# taz.de -- Migranten in Russland: Straßenreiniger aus China und Indien
> Wegen hoher Kriegsverluste setzt der Kreml jetzt auf Migration. Die
> ankommenden Menschen werden mit viel Geld gelockt und oft Opfer
> fremdenfeindlicher Gewalt.
(IMG) Bild: Ein Straßenreiniger in Moskau
Seit der russischen Vollinvasion in der Ukraine sind 1,4 Millionen
russische Soldaten gefallen oder so schwer verwundet worden, dass sie in
der Armee ausfallen – und meist auch an ihren früheren Arbeitsplätzen.
Zwischen Kaliningrad und Kamtschatka fehlen immer mehr Arbeitskräfte:
aktuell laut der Moskauer Wirtschaftshochschule HSE 2,6 Millionen, allein
in der Hauptstadt 500.000.
Russland braucht Migration: „Ausländische Arbeitskräfte ermöglichen es
russischen Unternehmen, den Personalmangel in den Bereichen Bauwesen,
Logistik, Wohnungs- und Kommunalwirtschaft, Dienstleistungen und Industrie
auszugleichen“, sagt Julia Kusnezowa, Expertin der Consultingfirma
„Laboratorija smyslow“ (Labor der Ideen) in St. Petersburg.
Während das Riesenreich Migration braucht, schreckt es zugleich die
einwandernden Menschen ab: „Jeder Migrant muss bei der Registrierung ein
Mobiltelefon kaufen. Auf diesem Handy wird sein elektronisches Profil
gespeichert. Und wir werden den Aufenthaltsort jedes Migranten kennen“,
verkündete Vize-Innenminister Igor Subow Mitte Juli. „Ein Migrant wird
nicht unkontrolliert von einem Ort an einen anderen umziehen können.“
Die App „Amina“ übermittelt der russischen Polizei die Aufenthaltsdaten der
User. Aktuell gibt es in Russland laut offizieller Statistik 5,7 Millionen
ausländische Arbeitskräfte, 10 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Denn vor
allem aus Zentralasien und dem Kaukasus kommen weniger Menschen nach
Russland – obwohl Personen aus den Nachfolgestaaten der UdSSR keine Visa
brauchen.
## Immer mehr Schikanen
Aber es gibt zunehmende Schikanen spätestens seit dem Anschlag auf das
Moskauer Ausstellungs- und Konzertzentrum „Krokus“ im März 2024. Für den
Anschlag mit 151 Getöteten wurden vier Tadschiken verurteilt, nachdem sie
in U-Haft gefoltert worden waren.
Seither wurde der visafreie Aufenthalt auf 90 Tage halbiert. Kinder dürfen
nur nach schweren Russisch-Tests in die Schule gehen, 2025 fielen 87
Prozent durch die Aufnahmeprüfung. Wer sein Visum nicht rechtzeitig
verlängert bekommt, riskiert Kontensperrung und Wohnungsverlust. Die Zahl
der ausgegebenen Arbeitserlaubnisse an Menschen aus Staaten der
Ex-Sowjetunion ist im ersten Halbjahr um 21 Prozent auf 1,1 Millionen
gesunken.
So setzt der Kreml jetzt auf gezielte Anwerbung in Asien und Afrika. Im
ersten Halbjahr wurden bereits fast 150.000 Arbeitsvisa erteilt: über
70.000 in China, fast 34.000 in Indien und etwa 10.000 in Vietnam. Gelockt
wird mit Löhnen wie für Einheimische: etwa 1.100 Euro für Straßenreiniger
in St. Petersburg mit zusätzlich kostenloser Unterkunft und Gratis-Essen
oder 1.500 Euro bei der Staatsbahn RZD und 600 bis 800 Euro auf dem Bau.
Zuletzt hat Kremlchef Wladimir Putin eine nahezu grenzenlose Anwerbung
ausländischer Arbeitskräfte erlaubt. Das kritisiert der Abgeordnete Dmitrij
Asejew in der Wolgastadt Samara: „Unsere Leute werden entlassen und wir
holen welche aus Indien“, kommentierte er die ersten Anstellungen von 35
Indern bei der Bahn. Ein indischer Diplomat in Moskau indes nannte es eine
Win-win-Situation: „Russland will Arbeiter importieren, Indien seine
Arbeitslosigkeit exportieren.“
## Sprachbarriere als Hauptproblem
Der wegen des Krieges nach Litauen geflohene russische Wirtschaftsprofessor
Igor Lipsiz sieht die Sprachbarriere als Hauptproblem: „Man holt Menschen
ins Land, mit denen man sich nicht verständigen kann. Das bedeutet, dass
sie nur für einfachste Tätigkeiten wie Transporte, Reinigungsarbeiten und
Schneeschippen eingesetzt werden können.“ Aber es müsse darum gehen,
qualifizierte Arbeitskräfte zu gewinnen – sie seien für das Land am
wichtigsten.
Russland ziele vor allem auf Indien und China, „um die Zahl muslimischer
Einwanderer zu verringern“, meint Ökonom Andrej Jakowlew. Zuständig dafür
ist die staatliche Agentur Intrud in Moskau – Abkürzung für ausländische
Arbeitskräfte. 2025 wurden langfristige Arbeitskräfteanwerbeabkommen
geschlossen.
Laut Julia Kosarewa von WMT Consult müssten Unternehmen ein Jahr im Voraus
Bedarfe anmelden, Flüge zahlen, Unterkünfte organisieren und Dolmetscher –
und bei Verletzungen des Immigrationsrechts hohe Strafen zahlen. Scheitert
die Anwerbung, muss die anfordernde Firma trotzdem zahlen.
Wie in der Rüstungsstadt Alabuga: Von dort angeworbenen 500 Arbeitskräften
aus Uganda kamen nur 60. Dennoch stellen bereits 37 Prozent der russischen
Unternehmen ausländische Arbeitskräfte ein, 43 Prozent erwägen es – vor
2022 waren es nur 5 Prozent.
## Gewaltsame Razzien
[1][Die russische Menschenrechtsorganisation „Sowa“ (Eule) registrierte
voriges Jahr 276 Fälle xenophober Gewalt]. Die Polizei mache regelmäßig
gewaltsame Razzien in Moscheen oder schlage Migranten in Banjas und
Wohnheimen. Zuletzt kam es auch zu sexuellen Übergriffen in
Rüstungsfabriken und völliger Isolation der Migrierten in Alabuga.
Dazu kommen unbezahlte Überstunden, Umgang mit giftigen Chemikalien in
Fabriken und Alltagsrassismus. Immer wieder kommt es in Russland auch zu
Morden an Zugewanderten. Wirtschaftsminister Maxim Reschetnikow fordert
bereits einen anderen Weg: Russland solle verstärkt seine Rentner wieder
arbeiten lassen. Von ihnen gebe es 40 Millionen.
5 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Russlands-Wirtschaft/!6141064
## AUTOREN
(DIR) Mathias Brüggmann
## TAGS
(DIR) Russland
(DIR) Migration
(DIR) Xenophobie
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) wochentaz
(DIR) Privatschulen
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Krise in Russland: Jetzt sollen es die Frauen richten
Die Millionenverluste an der Front sollen nun weibliche Arbeitskräfte in
Fabriken ausgleichen. Dabei wächst nun auch in Russland die
Kriegsmüdigkeit.
(DIR) Migrant*innen in Russland: „Wir sind hier für alle die Sündenböcke“
Arbeitsverbote, Polizeiwillkür, Alltagsrassismus: Die Situation für
Migrant*innen in Russland wird immer unerträglicher.
(DIR) Migrantenkinder in Russland: Wer kein Russisch spricht, fliegt
In Russland verwehrt ein neues Gesetz bestimmten Kindern den Schulbesuch.
Zum Glück gibt es private Initiativen, die für Ausnahmen sorgen.