# taz.de -- Essay über digitale Unterwerfung: „Faschist sein, das ist heute Fun“
       
       > Das „Cyberpunk“-Manifest von Soziologin Asma Mhalla beklagt wortgewaltig
       > die Allmacht von Tech-Konzernen und Politik. Und ruft am Ende zur
       > Rebellion gegen diese auf.
       
 (IMG) Bild: Hey, Ridley, wir warten auf den zweiten Teil! Szene aus „Blade Runner“
       
       Aus dem kalten Neonlicht der Straßen dampft der Regen. Jemand projiziert
       Coca-Cola-Werbung an die hageren Wolkenkratzer von Los Angeles. Als Ridley
       Scotts „Blade Runner“ 1982 in die Kinos kam, erschien das erste Mal eine
       Zukunft auf den Leinwänden, die vom Kapitalismus geprägt war. Noch in den
       Star-Wars-Filmen gab es keine Marken; die Drinks auf Tatooine werden in
       unterschiedslos weißen Bechern serviert. Erst im LA des Jahres 2019 wird
       die neue Welt in einer Werbestimme angekündigt. Was hier herrscht, ist kein
       übermächtiger Staat, sondern die Konzerne.
       
       Es ist diese Welt, die die französische Soziologin Asma Mhalla in ihrem
       neuen Essay „Cyberpunk“ versucht zu begreifen. Auf 131 Seiten analysiert
       sie das neue Bündnis aus Staat und Tech-Branche, das die [1][zweite
       Amtszeit Donald Trumps] prägt. „Die Politik verhandelt nicht mehr mit den
       technologischen und finanziellen Mächten, sondern vereint sich mit ihnen“.
       Ihre zentrale These: Was uns heute ereilt, ist etwas radikal Neues.
       
       ## Das Manifest für eine neue Welt
       
       Französische GeisteswissenschaftlerInnen schreiben im Allgemeinen zwei
       Arten von Büchern: beeindruckend minutiöse Detailstudien und Manifeste. Zu
       Letzteren gehören zum Beispiel die Texte von André Breton über den
       Surrealismus, oder der Anti-Ödipus von Guattari und Deleuze. Ihnen geht es
       darum, einen Zeitgeist einzufangen. Sie sind ein Ringen um die Sprache
       einer noch anbrechenden Welt.
       
       Auch Asma Mhallas „Cyberpunk“ gehört zu diesem Genre. Wichtig scheint vor
       allem, dass alles einen neuen Namen kriegt. Auf fünf Seiten Anhang werden
       alle Neologismen aufgelistet und erklärt. So ist es etwa nicht die
       „Rückkehr des historischen Faschismus“, die unsere Zeit prägt, sondern die
       „Geburt einer weitaus schwerer zu fassenden und flexibleren Form“, ein
       „hypermoderner Faschismus als Simulacrum“.
       
       ## Wir werden programmiert
       
       Vor allem stünden wir durch die neuen Technologien einer ganz neuen Form
       von Herrschaft gegenüber. Soziale Medien, Suchmaschinen, KI – all das ist
       ein so großer Teil unseres Alltags geworden, dass, wer dies kontrolliert,
       letztlich auch unser intimstes Begehren beherrsche. Wir werden nicht mehr
       diszipliniert, sondern „programmiert“.
       
       Mhalla ist eine neue Stimme unter den französischen Intellektuellen.
       Geboren in die tunesische Oberschicht, machte sie in Frankreich zum ersten
       Mal 2023 mit einer Radioserie über die Tech-Eliten auf sich aufmerksam.
       2024 folgte der Essay „Technopolitique“, der bald auf den französischen
       Bestsellerlisten landete. Und auch „Cyberpunk“ hat diese seit seinem
       Erscheinen fast nicht mehr verlassen.
       
       Bei all dem Insistieren darauf, dass wir in einer ganz neuen Welt leben,
       findet sich in dem Text wenig Neues. Zwar erfährt die Leserin interessante
       Details, etwa dass der Front National in den 1990er Jahren die erste große
       Partei Frankreichs war, die eine eigene Website unterhielt. Oder dass der
       argentinische Präsident Milei bereits 2024 eine Spezialeinheit schuf, die
       mithilfe von KI versucht, Verbrechen vorherzusagen. Aber es findet sich
       kaum eine Idee, die Mhallas VordenkerInnen [2][Shoshana Zuboff] oder
       Bernard Harcourt nicht längst aufgeschrieben haben.
       
       Andererseits zielt das Buch vielleicht mehr darauf zu bewegen, als zu
       erklären. Das ist ja gerade die Form des Manifests: eine Suche nach
       prägnanten Formulierungen. So warnt Mhalla, bald würden von der politischen
       Macht „nur noch Wände aus Algorithmen“ bleiben, „an denen Tausende
       Existenzen zerschellen“. Von der „Auslöschung der Seele“ schreibt sie, wo
       die deutsche Übersetzung nur von „Unterdrückung“ spricht. Und auch den Sog
       der neuen Rechten bringt sie auf den Punkt: „Faschist sein, das ist heute
       fun“.
       
       Überraschend ist vielleicht weniger die euphorische Rezeption von Mhallas
       Buch als das Ausbleiben einer drastischen Reaktion. Die Bedrohung durch die
       Tech-Konzerne ist bekannt. Sie zeigt sich, wenn [3][Elon Musk] die Ukraine
       im entscheidenden Moment kommunikationsunfähig macht. Aber auch, wenn
       demokratische Wahlen mithilfe von Nutzerdaten und Algorithmen gezielt
       manipuliert werden, wie in der Cambridge-Analytica-Affäre. Klar ist auch:
       Wer sich die Macht so nehmen kann, besitzt sie längst.
       
       Vor diesem Hintergrund klingt Mhallas Bericht vom Ende der Demokratie und
       der Freiheit fast beiläufig. So gut kennen wir längst den Verfall, den sie
       beschreibt, dass wir davon lesen, als wäre es nur ein weiterer
       Sci-Fi-Roman. Eine Geschichte, irgendwo am Ende des Universums, und nicht
       der Wandel unserer Welt.
       
       ## Hoffnungsloses Begehren
       
       Die letzten Kapitel sind eine Anleitung zum Widerstand. Der „kognitive
       Totalitarismus“ könne seine Macht nur ausüben, weil wir die Unterwerfung
       begehren, schreibt Mhalla mit einem Nicken an La Boétie, dessen
       „Freiwillige Knechtschaft“ auch in die Tradition der großen französischen
       Manifeste gehört. Die Lösung sei nun, etwas anderes zu begehren: die
       Freiheit.
       
       Nachdem Mhalla wortgewaltig dargelegt hat, wie tief die neue Form der
       Kontrolle reicht, erscheint diese Antwort kraftlos. Angesichts der
       Unterwerfung unserer intimsten „Begierden und Bedürfnisse“ scheint der Weg
       in ein neues Begehren nicht die Lösung zu sein, sondern das Problem. Aus
       diesem Widerspruch klingt eine gewisse Hilflosigkeit heraus. Aber das muss
       nicht gegen ein Manifest sprechen, dessen erklärte Aufgabe es ist, die
       Probleme der Zeit zu erfassen, nicht sie zu lösen.
       
       6 Aug 2026
       
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