützen als auch potenziell Risiken für
       die öffentliche Gesundheit verringern“, sagt Mirjam Knörnschild, Co-Autorin
       der Studie.
       
       19 Nov 2025
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Umstrittene-Kuestenautobahn/!6129128
 (DIR) [2] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2351989425004950
 (DIR) [3] /Folgen-von-Lichtverschmutzung/!6028773
 (DIR) [4] https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2351989425004950
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gernot Knödler
       
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