# taz.de -- Soldat:innen nach Auslandseinsätzen: Truppen-Trauma
> Soldat:innen sind besonderen psychischen Belastungen ausgesetzt. Doch
> Hilfe zu suchen, fällt vielen schwer. Zwei ehemalige Militärangehörige
> berichten.
(IMG) Bild: Schöne Aussicht? Eine Bundeswehrkolonne in Afghanistan im Jahr 2008. Aufnahme aus einem Pionierpanzer Dachs
Staub wirbelt auf, als vier Geländewagen, sogenannte „Wölfe“, über einen
Feldweg im Osten Litauens rauschen. Rechts und links Bäume, dann fallen
Schüsse. Ben Weber sitzt auf dem Beifahrersitz des letzten „Wolfs“, das
G36-Sturmgewehr über seine rechte Schulter gelegt. Er schießt durch das
offene Fenster hinter sich in den Wald – dorthin, wo er den „Feind“
vermutet.
Gleichzeitig klemmt Weber ein Funkgerät an sein Ohr, um seinem Fahrer neben
ihm die Befehle des Gruppenführers im vordersten Fahrzeug weiterzugeben.
Durch den aufgewirbelten Staub ist der „Wolf“ vor ihnen schwer zu sehen.
Dann verschwindet er hinter einer Kuppe. Über Funk kommt der Befehl:
„Kolonne halt!“ Der Fahrer neben Weber kann noch vom Gas gehen, aber zum
Bremsen ist es zu spät. Als ihr „Wolf“ über die Kuppe prescht, knallt er
mit voller Wucht gegen den Geländewagen vor ihnen.
Ben Weber reißt die Augen auf. Schweißnasses Kissen. Schweißnasses Bett.
Völlig erschöpft findet er sich in seinem Schlafzimmer wieder. Er hat
geträumt, einen Albtraum: Erinnerungen an seinen ersten
[1][Bundeswehreinsatz in Litauen] im Frühjahr 2019. Der Unfall damals war
ein Schockmoment für den heute 26-Jährigen.
„Und dann sitzt man so an der Bettkante in der Dunkelheit und kommt erst
mal klar“, erinnert sich Weber, wie er das erste Mal von den Einsatzbildern
aus dem Schlaf gerissen wurde. Sieben Jahre ist das her, da war er gerade
aus Litauen zurückgekommen. Es sollte nicht bei diesem einen Albtraum
bleiben.
Ben Weber heißt eigentlich anders, er möchte lieber anonym bleiben. Sein
Gesicht flimmert auf einem Laptopbildschirm, die Stimme klingt durch die
Lautsprecher leicht verzerrt. Weber und der Autor kennen sich aus ihrer
Kindheit, haben aber nach der Schulzeit ganz unterschiedliche Wege
eingeschlagen.
Nach der Schule verpflichtete sich Weber acht Jahre bei der Bundeswehr.
Zuletzt hatte er den Rang eines Oberstabsgefreiten – er war also ein
normaler Soldat am unteren Ende der militärischen Hierarchie. Gerade kommt
er wieder im zivilen Leben an, hat sein Abi nachgeholt und beginnt im
Herbst ein Studium.
Wenn Ben Weber von seinem Einsatz erzählt, tut er das auf eine militärisch
extrem sachliche Art. Er sagt Sätze wie: „Wirken geht immer vor Deckung“
und meint „schießen“, wenn er von „wirken“ spricht. Die Patronen, die er
damals in Litauen verschoss, waren Platzpatronen, das Manöver nur eine
Übung – aber der Unfall war echt. Der Funkspruch „Blaulicht, Blaulicht! “
sollte signalisieren, dass ein realer Unfall passiert war, erklärt Weber.
„Iron Wolf“ hieß die große Gefechtsübung auf dem litauischen
Truppenübungsplatz Pabradė, an der er damals teilnahm. Zwei Wochen lang
simulierten 4.000 Nato-Soldat:innen die Verteidigung Litauens gegen einen
„Gegner aus dem nahen Ausland“. Seit 2017 führt die Nato regelmäßig solche
Übungen durch: eine Antwort auf die damals schon zunehmende Aggression
Russlands und die Annexion der Halbinsel [2][Krim] im Jahr 2014.
Nach dem Unfall in Litauen durchlebte Weber im Traum immer wieder das
gleiche Szenario: Er sitzt mit dem Gewehr über der Schulter im
Geländewagen. Der Wagen rast über die Kuppe, kurz vor dem Aufprall wacht
Weber auf.
Ihm gehen Gedanken durch den Kopf: Hätte sein Kamerad damals nicht
rechtzeitig abgebremst, hätte sich beim Aufprall das Sturmgewehr in seinen
Hals bohren können. „So ist es nochmal gut gegangen“, sagt Weber.
Inzwischen träumt er nur noch selten vom Einsatz, doch in Stresssituationen
holt ihn der Traum im Schlaf noch heute ein.
Über sich selbst sagt Weber, er sei nicht traumatisiert: „Ich würde es
einfach als eine einschneidende Situation verbuchen, die meine Psyche so
weder erwartet noch vorher gekannt hat.“ Angst oder Verzweiflung spüre er
nicht, wenn er von der Geschichte erzählt oder daran denkt. Weber ist nie
mit seinen Symptomen zum Arzt gegangen. Ob eine professionelle Einschätzung
anders ausfallen würde, bleibt also offen.
Das Martinshorn eines Krankenwagens hallt durch einen Konferenzraum im
Bundeswehrkrankenhaus Berlin-Mitte, bis ein Soldat das gekippte Fenster mit
einem Knall schließt. Oberstarzt Gerd Willmund sitzt am Tisch, auf den
Schulterklappen blitzen drei silberne Sterne. Er leitet das
Psychotraumazentrum am Bundeswehrkrankenhaus.
Als das Fenster zu ist, sagt er: „Ich rate Betroffenen, wenn sie mit einem
potenziell traumatischen Ereignis Probleme haben, sich direkt Hilfe zu
suchen.“ Das habe für Soldat:innen auch den Vorteil, dass die Erfahrung
dokumentiert wird. Gerade, wenn sie später aus dem Dienst ausscheiden,
könne das versorgungsrechtlich relevant werden. Sprich: Wenn eine
psychische Erkrankung nachweislich während eines Bundeswehreinsatzes
entsteht, können Soldat:innen vom Staat unter anderem finanzielle
Unterstützung bekommen.
„Wenn nach einschneidenden Ereignissen Schlafstörungen über mehrere Wochen
anhalten, würde ich immer zum Arzt gehen“, sagt Willmund. Suchten sich
Patient:innen frühzeitig Hilfe, ist die Prognose gut. Bei
Soldat:innen beginne die Behandlung allerdings oft deutlich später.
Die Bundeswehr hat seit 2015 jedes Jahr zwischen 235 bis 344 psychische
Neuerkrankungen erfasst, [3][aktuell sind die Jahre bis 2024 abgebildet].
Doch eine Studie der TU Dresden von 2013 schätzt, dass 50 Prozent der
psychischen Erkrankungen nach Auslandseinsätzen nicht erkannt werden.
Auch Daniel Lücking träumt in „Höchststressphasen“ noch von seinen
Auslandseinsätzen – der letzte liegt 18 Jahre zurück. Er ist inzwischen
verheiratet und trägt den Nachnamen seiner Frau. Wenn es um seine
Bundeswehrvergangenheit geht, benutzt er aber weiterhin seinen
Geburtsnamen. Heute arbeitet Lücking als wissenschaftlicher Mitarbeiter im
Büro eines Bundestagsabgeordneten der Linken und ist selbst Parteimitglied.
10 Jahre diente er bei der Bundeswehr, zuletzt als Oberleutnant beim
Zentrum Operative Kommunikation.
Diese Truppe wirkt [4][nach eigenen Angaben] sowohl mit klassischen Medien
als auch über das Internet auf Zielgruppen innerhalb der Bevölkerung im
Einsatzgebiet ein – natürlich im Sinne der Bundeswehr. Daniel Lücking nennt
den Auftrag heute schlicht „Propaganda“.
An einem Sommertag sitzt Lücking in einem Café in Berlin-Kreuzberg. Mit
seinen breiten Schultern und kurz geschorenen Haaren strahlt er immer noch
etwas Militärisches aus. Die Bundeswehr sieht er heute kritisch. In seinem
zweiten Afghanistan-Einsatz 2008 habe er einen inkompetenten Vorgesetzten
gehabt, erzählt der 47-Jährige. Dessen, aus seiner Sicht,
lebensgefährlichen Entscheidungen habe er sich ausgeliefert gefühlt. Wie
hoch die psychische Belastung damals war, konnte er nicht einschätzen.
Lücking erinnert sich an die für ihn heftigste Situation in Afghanistan:
Bei minus 10 Grad fuhr er mit einem Fernsehreporter, einem
Regierungsbeamten und einem Kollegen in einem nur leicht gepanzerten
Geländewagen zu einer Hilfsgüterübergabe bei Masar-e Scharif im Norden
Afghanistans. Irgendwann merkte er, dass etwas schief lief. Anders als
erwartet, begleiteten sie keine Schutzkräfte – das widerspreche allen
Einsatzregeln, sagt Lücking. In diesem Moment hoffte er nur, nicht
angegriffen zu werden: „Die fünf Magazine meines G36 hätten nicht wirklich
für die Verteidigung gereicht.“
Ob tatsächlich etwas „schief gelaufen“ ist, lässt sich heute nicht mehr
rekonstruieren. Ein Sprecher des Operativen Führungskommandos der
Bundeswehr erklärt auf Nachfrage, es sei weder feststellbar, welche
Weisungslage damals vor Ort galt, noch ob die Führung abweichende
Entscheidungen traf.
Für Lücking hatte der Einsatz dennoch Folgen. Wenn er davon träumt,
beschäftigen ihn nicht die Bilder, sondern das Gefühl, ausgeliefert zu
sein, der Druck der Hierarchie und „dieses Wissen, man kommt hier jetzt
nicht raus“, beschreibt er.
Nach dem Afghanistan-Einsatz erlebte Lücking immer wieder depressive
Phasen, in denen er das Haus nicht verlassen konnte. Dann saß er auf dem
Sofa und lernte die Raufasertapete auswendig, wie er lakonisch sagt. Mit
Verhaltenstherapie und Schlafmedikamenten hat er gelernt, mit dem Trauma zu
leben.
Ben Weber sagt, er sei nach dem Vorfall in Litauen nicht in psychologischer
Behandlung gewesen, weil er es für ein Zeichen der Schwäche hielt. Er
wollte sich damals nicht eingestehen, dass er Gesprächsbedarf hatte. Das
psychologische Angebot der Bundeswehr war zwar da, aber die Gruppendynamik
hielt ihn davon ab, es anzunehmen.
Wenn Soldat:innen sich psychologische Hilfe suchen, kann das in ihrer
Gesundheitsakte vermerkt werden. Das könne dazu führen, von bestimmten
Tätigkeiten ausgeschlossen zu werden. „Was dich von der Gruppe abtrennt“,
sagt Weber. „Und du bist die Gruppe!“
Bundeswehrpsychiater Gerd Willmund sagt, dass in der Regel niemand
dauerhaft von Tätigkeiten ausgeschlossen werde: „Das ist auch nicht das
Ziel. “ Es gehe meist darum, wieder dienstfähig zu werden.
Soldat:innen, die aus einem Einsatz zurückkehren, können an einem
sogenannten Einsatznachbereitungsseminar teilnehmen – so auch Ben Weber
nach Litauen. Mit seiner Einheit, 15 Mann, und zwei Moderatoren saß er im
Stuhlkreis und ließ den Einsatz Revue passieren. In der Runde sei jeder
gleichberechtigt, erklärt Weber: „Man hat keine Uniform an, es zählen keine
Dienstgrade.“
Auch über die brenzlige Situation, als die Geländewagen in Litauen
aufeinanderprallten, sprach die Gruppe. Die Kommunikation in der
Männergruppe blieb aber eher oberflächlich, findet Weber. Man redete nicht
ernsthaft, sondern würgte das Gespräch eher mit Floskeln wie „war schon
crazy“ ab.
Über das Erlebnis in Litauen habe Ben Weber zwar häufig mit Kameraden
geredet, aber: „Wie ich mich gefühlt habe und was ich davon mittrage,
darüber habe ich mit niemandem gesprochen.“ Unter Soldat:innen erzähle
man sich gerne „glamouröse Kriegsgeschichten“ und spare dabei die
eigentlichen Schwierigkeiten aus.
Ben Weber fühlt sich an den Comic-Helden Captain America erinnert: In der
Geschichte wird der schmächtige Steve Rogers zuerst ausgemustert, bis er
später durch ein spezielles Serum zum muskulösen Supersoldaten wird, der
gegen Nazis kämpft. „Man versucht, so wenig wie möglich von Steve Rogers zu
erzählen und stattdessen nur von den Geschichten Captain Americas“, sagt
Weber. Das habe etwas von „toxischer Männlichkeit“: Das Bild des harten,
resilienten Soldaten soll um jeden Preis aufrecht erhalten bleiben.
Melanie Steffens ist Vizepräsidentin der Rheinland-Pfälzischen Technischen
Universität Kaiserslautern-Landau und forscht zu gruppenbezogenen
Einstellungen. Den Begriff „toxische Männlichkeit“ macht sie sich nicht zu
eigen. Als Wissenschaftlerin spricht sie von „ungesunden
Männlichkeitsnormen“, die negative Auswirkungen auf Männer und ihr Umfeld
hätten.
In Gruppen, in denen überwiegend Männer vertreten sind, seien sie besonders
stark ausgeprägt – also auch bei der Bundeswehr. Wenn bestimmte Normen in
einer Institution sowieso schon vorherrschen, dann ziehe das bestimmte
Personen an und schaukele sich in der Gruppe oft immer weiter hoch.
„Eine Männlichkeitsnorm ist auch, emotional unerschütterlich zu sein“, sagt
Steffens. Das könne dazu führen, dass Männer weit über ihre Grenzen
hinausgehen. Um keine Schwäche zu zeigen, gingen Männer beispielsweise im
Vergleich zu Frauen seltener oder zu spät zum Arzt.
Daniel Lücking hat sich in ärztliche Behandlung begeben, stieß dabei aber
auf Widerstand. Als er seinem Bundeswehr-Hausarzt von seinen Erfahrungen
erzählte, habe der gesagt: „Das ist ja gar nichts.“ Dann berichtete der
Arzt von seinen eigenen Erlebnissen in einem Operationssaal in Afghanistan.
Zum Schluss sagte er: „Ich halte Sie für einen Simulanten und ich werde das
jetzt hier beenden.“
Der als „Simulant“ betitelte ging danach ins Psychotraumazentrum der
Bundeswehr, dort habe man ihn dann ernst genommen, sagt Lücking. Als er die
Diagnose „Anpassungsstörung und Verdacht auf posttraumatische
Belastungsstörung“ bekommen hatte, konnte er es im ersten Moment gar nicht
glauben. Er sei nie angeschossen worden und nicht ernsthaft verwundet
gewesen: „Wovon sollte ich also traumatisiert sein?“, fragte er sich
selbst.
Physische Verletzungen als Voraussetzung für psychische Verletzlichkeit:
Diese Erzählung hatte er bei der Bundeswehr verinnerlicht, sagt Lücking.
Doch sie widersprach seiner gefühlten Realität.
Bundeswehrpsychiater Gerd Willmund bestätigt, dass es in der Truppe ein
Stigma gegenüber psychischen Erkrankungen gibt. Soldat:innen würden
Hilfe scheuen, weil sie um ihr Ansehen fürchten. Das trage dazu bei, dass
viele sich erst spät im Psychotraumazentrum melden.
„Die Unterscheidung zwischen psychischer und körperlicher Erkrankung macht
keinen großen Sinn“, erklärt Willmund. Beides könne zu Einschränkungen
führen. Die Bundeswehr sei aktuell dabei, Vorgesetzte für das Thema
psychische Gesundheit weiter zu sensibilisieren – vielen sei das allerdings
auch jetzt schon bewusst. Denn genau wie zivile Einsatzkräfte seien
Bundeswehrsoldat:innen einem höheren Risiko ausgesetzt, traumatisiert
zu werden, so Willmund. Auch mit Kampagnen, einer Info-Website und einer
Trauma-Hotline versuche die Bundeswehr, dem Stigma entgegenzuwirken.
Willmund zeigt sich zuversichtlich: „Ich bin sicher, dass das Erfolge
zeigt.“ Inzwischen meldeten sich immer mehr Patient:innen selbst im
Psychotraumazentrum, statt geschickt zu werden.
Sozialpsychologin Melanie Steffens erklärt, wenn ein neuer Geist in eine
Organisation einziehen soll, überzeugt man am besten die Menschen darin.
Gerade beim Thema Trauma würden Soldat:innen selbst von einem Umdenken
profitieren: „Das kann jedem passieren“ – mit dieser Haltung müsse das Tabu
fallen. Solange psychische Probleme in der Truppe verschwiegen werden,
könne das dazu führen, dass Soldat:innen am Ende gar nicht mehr
dienstfähig seien. Kameradschaft heiße auch, füreinander da zu sein. Das
wäre das Gegenteil eines toxischen Ansatzes, sagt Steffens.
Ben Weber findet, dass die Bundeswehr ihm ausreichend psychologische
Angebote gemacht habe. Ob die Soldat:innen diese annehmen, hänge
allerdings nach wie vor stark von der Dynamik innerhalb einer Teileinheit
ab, glaubt er. Die Erfolge, von denen Bundeswehrpsychiater Willmund
gesprochen hat, haben wohl längst noch nicht die ganze Truppe durchdrungen.
Als junger Soldat habe sich Weber vor allem an älteren, erfahreneren
Kameraden orientiert, sagt er. Aus heutiger Sicht hätte er sich von ihnen
einen sensibleren Umgang mit dem Thema Psyche gewünscht: „Man kann Sachen
belächeln, oder man kann Sachen nicht belächeln.“
11 Oct 2026
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